Erneuerbare TreibstoffeEine neue Quote für den Agrosprit

Agrotreibstoffe können das Klima schützen, wenn anders gefördert würde. Bis die EU ihre Politik reformiert, werden aber noch viele Bäume gefällt. von 

Smog über einem Torfmoorwald auf Sumatra, Indonesien

Smog über einem Torfmoorwald auf Sumatra, Indonesien  |  © Romeo Gacad/AFP/Getty Images

Wenn Malaysia und Singapur in Rauch ersticken, dann könnte das auch damit zusammenhängen, dass die Europäische Union Biosprit fördert – aus Klimaschutzgründen. In der zweiten Junihälfte versank die malaysische Hauptstadt Kuala Lumpur unter einer dichten Dunstglocke, im Süden des Landes galt wegen des Smogs der Ausnahmezustand. Singapurs Behörden erklärten es teilweise für lebensgefährlich, draußen ohne Schutzmaske zu atmen.

Grund waren enorme Brandrodungen in Indonesien. Naturschützer klagten an, die Brände seien unter anderem gelegt worden, um neue Ackerflächen für die boomende Palmölindustrie zu gewinnen. Kaum ein anderer Agrartreibstoff schadet dem Klima mehr als Palmöl. Und kein anderes Land liefert mehr Palmöl in die Welt als Indonesien, für Nahrungsmittel, Kosmetika und Agrosprit. 

Anzeige

Europa ist ein wichtiger Kunde – unter anderem, weil die Europäische Union den Einsatz von Biotreibstoffen fördert.

Doch die Förderpolitik könnte sich bald ändern. In Brüssel wird über einen neuen Rahmen verhandelt, und alles deutet darauf hin, dass der Einsatz von Agrosprit künftig strenger geregelt wird. Einen ersten Vorschlag, wie genau das geschehen könnte, hatte die Kommission schon im vergangenen Herbst vorgelegt. Sie will die Verwendung von Biotreibstoff aus Nahrungsmitteln strikt begrenzen. Jetzt stimmte der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, unter leichten Änderungen der Kommissionsvorlage, ebenfalls für eine Quote und strengere Umweltkontrollen.

Zu lasche Nachhaltigkeitsprüfung

Der Beschluss war nicht unumstritten, denn für die Beteiligten geht es um viel: Die Biosprit-Unternehmen  fürchten ums Geschäft und um Arbeitsplätze; auch in Deutschland, wo ganze Landkreise ihre Zukunft im Anbau von Energiepflanzen suchen. Umweltpolitiker und Naturschutzverbände hingegen hoffen auf besseren Umwelt- und Klimaschutz. Und Entwicklungsorganisationen kämpfen schon lange dafür, dass in Zukunft weniger Nahrungsmittel in den Tank wandern. 

Der ganze Streit dreht sich um zwei EU-Direktiven aus dem Jahr 2009. Die eine mit dem Namen Renewable Energy Directive schreibt vor, dass jedes EU-Mitgliedsland bis 2020 zehn Prozent der Energie, die Fahrzeugmotoren antreibt (transportation fuel), aus erneuerbaren Quellen decken muss. Weil mit Sonne und Wind betriebene Elektroautos in der Praxis kaum Bedeutung haben, bedeutet das im Prinzip: zehn Prozent Agrosprit bis 2020. Die andere Direktive namens Fuel Quality Directive legt Nachhaltigkeitskriterien fest. Durch sie will man erreichen, dass der in der EU verfeuerter Biosprit auf jeden Fall dem Klima hilft.

Alexandra Endres
Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Doch die Praxis ist komplizierter. Das zeigt unter anderem das Palmöl aus Indonesien, für das jedes Jahr erneut große Gebiete an Torfmoorwäldern verbrennen. Sobald die Feuer erloschen sind, wird der sumpfige Boden trockengelegt. Unmengen von Klimagasen gelangen dadurch in die Atmosphäre. Würden nur 2,4 Prozent des EU-Bedarfs an Biodiesel direkt oder indirekt durch Palmöl aus Torfmoorland gedeckt, wäre "die ganze Klimawirkung des EU-Biodiesels zunichte", schreiben die Wissenschaftler des Internationalen Forschungsinstituts für Agrar- und Ernährungspolitik (IFPRI) jüngst in einer Studie für die EU-Kommission.

