Leserartikel

ReiseplanungBahnfahren aus Rache

Leser Dierk Andresen hat jahrelang zu viel für seine Bahnfahrkarten bezahlt. Seit er einen legalen Trick entdeckt hat, günstiger zu reisen, sitzt er recht häufig im Zug. Ein Leserartikel von Dierk Andresen

Bahnticket von Extrembahnfahrer Dierk Andresen

Bahnticket von Extrembahnfahrer Dierk Andresen  |  © Dierk Andresen

In letzter Zeit fahre ich viel Bahn, und das hat auch mit Rache zu tun. Rache dafür, dass mich die Deutsche Bahn lange Jahre schlecht beraten und viel zu viel von mir kassiert hat.

Ich reise meist spontan, zahle also den Vollpreis. Für die Strecke Biberach-Berlin mit einem zweitägigen Zwischenaufenthalt in Hamburg sind das 215 Euro, wobei sich die Summe auf zwei Tickets verteilt: Biberach-Hamburg 139 Euro und Hamburg-Berlin 76 Euro. Weil ein normales Ticket nämlich nur zwei Tage lang gültig ist, muss bei einem längeren Zwischenstopp eine weitere Fahrkarte gelöst werden.

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Was Kunden am Schalter nicht erfahren: Dieselbe Reise können sie auch für insgesamt rund 143 Euro machen. So viel kostet ein Ticket von Bregenz nach Berlin über Biberach und Hamburg.

Der Trick? Bregenz liegt in Österreich. Und Fahrkarten für Reisen, die im Ausland beginnen oder enden, sind 30 Tage lang gültig. Reisende müssen die Fahrt nicht im Ausland antreten, dürfen sie beliebig oft unterbrechen und genießen volle Flexibilität. Mit so einem Ticket dürfen Bahnkunden alle Züge benutzen, außer den reservierungspflichtigen. Wer Zeit und Geld für die Übernachtungen hat, kann einen Monat lang Zug fahren, quer durch Deutschland.

Kreative Streckenplanung

Das Ticket verpflichtet nicht dazu, sich auf kürzestem Weg von A nach B zu bewegen. Man kann C, D, E, F, G und H dazwischen schieben. Die Reiseplan-Suchmaske von Bahn.de erlaubt neben der Eingabe von Start und Ziel auch die von zwei Zwischenaufenthalten.

Die Kürzel auf dem Ticket beschreiben nicht die Strecke, die man fahren muss, sondern die sogenannten Leitpunkte, zwischen denen man sich bewegen darf. In einem Gebiet etwa, das im Westen von Koblenz, Köln, Münster und Bremen, im Osten von einer Linie Nürnberg-Pasewalk begrenzt wird.

Das lässt Platz für kreative Streckenplanung. Für wenig mehr als den Preis einer normalen Fahrkarte kann man von Bregenz über Bremen und Weimar nach Sassnitz fahren und dabei das Schienennetz der Bahn voll auskosten. Aus 1.000 Kilometern Bahnfahrt habe ich schon 1.600 gemacht.

So etwas sei "völlig legal", bestätigt ein Sprecher der Bahn, empfiehlt aber, bei ungewöhnlicher Streckenführung die ausgedruckte Verbindung dabei zu haben. Ich muss sie aber nicht oft vorzeigen, die meisten Schaffner akzeptieren das Ticket kommentarlos.

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Nur manchmal brauche ich Geduld und Nerven. Einmal wollte mich ein Schaffner des Zuges verweisen, ein anderer wollte nachkassieren. Aber was sollen sie machen, wenn der Bahncomputer ein solches Ticket online oder am Schalter ausgespuckt hat? Also: Nerven behalten. Beförderungsvertrag ist Beförderungsvertrag.

Bei kluger Streckenplanung kommt man mit einem einzigen Ticket einmal rund um Deutschland und kann sich dafür 60 entspannte Tage Zeit lassen. Mit meiner Bahncard 50 für die 1. Klasse ist das besonders angenehm. Rache ist süß.

Die Schlupflöcher des Tarifsystems der Deutschen Bahn erläutert der Autor ausführlich auf seiner Webseite zum Thema Extrembahnfahren.

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Leserkommentare
  1. das dürfte mir einen Batzen Geld ersparen. Und den Rachegedanken kann ich gut nachvollziehen - seit Mehdorn hat die Bahn es geschafft, noch unkomfortabler, langsamer und teurer zu werden, als Fernbusse oder das eigene Auto.

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  2. Vielen Dank!

    10 Leserempfehlungen
    • matbhm
    • 11. Juli 2013 7:34 Uhr

    ... den Trick verraten haben, damit die Bahn mein Kostendämpfungssystem - besonders sparsam sind Reisen von Polen aus - demnächst unterbinden kann!

