ProtesteDie Türken brauchen keinen Übervater mehr

Die Proteste zeigen, wie wichtig die Zivilgesellschaft in der Türkei geworden ist. Das Land muss sein autoritäres Staatsverständnis überwinden, kommentiert L. Jacobsen. von 

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan (Archiv)

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan (Archiv)  |  © Adem Altan/AFP/Getty Images

Zuerst muss man zwei in diesen Tagen besonders beliebte Vergleiche aus dem Kopf bekommen, um wirklich zu verstehen, was die Proteste in Istanbul bedeuten. Was dort auf dem Taksim-Platz passiert, hat nichts mit den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo vor zwei Jahren zu tun. Die Türkei erwartet keine Revolution und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan ist auch kein Diktator wie weiland Ägyptens Präsident Hosni Mubarak. Taksim ist aber auch nicht der Stuttgarter Schlosspark, die Demonstranten sind nicht bloß Wutbürger im Kampf gegen Steuergeldverschwendung und falsche Stadtplanung.

Beide Bilder verstellen in ihrer Übertreibung beziehungsweise in ihrer Verharmlosung den Blick auf das, was tatsächlich geschehen ist: An diesem Wochenende war in Istanbul zu beobachten, wie die türkische Zivilgesellschaft erwachsen wird. Vielleicht sind die Proteste sogar der Anfang vom Ende des autoritären Staatsverständnisses, das die Nation seit ihrer Gründung prägt.

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Denn der Führungsstil Erdoğans, gegen den sich die Proteste vor allem richten, steht für das, was jahrzehntelang von türkischen Spitzenpolitikern erwartet wurde: Einzelne, starke Männer mussten sie sein, die im Alleingang den Kurs der Nation bestimmen. So hatte Mustafa Kemal Atatürk vor 90 Jahren die türkische Republik gegründet. Bis heute ist der Übervater der Türkei Vorbild und Referenz für alles, was im Land politisch passiert.

Inszenierung des einzelnen, starken Mannes

Erdoğan knüpft an Atatürk an, wo er nur kann: Er inszeniert sich ähnlich, mit riesigen Plakaten und Bildern, auf denen er visionär in die Ferne blickt. Er versteht seine Partei AKP als Erfüllungsgehilfe und versucht, mit einer neuen Verfassung die Macht im Staat noch stärker an der Spitze zu konzentrieren. Jahrelang hat das funktioniert. Nun aber scheinen immer mehr Türken genug davon zu haben.

Sie stören sich vor allem an der demonstrativen Ignoranz, mit der Erdoğan mittlerweile seinen Kritikern begegnet. "Ihr könnt machen, was Ihr wollt. Wir haben uns schon entschieden", sagte er einige Tage vor den Protesten zu den Gegnern des Taksim-Umbaus. Die Baupläne selbst waren im vergangenen Jahr im Handstreich beschlossen worden, ebenso eine gigantische dritte Bosporusbrücke. Sie soll nach Sultan Selim benannt werden, der den Beinamen "Der Grausame" trug und die Schiiten und Aleviten im Osmanischen Reich brutal verfolgte. Nicht eben eine versöhnende Geste in der multireligiösen und multiethnischen Türkei. Aber das ist Erdoğan offenbar schon lange egal. In der türkischen Politik gewann man bisher nichts mit Versöhnung und Kompromissen, sondern mit Stärke, Strenge, Durchsetzungsvermögen.

Lenz Jacobsen
Lenz Jacobsen

Lenz Jacobsen ist Redakteur im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Vor allem die jungen, westlichen und säkularen Eliten in den Großstädten nehmen das nicht mehr hin. Der Taksim-Platz im Istanbuler Ausgehviertel ist ihr Zuhause und ein Symbol für ihren Lebensstil. Den hatte Erdoğan zuletzt immer direkter angegriffen: Einmal ließ er in einem nahen Kneipenviertel, das an Sommerabenden völlig überfüllt ist, alle Tische und Stühle aus den engen Gassen räumen. Vermeintlich aus Sicherheitsgründen und wegen fehlender Genehmigungen. Aber viele wütende Istanbuler vermuteten dahinter eher einen weiteren Schritt zur Islamisierung des Landes. Auf den Straßen solle nicht getrunken werden. Dazu passt ein Gesetz der Regierungspartei aus diesem Jahr, das den Alkoholverkauf einschränkt und das Erdoğan mit dem Satz kommentierte: "Die Gebote der Religion sind nicht verhandelbar." Am heutigen Sonntag nannte er die Taksim-Demonstranten dann kurzerhand "Radikale" und "Plünderer".

Leserkommentare
  1. der leider nichts über die heutig Situation in der Türkei aussagt.

    Was ist passiert? Wurde wirklich versucht, den Präsidentenpalast zu erreichen, gab es wirklich Tote, in wie vielen Städten wurde demonstriert usw. usw. Wurde das Internet gestern gedrosselt usw. usw.