In der Theorie schließen die EU-Nachhaltigkeitskriterien zwar aus, dass für die Herstellung von Europas Biodiesel anderswo Wald gerodet wird. Aber Greenpeace erklärt, man habe erst vor wenigen Tagen Palmöl im Biodiesel von Tankstellen in München, Hamburg und Berlin gefunden. Der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie lief Sturm und witterte eine "mutwillige Desinformation": Europas Biodiesel enthalte praktisch kein Palmöl aus Malaysia und Indonesien, das belegten Zahlen der Europäischen Kommission, schimpften die Branchenvertreter. 

Doch selbst, wenn das stimmt, und die EU ihren Biodiesel nur aus heimischem Raps produziert: Die europäischen Palmöleinfuhren würden dadurch ebenfalls steigen. Sobald der Raps vorwiegend in der Agrospritproduktion gebraucht werde, suche die Lebensmittelindustrie Ersatz – und finde ihn im importierten Palmöl, schreiben die Experten des IFPRI. Ihnen zufolge liegen die EU-Importe von Palmöl aus ehemaligen Torfmooren deshalb "wahrscheinlich deutlich" über der kritischen Marke von 2,4 Prozent. 

Leserkommentare
  1. klingt nach einer diffamierenden Bezeichnung für Agrarsprit, oder ist das die gängige Bezeichnung dafür?

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Eigentlich heißt es Biokraftstoff, da aus Biomasse. Da aber die Gegener in Deutschland fürchten, dass das dann mit "Bio"Lebensmitteln oder "Bio"Anbau verwechselt wird, nenn sie es Agrosprit. Hört sich Aggresiv an. Haben sie gut gemacht.

    Wenn man aber schon anfängt Haare zu spalten, dann dürfte es auch in den "ökologisch verträglichen" Sparten wie Lebensmittel oder Anbau oder anderes nicht "Bio" heißen. Ist nicht logisch. Bedeutet doch nur "Leben" oder so.

  2. Eigentlich finde ich Biosprit und Biogas sehr sinnvoll - und wenn man denn wollte, könnte man beides auch aus naturnahen Mischkulturen, nicht-essbaren Pflanzen und Abfällen gewinnen.
    Leider ist die Sache, bevor irgendjemand einen vernünftigen Plan hatte, bereits in die Hände von Spekulanten ohne jede Ahnung von Natur geraten, die hinter der Silbe "Bio-" Profitmaximierung wittern. So ruinieren sich gerade viele unserer Bauern mit Dauermaiskulturen den Boden, woanders geht der Platz fürs Essen völlig verloren und ein wertvoller Ansatz der Energiewende wird diskreditiert.
    Ich finde, es wird dringend Zeit, Bioenergie in der politischen Förderung nach ihrer tatsächlichen Nachhaltigkeit zu bewerten und nicht pauschal nach dem Kriterium "nachwachsender Rohstoff"; nur das gäbe Anreize, im großen Maßstab Modelle zu entwickeln, die nicht auf Ausbeutung von Mensch und Natur beruhen. - Wäre es nicht ohnehin Zeit, Spekulanten und Abzockern wo es geht einen Riegel vorzuschieben, weil diese überall Schaden anrichten...?

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ja sicher, da wird wieder auf irgendwelche imaginären "Spekulanten" und "Abzocker" geschimpft. Dabei handelt es sich schlicht und ergreifend um ein weiteres Beispiel von mangelnder gesetzgeberischer Weitsicht. Hätte man eine sorgfältigere Folgenabschätzung vorgenommen, müsste man sich über Brandrodungen oder Mais-Monokulturen nicht wundern. Stattdessen wird nun in regelmäßigen Abständen alles verschlimmbessert.

