TreibstoffeTank statt Tonne

Der Anbau von Energiepflanzen bindet weltweit wertvolle Ackerflächen. Mit neuer Technik lässt sich Sprit aus Abfällen, Pflanzenresten und Industrieabgasen herstellen. von , Susanne Kutter, Wolfgang Kempkens und Alexander Busch

Ein bisschen unappetitlich ist der Gedanke schon: Man steht mit seinem Auto an der Zapfsäule und tankt Haut, Blut und Knochen vom Schwein. Aber genau das ist heute schon Realität. Der halbstaatliche finnische Ölkonzern Neste Oil kippt seit Dezember 2011 täglich Tausende Tonnen unbrauchbares Tierfett aus Schlachtereiabfällen aus ganz Europa in die Tanks seiner größten europäischen Ökoraffinerie im Rotterdamer Hafen. Aber damit nicht genug: Lkw und Lastschiffe schaffen Reste aus der Fischindustrie und altes Bratfett aus Großküchen herbei. Das Endprodukt: rund eine Milliarde Liter Biodiesel pro Jahr.

Dafür muss die zähflüssige Abfallmixtur nur gereinigt werden, bevor sie in einer chemischen Reaktion mit Wasserstoff versetzt wird. Mit seinem Abfallsprit sieht Matti Lievonen, der Chef von Neste Oil, sein Unternehmen als Vorreiter: "Künftig werden wir zwei Drittel unseres Biosprits aus Abfall herstellen", verspricht er. Den Anteil von Palmöl, Raps und Soja an seinem Diesel will Lievonen kontinuierlich senken.

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Die Finnen sind nur ein Beispiel für einen viel größeren Trend. Eine wachsende Zahl von Unternehmen wandelt Abfall in Treibstoffe um: Stroh, Restholz, Industrieabgase, Hausmüll und Plastik. Was früher meist ineffizient verbrannt wurde, wird damit zu einer wertvollen Ressource.

Und die hat laut Thomas Willner, Professor für Verfahrenstechnik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, riesiges Potenzial. "Mit Abfällen ließe sich schon heute die Hälfte des deutschen Treibstoffbedarfs decken", sagt Willner. Er selbst arbeitet daran, auch Schweröl und Klärschlamm in Sprit zu verwandeln.

Ackerfrüchte wieder für den Teller

Die 27 EU-Länder könnten laut einer Studie von Bloomberg New Energy Finance mit neuen technischen Methoden aus Bioabfällen schon 2020 jährlich 90 Milliarden Liter Ethanol herstellen – genug, um über 60 Prozent des Benzinverbrauchs in der EU zu decken.

Der neue Trend zum Tank statt zur Tonne schützt auch das Klima, weil er den Verbrauch von Erdöl senkt, bei dessen Verbrennung als Treibstoff sonst CO2 entstünde. Aber vor allem markiert der technologische Wandel eine Revolution für den Biosprit. Denn wenn Abfall zu Kraftstoff wird, können die Früchte von Mais, Raps und Soja wieder auf den Teller kommen. Bislang landet etwa in den USA noch rund die Hälfte der Maisernte in Ökobenzin.

Politischen Rückenwind bekommen die Abfallinnovationen durch einen aktuellen Vorstoß aus dem EU-Parlament sowie eine Studie der EU-Umweltagentur: Demnach soll der Anteil an Abfall im Biotreibstoff bis 2020 drastisch erhöht werden.

Dass das möglich ist, zeigen die Unternehmen, die Reporter der WirtschaftsWoche auf der ganzen Welt besucht haben: in Deutschland, den USA, China, Brasilien und Irland. Eine Reise zu den Hotspots der Spritproduktion der Zukunft.

Leserkommentare
  1. Früher - und es werden immer noch ein paar rumfahren - gab es Holzvergaserautos. Von mir aus 15Kg Holz auf 100Km an Verbrauch.
    Jetzt macht man aus Holz(abfälle?) " Treibstoff ".
    Wie viele Kg auf 100Km?

    Noch unverständlicher - altes Frittenfett aufwendig zu Bioethanol zu machen. Spätestens dies kann sich doch gar nicht lohnen!
    Simple Filtration.....und schon wäre es in Dieselmotoren Treibstoff. Elsbet-Motor als Stichwort. Obwohl, praktisch jeder Dieselmotor könnte damit fahren.
    Aus 5,5L Frittenfett werden nach Filtration 5L Diesel = 100Km Fahrtstrecke.
    Aus 5,5L Frittenfett jedoch aufwendig Bioethanol zu machen, blieben vielleicht umgerechnet1,5L übrig, ist wohl keene lange Reise angesagt.

    Diese Art der Berechnung - fassbare Praxiswerte!! - hätten dem durchaus interessanten Artikel gut angestanden.

    Nur so am Rande, nebenbei

    3 Leserempfehlungen
    • joG2.0
    • 21. Juli 2013 18:56 Uhr

    ....sollte sofort umgesetzt werden. Sind die 30 Cent pro Liter vergleichbar zu bBenzin oder Diesel im Energiewert?

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  2. In Freiberg hat vor zwei Jahren (glaube ich) eine Firmanamens CHOREN dicht gemacht, die aus allen möglichen pflanzlichen Abfällen mittels Fischer Tropsch Synthese Treibstoff hergestellt hat (bereits im Großversuch zusammen mit Shell).

    Dass man aus Hausmüll (außer vielleicht aus Glas, Asche und Metallen) ebenfalls Treibstoff herstellen kann, klingt irgendwie logisch. Die sowieso schon unterversorgten Müllverbrennungsanlagen wirds aber nicht freuen...

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    Der GROWIAN lief nur 420 Betriebsstunden (de.wikipedia.org/wiki/Growian).