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    Laut den türkischen Medien war Facebook nicht erreichbar. Islamistische Medien haben dieses Thema kaum wahrgenommen. Es wurde in sehr vielen Städten, sogar in erzkonservativen Städten wie Konya demonstriert. Einzige Ausnahme Sivas und Erzurum. Diese Städte sind bekannt für Ihre militant islamische Gesinnung. 1993 wurden in Sivas 35 Intellektuelle verbrannt.

    Der Artikel ist meiner Ansicht nach gut geschrieben. Als Sozialanthropologin und Halbtürkin stimme ich Lenz Jacobsen zu. In der Türkei ist eine Umwälzung spürbar. Erdogan weiss, dass er nicht machen kann, was er will. Auch einen "islamischen" Staat wird es nicht geben, da die vergangene Geschichte die Türkei geprägt hat. Trotz "Islamisierung", die Erdogan meiner Meinung nach anstrebt, hat er auch viel Positives bewirkt, wenn man die Kurdenproblematik anschaut und der wirtschaftliche Boom. Trotzdem: Die Türkei ist laizistisch und sie soll auch laizistisch bleiben. Religion hat in der Politik nichts zu suchen.

    Nein, zumindest auf Landesebene und bis bis Samstag Abend wurde der Internetverkehr nachweislich nicht gedrosselt. Es kann lokal zu Überlastungen der Netze gekommen sein (siehe Boston), aber auf Landesebene konnten keine auffälligen Veränderungen festgestellt werden.

    Quelle (mit schönen Graphen): http://www.renesys.com/20...

    Zensur im Internet bleibt natürlich ein Problem.

    Weil das so ist, führt der Weg seit Jahren nach oben. Mustafa Kemal Atatürk war der Begründer der modernen Republik Türkei. Diese hat in den seither vergangenen Jahrzehnten grosse Krisen erlebt, aber alle überstanden. Erdogan hat wahrscheinlich zwei Gesichter und es schlagen zwei Herzen in seiner Brust. Einerseits weiss er, dass der Kemalismus schon aus reinem Pragmatismus nicht abgeschafft werden darf. Andererseits möchte er das schon irgendwie tun, zumindest partiell. Es ist zu vermuten, dass seine Zeit langsam abläuft.

    • gooder
    • 02. Juni 2013 20:45 Uhr

    Die erste massive innenpolitischen Niederlage Erdogans, folgt dem außenpolitisches Debakel, denn seine Aggression gegen Syrien brachte nicht den von ihm erhofften Erfolg.
    Erdogan sollte seinen politischen Kurs schleunigst überdenken, bevor der Volkszorn so richtig überkocht, denn chaotische Zustände nützen niemanden.

    10 Leserempfehlungen
  2. das die Polizei in Istanbul wieder Tränengas einsetzt. Barrikadenfeuer im Hintergrund.

    Ein Wasserwerfer löschte die Barrikaden. Die Demonstranten haben sich weitgehend zurückgezogen. Der Wasserwerfer verfolgte die Demonstranten.
    Die Strasse ist wieder frei.

    Zurück bleiben Straßenbarrikaden aus Steinen über die gesamte Straßenbreite.

    Dort wird Katz und Maus gespielt und offensichtlich hat die Polizei schlechte Karten.

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  3. Das war schon immer das Ziel der Islamisten seit Erbakan auf dem Taksimgelände eine Moschee zu errichten. Als ob Istanbul nicht übr genügend Moscheen verfügen würde und als ob die Türkei nicht die meisten Moscheen der Welt besitzt.
    http://www.sivaslilar.net...

    Erdogan hat sein vorhaben mit den Worten, "wir werden ein EKZ und eine Moschee bauen", zementiert. Er bezeichnet die Demonstranten als Capulcu (zu deutsch: Plünderer, Marodeur)
    http://www.radikal.com.tr...

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    "Erdogan hat sein vorhaben mit den Worten, "wir werden ein EKZ und eine Moschee bauen", zementiert."

    Das charakterisiert die AKP und Erdogan wohl ziemlich gut. Die Menschen sollen konsumieren, beten und ansonsten das Maul halten.

  4. Laut den türkischen Medien war Facebook nicht erreichbar. Islamistische Medien haben dieses Thema kaum wahrgenommen. Es wurde in sehr vielen Städten, sogar in erzkonservativen Städten wie Konya demonstriert. Einzige Ausnahme Sivas und Erzurum. Diese Städte sind bekannt für Ihre militant islamische Gesinnung. 1993 wurden in Sivas 35 Intellektuelle verbrannt.

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    Wie kommen sie darauf, dass in Sivas nicht demonstriert wurde??? -> https://www.facebook.com/...

    dass ich mich geirrt habe. Danke.

  5. "Die Gebote der Religion sind nicht verhandelbar."

    Das sollten wir alle stets auf dem Schirm haben, wenn wir über gewisse Weltreligionen sprechen!

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