    • Hans B
    • 11. Juli 2013 15:54 Uhr

    Etwas mehr Recherche hätte dem Beitrag gut getan, dann müsste man auch nicht auf die Propaganda des Greenpeace-Ideologie- Konzerns zurückgreifen .
    Was Fr. Endres in der Instant-Konserve für den Artikel nicht gefunden hat, wäre sogar einfach im Internet zu finden.
    - Palmöl und ähnliche "umweltfreundliche" Energieträger für Treibstoff aber auch zum Heizen oder zur Stromerzeugung (das wird in Deutschland sogar noch extra stark über den EEG-Beitrag subventioniert ) darf nur verwendet werden, wen es aus nachhaltigem Plantagen stammt. Nachhaltig ist, wenn es die Plantage schon gibt.
    - Palmöl-Plantagen dürfen aber neu angelegt werden wenn dieses zb. für Lebensmittel (z.b. Margarine) verwendet wird.
    - Nachhaltige Palmölplanagen für Lebensmittel dürfen aber jederzeit auf "umweltfeundliche" Treibstoffversorgung und EEG-Strom umgestellt werden, es gibt sie ja schon!

    So einfach ist grüne Umweltgesetzgebung , und alles ist wieder einmal ÖKO !
    Vor allem die Profite der grünen Betreiber.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "...- Nachhaltige Palmölplanagen für Lebensmittel dürfen aber jederzeit auf "umweltfeundliche" Treibstoffversorgung und EEG-Strom umgestellt werden, es gibt sie ja schon!..."

    Nicht ganz richtig. Soweit ich weiß, muss es die Plantage schon vor 2008 gegeben haben. So kann es zwar immernoch zu Landnutzungsänderungen kommen (alle vor 2008 entstandenen Plantagen werden für Biokraftstoffe genutzt und alle nach 2008 angelegten für Lebensmittel, Chemie, Futtermittel, Kosmetik...).

    Logisch wäre es daher auch diese Nutzung von Palmöl an die Nachhaltigkeitskriterien zu binden - sonst bringt es gar nix, da ohnehin mnur 6% des Palmöls für die Kraftstoffherstellung genutzt werden.

  3. Eigentlich heißt es Biokraftstoff, da aus Biomasse. Da aber die Gegener in Deutschland fürchten, dass das dann mit "Bio"Lebensmitteln oder "Bio"Anbau verwechselt wird, nenn sie es Agrosprit. Hört sich Aggresiv an. Haben sie gut gemacht.

    Wenn man aber schon anfängt Haare zu spalten, dann dürfte es auch in den "ökologisch verträglichen" Sparten wie Lebensmittel oder Anbau oder anderes nicht "Bio" heißen. Ist nicht logisch. Bedeutet doch nur "Leben" oder so.

    Antwort auf "Agrosprit"
  4. "...- Nachhaltige Palmölplanagen für Lebensmittel dürfen aber jederzeit auf "umweltfeundliche" Treibstoffversorgung und EEG-Strom umgestellt werden, es gibt sie ja schon!..."

    Nicht ganz richtig. Soweit ich weiß, muss es die Plantage schon vor 2008 gegeben haben. So kann es zwar immernoch zu Landnutzungsänderungen kommen (alle vor 2008 entstandenen Plantagen werden für Biokraftstoffe genutzt und alle nach 2008 angelegten für Lebensmittel, Chemie, Futtermittel, Kosmetik...).

    Logisch wäre es daher auch diese Nutzung von Palmöl an die Nachhaltigkeitskriterien zu binden - sonst bringt es gar nix, da ohnehin mnur 6% des Palmöls für die Kraftstoffherstellung genutzt werden.

