Stasi-Affäre Links bleibt links

Dürfen Ex-Spitzel Politiker werden? Ja, findet Moritz Schuller. Aber ihre Resozialisierung braucht klare Maßstäbe. Ein Kommentar

Der deutsche Politbetrieb ist traditionell ein aufwendiges Resozialisierungsprogramm. Wieder und wieder ging es darum, Menschen ins Boot zu holen, die vorher lieber gegen den Strom geschwommen waren. Resozialisierung ist etwas, was die Demokratie schon immer gut leisten konnte. Nachdem Herakles im Wahn seine Frau und Kinder umgebracht hatte, lud ihn Theseus nach Athen ein. Ein Verrückter mehr oder weniger, lautete das Argument des Königs, macht den Kohl auch nicht fett.

Nach dem Ende des "Dritten Reichs", nach dem Ende der Studentenrevolte, nach dem Ende der DDR: Immer wieder wurde eine ganze Generation in ein politisches System integriert, dem sie skeptisch gegenüberstand. Und machte der eine oder andere dieser Verrückten politisch groß Karriere, wurde das allgemein sogar als eindrucksvoller Reifeprozess bewundert.

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Strukturell unterscheidet sich also die Wiedereingliederung ehemaliger DDR-Funktionäre ins politische Leben dieses Landes kaum von denen der Vergangenheit. Früher oder später landen alle, das zeigt sich im Rückblick, im politischen Mainstream. Es ist ein Prozess, der gern als aufklärerisch überhöht wird, in Wahrheit aber eine gesellschaftliche Belastung, ein retardierendes Moment darstellt: Wie schon bei den Grünen muss sich das Land nun wieder mit Fragen des gesunden Menschenverstands auseinandersetzen, zum Beispiel der, ob es richtig oder falsch ist, andere Menschen zu bespitzeln. Das ist Zeitverschwendung, aber angesichts der deutschen Geschichte kaum zu ändern.

Politische Resozialisierung gelingt jedoch nur, wenn die Maßstäbe klar sind, zu denen sie zu haben ist. Und davon kann derzeit nicht die Rede sein. Matthias Platzecks Anforderung an seine Koalitionsgenossen von der Linken scheint sich inzwischen darin zu erschöpfen, dass sie die historische Existenz der Stasi nicht leugnen.

Auch der Berliner Innensenator verlangt nicht viel. Ehrhart Körtings vermeintlich aggressives Wort von den Autonomen als "rot lackierten Faschisten" ist keine Diffamierung der Autonomen, wie die Linke vermutet, sondern linke Dialektik: Linke, die Autos anzünden, sind Rechte; Rote können schließlich keine Faschisten sein. Körtings Bemerkung ist das Angebot an die Linke, im Namen des Antifaschismus gegen die Autonomen vorzugehen. Er biedert sich ihrem Denkmuster an.

Vor Jahren noch forderte Körtings Genosse Walter Momper von den Grünen, dass sie bereit sein müssten, "die notwendige repressive Seite von Sicherheit und Ordnung mitzutragen". Vorher wollte er mit ihnen in Berlin keine Koalition eingehen. Heute bittet der Senator Linke-Abgeordnete, mit denen er bereits koaliert, vergeblich darum, sich von jenen militanten Autonomen zu distanzieren, die jede Nacht gegen "die repressive Seite" des Staates vorgehen. 

Maßstäbe aufrechterhalten kann nur, wer Maßstäbe hat und den Mut, sie durchzusetzen. Sonst werden sie von denen gesetzt, die noch immer andere haben.

 
Leser-Kommentare
  1. die DDR hat in ihrem Verständniss von Diktatur des Proletariats in 40 Jahren mehr als 130 Menschenleben genommen und einige hunderttausend Menschen kriminalisiert!
    Sie hatte in ihrem Kern einen autoritär bürokratisierten Polizeistaat gespielt wobei sie auch immmer ein Wachposten (heute nennt man es eher Stützpunkt) des grossen Bruders (Sowjets)war.

    Was sich in den 40 Jahren angestaut hat wird heutzutage in vereinigten Deutschland z.B. von der Bundeswehr in Kunduz in wenigen Sekunden mit 142 Toten durchgeführt.

    Das Perverse an derartigen Geschichten ist das sie aus freien Stücken entstehen unter dem Deckmantel einer deutschen Demokratie!
    Worin liegt ihrer Ansicht die Verhältnissmässigkeit der Verhältnisse? Kommen sie mir nicht damit das Komandos ein Verfahren gemacht wird oder die Opferfamilien entschädigt werden das haben wir in der Vergangenheit(dritte reich erben...) gesehen.

    Mit antifaschichten Grüssen

    Trizmachine

  2. Wenn die Damen und Herren Ex-DDR-Bonzen sich resozialisieren wollen, müssten sie in meinen Augen Verantwortung übernehmen. Da bedeutet konkret: alle vom Staat DDR geschädigten um Verzeihung bitten und monetäre Wiedergutmachung leisten. Der erste Schritt wäre allerdings, dafür zu sorgen, daß die Verherrlichung der DDR-Zustände aufhört, damit die Bevölkerung mal erwachsen werden kann, die sich teilweise immer noch nicht damit abfinden kann, daß heute nicht mehr für alles der Staat verantwortlich ist.

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    Ich finde es sehr falsch alle über einen Kamm zu scheren.,W ri reden hier nicht von Nationalsozialisten die mehrere millionen menschen direkt ermordet haben, sondern um Menschen, die teilweise schlimme und verchtesnwerte taten begangen haben udn teilweise nichts schlimmeres getan haben als heute studivz. Man muss die Kirche mal im Dorf lassen! Alle ehemalige Stasi Mitglieder ob offiziell oder infoffiziell über einen Kamm zu scheren ist zum einen eine Sippenstrafe, die dem humanistischen glauben an das individuum nicht gerecht wird und zum anderen eine verharmlosung der schlimmen taten von bestimmten stasimitarbeitern, die diekt von oben isntruiert wurden.

