Treibstoffe : Tank statt Tonne

Der Anbau von Energiepflanzen bindet weltweit wertvolle Ackerflächen. Mit neuer Technik lässt sich Sprit aus Abfällen, Pflanzenresten und Industrieabgasen herstellen.

Ein bisschen unappetitlich ist der Gedanke schon: Man steht mit seinem Auto an der Zapfsäule und tankt Haut, Blut und Knochen vom Schwein. Aber genau das ist heute schon Realität. Der halbstaatliche finnische Ölkonzern Neste Oil kippt seit Dezember 2011 täglich Tausende Tonnen unbrauchbares Tierfett aus Schlachtereiabfällen aus ganz Europa in die Tanks seiner größten europäischen Ökoraffinerie im Rotterdamer Hafen. Aber damit nicht genug: Lkw und Lastschiffe schaffen Reste aus der Fischindustrie und altes Bratfett aus Großküchen herbei. Das Endprodukt: rund eine Milliarde Liter Biodiesel pro Jahr.

Dafür muss die zähflüssige Abfallmixtur nur gereinigt werden, bevor sie in einer chemischen Reaktion mit Wasserstoff versetzt wird. Mit seinem Abfallsprit sieht Matti Lievonen, der Chef von Neste Oil, sein Unternehmen als Vorreiter: "Künftig werden wir zwei Drittel unseres Biosprits aus Abfall herstellen", verspricht er. Den Anteil von Palmöl, Raps und Soja an seinem Diesel will Lievonen kontinuierlich senken.

Die Finnen sind nur ein Beispiel für einen viel größeren Trend. Eine wachsende Zahl von Unternehmen wandelt Abfall in Treibstoffe um: Stroh, Restholz, Industrieabgase, Hausmüll und Plastik. Was früher meist ineffizient verbrannt wurde, wird damit zu einer wertvollen Ressource.

Und die hat laut Thomas Willner, Professor für Verfahrenstechnik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, riesiges Potenzial. "Mit Abfällen ließe sich schon heute die Hälfte des deutschen Treibstoffbedarfs decken", sagt Willner. Er selbst arbeitet daran, auch Schweröl und Klärschlamm in Sprit zu verwandeln.

Ackerfrüchte wieder für den Teller

Die 27 EU-Länder könnten laut einer Studie von Bloomberg New Energy Finance mit neuen technischen Methoden aus Bioabfällen schon 2020 jährlich 90 Milliarden Liter Ethanol herstellen – genug, um über 60 Prozent des Benzinverbrauchs in der EU zu decken.

Der neue Trend zum Tank statt zur Tonne schützt auch das Klima, weil er den Verbrauch von Erdöl senkt, bei dessen Verbrennung als Treibstoff sonst CO2 entstünde. Aber vor allem markiert der technologische Wandel eine Revolution für den Biosprit. Denn wenn Abfall zu Kraftstoff wird, können die Früchte von Mais, Raps und Soja wieder auf den Teller kommen. Bislang landet etwa in den USA noch rund die Hälfte der Maisernte in Ökobenzin.

Politischen Rückenwind bekommen die Abfallinnovationen durch einen aktuellen Vorstoß aus dem EU-Parlament sowie eine Studie der EU-Umweltagentur: Demnach soll der Anteil an Abfall im Biotreibstoff bis 2020 drastisch erhöht werden.

Dass das möglich ist, zeigen die Unternehmen, die Reporter der WirtschaftsWoche auf der ganzen Welt besucht haben: in Deutschland, den USA, China, Brasilien und Irland. Eine Reise zu den Hotspots der Spritproduktion der Zukunft.

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Teure Politik im Wolkenkuckucksheim

nützt nichts und ist undurchführbar.

Hier nur mal ein Faktum: Die energetische Sanierung eines Einfamilienhauses kostet schlappe 100tausend Euro!
Die "grünen" Projekte sind gescheitert. Das hat mit "konservativ" oder so gar nichts zu tun, sondern mit Realitätsbewusstsein. Z.B. sind sog. regenerative Energien nicht grundlastfähig und daher unbezahlbar. Das ändern auch Parteitagsbeschlüsse nicht (Naturgesetze!). Ideologie zerschellt an der Wirklichkeit!
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