    2 Leserempfehlungen
  5. Ja sicher, da wird wieder auf irgendwelche imaginären "Spekulanten" und "Abzocker" geschimpft. Dabei handelt es sich schlicht und ergreifend um ein weiteres Beispiel von mangelnder gesetzgeberischer Weitsicht. Hätte man eine sorgfältigere Folgenabschätzung vorgenommen, müsste man sich über Brandrodungen oder Mais-Monokulturen nicht wundern. Stattdessen wird nun in regelmäßigen Abständen alles verschlimmbessert.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    - mal wieder? Ist es nicht eher das ungünstige Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik, das diese Zustände begünstigt, einer Wirtschaft, die sich Gesetze notfalls mit Arbeitsplatzabbaudrohungen erpresst, und der Politik, die sich erpressen lässt?
    Da gibt es keine großen Unterschiede zwischen "Augen zu und ignoriere das Maisfeld" und "zahl gefälligst, wir sind systemrelevant"...
    Wie wollen Sie das anders nennen als Abzocke? Das muss man sich nicht einbilden, das müsste man sich absichtlich aus-bilden, um es zu übersehen!

  6. - mal wieder? Ist es nicht eher das ungünstige Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik, das diese Zustände begünstigt, einer Wirtschaft, die sich Gesetze notfalls mit Arbeitsplatzabbaudrohungen erpresst, und der Politik, die sich erpressen lässt?
    Da gibt es keine großen Unterschiede zwischen "Augen zu und ignoriere das Maisfeld" und "zahl gefälligst, wir sind systemrelevant"...
    Wie wollen Sie das anders nennen als Abzocke? Das muss man sich nicht einbilden, das müsste man sich absichtlich aus-bilden, um es zu übersehen!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sehen Sie, es gibt da zwei verschiedene Ansätze: Entweder man setzt bei der Gesetzgebung darauf, dass die Menschen freiwillig das richtige tun, oder man rechnet die Unwissenheit und den Opportunismus der Menschen bei der Gestaltung der Regeln mit ein. Darin unterscheidet sich reine Symbolpolitik von echten Sachlösungen.

    Sie dagegen scheinen irgendwie davon auszugehen, dass sich die Leute die Ziele des Gesetzgebers automatisch zu eigen machen und dementsprechend handeln sollten. Das halte ich für schlicht naiv. Wir sind doch (noch) kein gleichgeschaltetes Kollektiv. Wenn die Gesetzgebung das dann nicht mit einberechnet, ist das selbstverständlich ein Versäumnis von Politik und Gesetzgeber.

  7. Sehen Sie, es gibt da zwei verschiedene Ansätze: Entweder man setzt bei der Gesetzgebung darauf, dass die Menschen freiwillig das richtige tun, oder man rechnet die Unwissenheit und den Opportunismus der Menschen bei der Gestaltung der Regeln mit ein. Darin unterscheidet sich reine Symbolpolitik von echten Sachlösungen.

    Sie dagegen scheinen irgendwie davon auszugehen, dass sich die Leute die Ziele des Gesetzgebers automatisch zu eigen machen und dementsprechend handeln sollten. Das halte ich für schlicht naiv. Wir sind doch (noch) kein gleichgeschaltetes Kollektiv. Wenn die Gesetzgebung das dann nicht mit einberechnet, ist das selbstverständlich ein Versäumnis von Politik und Gesetzgeber.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    - Wenn Sie meinen ersten Kommentar richtig gelesen hätten, wüssten sie auch, welche Lösungsvorschläge ich zum Thema Biosprit hätte; die sind sogar ziemlich konkret, da könnte man eineiges ausprobieren! Und ich gehe überhaupt nicht davon aus, dass irgendjemand automatisch irgendwem folgt... deswegen habe ich geschrieben, dass es sinnvoll wäre, die politischen Handlungsanreize anzupassen, so, dass sie wirklich das angestrebete Ziel Nachhaltigkeit befördern. - Aber jemanden auszunutzen, Politiker oder sonstwer, wird nicht dadurch entschuldbar, dass der sich naiv benimmt oder hereinlegen lässt. Es ist der Anteil der Wirtschaft, auch selbst auf die eigene Integrität zu achten, daran sollte sie höchstpersönlich arbeiten und nicht warten, bis jemand Vorschriften machen muss! Wer schreit sonst immer am lautesten nach Eigenverantwortung?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service