Wenn Tatjana aus Tschernihiw ihre Verwandten in Russland anruft und sie über die Ukraine reden, dann streiten sie. Ihre Familie ist typisch sowjetisch: Tatjana ist in Belarus aufgewachsen und lebt seit Jahrzehnten in der Ukraine, ihr Mann ist ein ukrainischer Kriegsveteran der Roten Armee und die Verwandten leben in Russland. Redet sie mit ihnen über Politik, geht es meistens um das, was sie im russischen Fernsehen aufgeschnappt haben: über die Faschisten in Kiew oder den Genozid im Donbass. Dann beginnt der Streit.

Tatjana, die ihren Sohn auf dem Maidan verlor, als er Janukowitschs Regime schützte, verteidigt den Kampf ihres Landes um Unabhängigkeit und Souveränität. Ihr einziges Kind ist tot, umgebracht in den letzten Tagen des Maidan, weil er auf der falschen Seite stand; sie aber unterstützt mit Spenden die ukrainische Armee und sagt ihren Verwandten, dass sich die Russen aus den Angelegenheiten der Ukrainer raushalten sollten. Die Verwandten verstehen sie nicht, aber man liebt sich, also haben sie sich irgendwann darauf geeinigt, nicht mehr über Politik zu reden.

Immerhin, sie reden miteinander. Es gibt Nachbarn, die sich entzweit haben und russisch-ukrainische Familien, die vorher wöchentlich telefoniert haben und nun nichts mehr miteinander zu tun haben wollen. Es gibt Ehen, die über die Ukraine-Frage geschieden wurden und Brüder, die gegeneinander kämpfen – der eine in der ukrainischen Armee, der andere aufseiten der Separatisten.

Wohl keine anderen Länder in der Region sind so stark durch Familiengeschichten miteinander verbunden wie die Ukraine und Russland, nirgends ist die ukrainische Diaspora so groß wie in Russland, umgekehrt leben viele Russen in der Ukraine. Beide Länder pflegten in sowjetischer Zeit enge Beziehungen, die von einer verordneten Geschichtsschreibung flankiert wurden – bis sich die Ukraine 1991 für unabhängig erklärte.

Damit bekam das Bild, die Ukraine sei kein eigenständiger Staat, sondern ein Anhängsel Russlands, erste Risse. Seitdem gab es immer wieder politische Spannungen zwischen beiden Ländern, die ihren Anfang lange vor dem Maidan hatten (und nicht nur das Gas betrafen). Die Direktorin der ukrainischen Bibliothek in Moskau wurde vergangene Woche wegen Verbreitung extremistischer Schriften angeklagt – Ähnliches hatte sie bereits 2010 erlebt.

Doch mit dem Maidan haben sich die Ukrainer vollends emanzipiert, die russische Einmischung in der Ostukraine ist eine Folge davon. Der Leiter der Organisation Ukrainer in Moskau, Walerij Semenenko, sagt, dass die Aktivitäten der russischen Behörden gegen ukrainische Institutionen zwar nicht neu seien; früher seien sie jedoch sporadisch erfolgt, nun hätten sie System.

Der Krieg spaltet die Länder, bisweilen mit abenteuerlichen Folgen. Beide Länder haben jeweils Bücher verboten. In der Ukraine sind mittlerweile russische Fernsehsender aus dem Kabelnetz verbannt, Russen dürfen dort seit September keine TV- oder Radiosender mehr gründen oder im Mediengeschäft führend tätig sein. In Moskau wiederum wird gegen Menschen wie Walerij Semenenko ermittelt und sein Haus durchsucht. Eine politische Einschüchterungsmaßnahme, davon ist Semenenko überzeugt.

Das ukrainische Kulturzentrum im Herzen Moskaus soll kürzlich "unerwarteten Besuch" bekommen haben, kommentieren aber wolle man das auf keinen Fall, jede Nachfrage wird brüsk abgewiesen. Und die Bilder der Direktorin der ukrainischen Bibliothek in Moskau, wie sie vergangene Woche in einem Gerichtssaal den russischen Gepflogenheiten entsprechend in einen Käfig gesperrt wird, beleben bei russischen Zuschauern die Phantasie, dass Ukrainer gefährlich seien. In diesen Tagen sucht sich der politische Streit viele Bühnen. Wirklich tragisch ist, dass er selbst vor Menschen nicht Halt macht, die bisher jeder Spaltung getrotzt haben, sei es aus fehlendem politischen Interesse, aus Pragmatismus oder gar Idealismus.

Der Flughafen Boryspil bei Kiew wurde 1959 mit dem Linienflug Kiew-Moskau eröffnet, doch seit Ende Oktober gibt es keine direkte Verbindung zwischen Russland und der Ukraine. 680.000 Passagiere flogen bisher jährlich zwischen Kiew und Moskau. Jetzt haben die Ukrainer russische Fluglinien verboten und die Russen als Gegenreaktion ukrainische Fluglinien gesperrt. Dass die Preise für die Tickets teuer werden, ist zu erwarten. Dass Russen und Ukrainer sich seltener begegnen werden, auch.

Dabei bot jede dieser Reisen die Möglichkeit, zu diskutieren und vielleicht das Bild geradezurücken, das die Staatspropaganda entworfen hatte. Vorbei. Doch wer künftig von Kiew nach Moskau will, muss in Riga, Warschau oder Minsk umsteigen. Moskau? War nie weiter weg.