    Diese Differenzierung nicht zu trffen ist ideoliogischer Populismus und kalkül einer rechts-konservativen Politik, die alles linke vernichten will, ob man nun über SPD herzieht aufgrund vergangener verfehlungen, ale linken aktivisten als Linksextrem beezeichnet und mit rechtsextremen gleichsetzt, oder durch generalveruteilungen die Linkspartei untergraben will.

    Und ich hoffe von ganzen Herzen, dass ich die CDU nicht so lange ertragen muss wie unter Kohl, das würde meine Auswanderung bedeuten.

    Ich finde es sehr falsch alle über einen Kamm zu scheren.,W ri reden hier nicht von Nationalsozialisten die mehrere millionen menschen direkt ermordet haben, sondern um Menschen, die teilweise schlimme und verchtesnwerte taten begangen haben udn teilweise nichts schlimmeres getan haben als heute studivz. Man muss die Kirche mal im Dorf lassen! Alle ehemalige Stasi Mitglieder ob offiziell oder infoffiziell über einen Kamm zu scheren ist zum einen eine Sippenstrafe, die dem humanistischen glauben an das individuum nicht gerecht wird und zum anderen eine verharmlosung der schlimmen taten von bestimmten stasimitarbeitern, die diekt von oben isntruiert wurden.

    Diese Differenzierung nicht zu trffen ist ideoliogischer Populismus und kalkül einer rechts-konservativen Politik, die alles linke vernichten will, ob man nun über SPD herzieht aufgrund vergangener verfehlungen, ale linken aktivisten als Linksextrem beezeichnet und mit rechtsextremen gleichsetzt, oder durch generalveruteilungen die Linkspartei untergraben will.

    Und ich hoffe von ganzen Herzen, dass ich die CDU nicht so lange ertragen muss wie unter Kohl, das würde meine Auswanderung bedeuten.

    • graupa
    • 10.12.2009 um 10:03 Uhr
    3.

    Im Gegensatz zum Autor bin ich der Meinung, dass typisch für die Linke im Osten ist, dass ihre Mitglieder mit (und nicht gegen) den Strom geschwommen sind (im Brandenburger Parlament sitzt ja sogar ein ehemaliger Aufseher aus einem DDR-Gefaengnis). Und wenn sie heute die DDR schönreden, so tun sie dies für eine Klientel, bei der man mit dieser Meinung nicht auf Widerstand stösst, sondern offene Türen einrennt. Von "gegen den Strom Schwimmen" kann also keine Rede sein. Die Durchsetzung der Linken im Osten mit alten DDR-Kadern zeigt, dass es sich bei ihr nicht in erster Linie um eine linke Partei handelt, sondern nach wie vor um eine Nachfolgepartei der SED.

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    [...] (Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion /ft)

    [...] (Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion /ft)

    • P. R.
    • 10.12.2009 um 10:42 Uhr

    Ich persönlich finde es auch gut, dass die Vergangheit von Abgeordneten kritisch beäugt wird und Verantwortliche für das Leid in der DDR-Diktatur zur Verantwortung gezogen werden. Doch obwohl ich beileibe keine großer Freund der Partei DIE LINKE bin, kann ich nur sagen "Alle oder Keiner" Schließlich gibt es bestimmt auch CDU, Grüne, SPD, FDP und Anhänger weiterer Parteien die sich in diesem Bereich schuldig gemacht haben. Also sollten auch diese umfassend geprüft werden.

  3. [...] (Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion /ft)

    Antwort auf "Kommentar Nr. 3"
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    darauf lässt sich Ihr Kommentar reduzieren.
    Motto: weil man es nach 45 den Nazis zu leicht machte, darf man nach 89 auch den Kommunisten nichts nachtragen.

    darauf lässt sich Ihr Kommentar reduzieren.
    Motto: weil man es nach 45 den Nazis zu leicht machte, darf man nach 89 auch den Kommunisten nichts nachtragen.

    • graupa
    • 10.12.2009 um 11:17 Uhr
    6.

    Der Unterschied zur Nachkriegszeit wird wohl darin bestehen, dass es damals keine Partei gab, die sich als Nachfolgepartei der NSDAP verstand. Die Linke ist zur (Re-)Sozialisierung gerade deshalb ungeeignet, weil dort die Zugehörigkeit zur SED nicht als etwas zu gelten scheint, was man vergessen machen möchte, sondern als etwas, auf das mans stolz ist.

  4. darauf lässt sich Ihr Kommentar reduzieren.
    Motto: weil man es nach 45 den Nazis zu leicht machte, darf man nach 89 auch den Kommunisten nichts nachtragen.

    Antwort auf "Diesen Kommentar"
    • xpol
    • 10.12.2009 um 18:20 Uhr

    ... Unterschied der Entwicklung im wiedervereinigten Deutschland zur teilgescheiterten Entnazifizierung ist der:
    Die Altnazis mussten sich in demokratische Strukturen integrieren. Ihr Erfolg in diesen Strukturen war davon abhängig, wie weit sie sich glaubwürdig von ihrer Vergangenheit distanzieren konnten.
    Die Stasiverbrecher haben das nicht nötig, sie konnten sogar ihre Parteistruktur behalten und in dieser Struktur wieder zu Macht gelangen - und das merkt man ihren politischen Vorstellungen und Methoden durchaus an.

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