    32 Leserempfehlungen
  3. aber für Geschäftsreisen von A nach B und wieder zurück wohl kaum praktikabel.

    Vor allem würde die Reisekostenstelle einen Rappel kriegen.
    Wenn Die das Nachrechnen und sachlich erklären müsste in der Buchhaltung.

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    Ich musste vor drei Jahren jede Woche einmal von Erlangen für ein paar Stunden nach München und zurück.
    Ich hatte eine Bahncard 50 für die erste Klasse. Trotzdem gab es noch eine verblüffende Möglichkeit den Ticketpreis zu drücken, der sowohl in der ersten als auch in der zweiten Klasse funktionierte:
    Statt ein Ticket Erlangen-Müchen-Erlangen zu kaufen (83 EUR in der 1. Klasse), kaufte man zwei Tickets: ein Ticket Erlangen-Ingolstadt via München (46 EUR in der 1. Klasse) und ein Ticket Ingolstadt-Erlangen (24,50 EUR in der 1. Klasse).
    Beide kosteten zusammen 70,50 EUR, also 12,50 EUR weniger als das Ticket Erlangen-München-Erlangen obwohl die Streckenführung in beiden Fällen identisch war und es sich um die gleichen ICEs handelte und es in keinem Fall eine Zugbindung gab.

  4. Dazu, dass Sie so viel Zeit haben, durch Deutschland zu juckeln, nur um sich bei der Deutschen Bahn zu rächen. Andere Leute gehen derweil arbeiten.

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    Da kommt ein netter Mensch, nimmt sich die Zeit und verrät einen Trick, mit dem man sich das Geld sparen kann. Was gibt man dem Menschen zurück? Kein Dankeschön, kein Lob. Nur Hohn und Spott.
    Tja.

    Also, als ich diesen Kommentar gelesen hab, musste ich unversehens an Sebastian Schnoys köstliches Buch "Smörrebrod in Napoli" denken. Da äußert der Autor u. A. auch so etwas in der Richtung, dass wohl in keinem anderen Land Europas der Durchschnittsbürger eine solche Affinität zu seinem Arbeitsplatz mit sich bringt wie der deutsche. Als Beispiel hat er Reaktionen der arbeitenden Bevölkerung auf Studentenproteste genannt: so sollen in Frankreich beispielsweise die Erwärbstätigen eher dazu geneigt sein sich mit den Protestierenden zu solidarisieren (sowas Ähnliches hat man ja jetzt auch in der Türkei am Taksim-Platz beobachten können). In Deutschland hingegen - so Schnoy - werde man von den meisten Werktätigen zunächst einmal mit einem der deutschesten aller deutschen Sätze angeschnauzt: "Geht gefälligst erstmal arbeiten!".

    • Panic
    • 11. Juli 2013 12:24 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

    • fx33
    • 11. Juli 2013 13:12 Uhr

    Wenn Sie zu viel arbeiten, ist das Ihr Problem. Oder stehen Sie damit moralisch höher als andere?

    im Leben nichts gelernt, oder warum glauben Sie, daß Ihre "Werte" (die sich da scheinbar auf ein naives "tue und denke, was von dir verlangt wird" beschränken) für irgendjemanden sonst gelten sollten?

    vielleicht arbeitet er ja i der bahn ;-)

    aber ich halte es auch für ungeschickt das hier zu posten, sowas verteilt man über mundpropaganda, sonst wird die lücke bal geschlossen.

    Klingt ja fast so, als würden "die anderen", die scheinbar 24/7 arbeiten "müssen", dazu gezwungen. Man könnte auch weniger arbeiten und auf unnötigen Schnickschnack verzichten, dann könnte man auch den ganzen Tag mit der Bahn durchs Land juckeln.

  5. Die Konsequenz aus Berichten wie dem Ihren -- von Kollegen höre ich auch gelegentlich, wie günstig man mit der Bahn reisen kann, wenn man diesen oder jenen Kniff anwendet -- ist für mich: Die Bahn konsequent meiden.

    Denn einerseits habe ich keine Lust, mich an der Ausarbeitung listiger Pläne zu beteiligen, andererseits werde ich nicht gern abgezockt.

    So bleibt eben der eigene Kraftwagen: Wenn man bei längeren Fahrten freie Plätze Mitfahrern anbietet, unschlagbar günstig und flexibel.

    Schade, die Eisenbahn war mal eine gute Idee!

    25 Leserempfehlungen
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    eigentlich fuhr ich mal ganz gern Bahn. Entspannende Reise. Das war mal.