    Wenn's danach ginge dürfe es heute auch keine Windräder geben.

  3. /wieder so ein vollmundiges Wort!) ist also gescheitert.
    Wie die anderen "grünen" Projekte auch!

    Das ist immer so, wenn Ideologie auf Wirklichkeit trifft.
    Ein ständiger Zirkel der Erfolglosigkeit bei den Grünen...

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    Was haben den die Herren Konservativen getan, damit wir alle gesünder leben können? Katalysatoren gebaut? Rauchgasentschwefelungsanlage konstruiert? Asse überwacht? Waldschäden verhindert [1]?
    Oder doch einfach nur so lange alles geleugnet und Geldkoffer angenommen, bis es nicht mehr ging? Wer nichts macht, macht auch keine Fehler, gelle?

    [1] https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d4/Waldschaeden_Erzgebi...

  4. Seit ein paar Jahren verfolge ich die Entwicklung von Treibstoffen
    die nicht auf endliche Vorkommen basieren.Aus meiner Sicht hat es
    Brasilien bis jetzt am weitesten gebracht mit seinem Alkohol aus Zuckerrohr.Wohl die Hälfte aller Autos in Brasilien fährt mit Alkohol,dank des Klimas und der Größe des Landes.
    Hier gibt es eine Idee LKW Auflieger mit einem neu entwickelten
    Systhem schnell auf Eisenbahnwagons zu laden.Die Firma nennt es "Chargobeamer".Sie glauben nicht welche Hürden genommen werdende.(wikipedia.org/wiki/CargoBeamer)
    müssen um diese aus meiner Sicht weitsichtige Technik in der Stadt Hagen /Westfalen zu realisieren.Es könnte eine Menge Diesel in der EU gespart werden wenn diese Technik in die Praxis kommt.

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  5. Noch interessanter ist, dass die schwedische Raffinerie Preem aus Fichtenöl, einem Abfallprodukt aus der Waldverabeitung/Papierindustrie, und anderen Restprodukten in einem eigens patentierten Verfahren Diesel herstellt, der 100% identisch mit fossilem Diesel ist, also auf der Molekularebene. Das Ergebnis ist ein "Bio"diesel, das in allen herkömmlichen Dieselmotoren getankt werden kann, d.h. es gelten ausdrücklich alle Herstellergarantien, die bei normalem Biodiesel nicht gelten. Das Preem Evolution-Diesel besteht bisher zu 30% aus diesem Produkt, mit jährlich steigendem Anteil, sprich mein Wagen, der ca 5 Liter Diesel schluckt verbraucht sozusagen momentan auf 100 km nur 3,5 Liter fossilen Treibstoff, plus 1,5 Liter dieser Biosuppe.

    Grüsse aus Schweden,

    Bandhagen

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  6. Das Problem liegt nicht darin, dass Energiepflanzen wertvollen Ackerboden binden, sondern v.a. Pflanzen (i.d.R. Soja), die für die Schweine- und Rindermast angebaut werden. Würde der Verbraucher seinen übertriebenen Fleischkonsum auch nur minimal reduzieren, müssten wir nicht darüber nachdenken, ob es ethisch vertretbar ist, Nahrungsmittel in den Tank zu kippen.
    Denn die Nutzung von Ackerböden im Dienste der Fleischindustrie (von der nur wenige satt werden), damit wir billiges Fleisch bekommen, scheint bedenkenlos - aber wenn stattdessen Alternativen für eine umweltfreundlichere Energiegewinnung angebaut werden, dann fällt uns plötzlich ein, dass es ja sinnvoller sein könnte, Nahrungsmittel anzubauen. Das ist nicht scheinheilig, sondern menschenverachtend und zynisch.

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    - Energie statt Fleisch - erlaubt ist ?
    Das ist doch genauso scheinheilig aber irgendwie nicht ganz neu für fleischbefreite Weltbeglücker.

    • tobmat
    • 22. Juli 2013 10:08 Uhr

    "sondern v.a. Pflanzen (i.d.R. Soja), die für die Schweine- und Rindermast angebaut werden."

    Egal wie oft sie das wiederholen, es wird davon nicht richtig. Soja wird nicht für die Tiermast angebaut. Man baut Soja an um Soja-Öl zu gewinnen und verkauft den übrig bleibenden Sojakuchen als Tierfutter. Wie so oft werden die Abfallprodukte als Tierfutter verkauft. Soja ist viel zu wertvoll um es als reines Tierfutter herzustellen.
    Gleiches gilt zum Beispiel auch für Raps.

  7. Was haben den die Herren Konservativen getan, damit wir alle gesünder leben können? Katalysatoren gebaut? Rauchgasentschwefelungsanlage konstruiert? Asse überwacht? Waldschäden verhindert [1]?
    Oder doch einfach nur so lange alles geleugnet und Geldkoffer angenommen, bis es nicht mehr ging? Wer nichts macht, macht auch keine Fehler, gelle?

    [1] https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d4/Waldschaeden_Erzgebi...

    4 Leserempfehlungen
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    Waldsterben ? Was ist das denn ?

    nützt nichts und ist undurchführbar.

    Hier nur mal ein Faktum: Die energetische Sanierung eines Einfamilienhauses kostet schlappe 100tausend Euro!
    Die "grünen" Projekte sind gescheitert. Das hat mit "konservativ" oder so gar nichts zu tun, sondern mit Realitätsbewusstsein. Z.B. sind sog. regenerative Energien nicht grundlastfähig und daher unbezahlbar. Das ändern auch Parteitagsbeschlüsse nicht (Naturgesetze!). Ideologie zerschellt an der Wirklichkeit!
    ...

    lt. Bildbetitelung "Rauchgase aus veralteten tschechischen Braunkohlekraftwerken" zu tun?

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