    Dass man nämlich ein Studium braucht, um überhaupt ein Ticket zu lösen, mit -zig Regelungen wie hier so schön beschrieben, das ist indiskutabel. Danke für so einen Artikel.

    Ich erwarte, mich in einen Zug setzen können wie in ein Auto - dafür habe ich dann einen bestimmten, exakten Preis zu bezahlen. Jederzeit nach Fahrplan, ohne Vorplanung, die meist gar nicht so genau geht. So wie das seit Beginn der Eisenbahn bis in die 80er mal war.

    Die anderen Vera.. der Kunden da noch gar nicht eingerechnet (zB diese unmöglichen Ticketautomaten, teils unter freiem Himmel bei Regen oder blendender Sonne kaum lesbar zu bedienen - ebenfalls mit Sonderstudium).

    Dazu enge, stickige, falsch oder nicht klimatisierte ICEs, zusammengepfercht wie die Legehennen ...

    Das ganze zu Preisen, bei denen man bald meint, man hätte ein Stück Wagen erstanden.

    Nene - DB! Lieber fahr ich noch mit dem Rad wohin, als nochmal mit Euch.

    • GDH
    • 11. Juli 2013 12:51 Uhr

    Ich gebe Ihnen völlig Recht, dass das Tarif-Gewirr eher vom Bahnfahren abschreckt. Das Blöde am eigenen Auto ist aber, dass man dort zwar vorher keine Tarife recherchieren muss aber dafür während der Fahrt ständig aufpassen muss (ein Hörbuch mag noch nebenbei gehen - mehr kaum).

    Deswegen wünsche ich mir weiter einen unbürokratischen öffentlichen Verkehr, bei dem man sich möglichst nicht bei jeder Fahrt mit den Tarifen beschäftigen muss. Leider ist die Bahncard100 äußerst teuer (ca. 4000 Euro) und unterhalb dessen gibt's kaum übersichtliche Angebote mit Netzwirkung (sowas wie Nahverkehr Deutschlandweit oder ganze Bundesländer).

    Wenn ich erlebe, dass ein ganzer Bus (voller Leute) darauf warten muss, dass Leute für 1-stellige Euro-Beträge Einzelfahrscheine beim Fahrer kaufen, geht mir echt die Hutschnur hoch! Hier ist die Politik dringend gefordert, den Bürgern Flatrate-Angebote zu machen (bei der Nutzung des Straßennetzes geht das ja auch!).

    • kfmb
    • 11. Juli 2013 9:15 Uhr

    der Zielort auf der Strecke liegt. Zum Beispiel von Frankfurt nach Warschau, wenn das Ziel eigentlich Berlin sein soll. Oder von Berlin nach Basel SBB, wenn Sie nach Karlsruhe wollen.

    Europaspezial.

    Vergleichen Sie nun dieses Spezialangebot und das normale (sogar ermäßigt normale) Angebot und Sie werden staunen.

    19 Leserempfehlungen
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    • kfmb
    • 11. Juli 2013 9:37 Uhr

    gibt es schon zu 49 Euro

    • persef
    • 11. Juli 2013 10:07 Uhr

    den Trick benutze ich auch, wenns mal wieder Bahn sein muss;p

    @kfmb: Der Vorteil liegt darin, dass man keine Bahncard braucht

    Unterm Strich zeigen die Rabattmöglichkeiten, dass das Preissystem der Bahn hemmungslos dumm ist und nichts als eine sinnlose Kostenfalle, da es sich um einen Quasimonopolisten handelt der auch noch in Staatsbesitz ist. Die hätten das eigentlich nicht nötig.

    Das gilt für den Fern- wie den Nahverkehr. Bei letzterem plädiere ich schon lange für eine Art "Bimmelbahncard 100" für ~30 Euro pro Monat, mit der man den kompletten öffentlichen Nahverkehr (Bus&Bahn) in DE nutzen kann.
    Defizitär wäre das nicht, da so gut wie jeder so ein Ding kaufen würde: 30 Euro x 12 Monate x 50 Mio Leute = 18 Mrd Euro -> Das entspricht in etwa den Kosten aller ÖPNV Betreiber zusammen.

    Klingt interessant. Würden sie mir eine kurze Anleitung schreiben, wie ich am günstigsten von Duisburg nach Berlin kommen kann? Denn über das Europa-Spezial habe ich nur Preise von 93-140 Euro pro Fahrt erhalten. Und dabei soll das doch angeblich "ab 49 Euro" losgehen. Da ist doch noch viel Spielraum.
    Würde mich sehr freue. Vielen Dank.

    • kfmb
    • 11. Juli 2013 9:37 Uhr

    gibt es schon zu 49 Euro

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Deutsche Bahn | Bahncard | Euro | Österreich | Berlin | Bremen
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