Die S-Klasse lässt beim Ampelstart jede vornehme Zurückhaltung fallen und stürmt unter ohrenbetäubendem Grollen davon, der optisch unauffällige Audi klingt, als hätte er Formel-1-Gene abbekommen. Auf deutschen Straßen ist seit geraumer Zeit ein seltsames Phänomen zu erleben: Immer öfter begegnet man eigentlich durchschnittlichen Großserienvehikeln, deren Auspuffklang jeden Ferrari in die Schranken weist. Und das nicht etwa, indem der Besitzer Gesetze und Geräuschvorschriften missachtet, sondern mit ganz offiziellem Segen.

Das Phänomen sportlicher oder einfach lauter Auspuffanlagen ist nicht neu. Schon immer montierten manche Autofahrer Abgasrohre, die den Wagen vernehmlich brabbeln ließen – vor allem deutlich in die Jahre gekommene Karossen, die so ein letztes Mal um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen durften. Bis die Polizei der Sache ein Ende machte und den Wagen endgültig stilllegte.

Doch damit hat der aktuelle Trend nur wenig zu tun. Was heute brüllt und faucht, ist oft fast ladenneu und liegt preislich deutlich über dem Niveau früherer Dritthand-Ruinen.

Hersteller nutzen Lücke in der Geräuschregelung

Das Mittel zum Fauchen trägt die Bezeichnung Klappenauspuff. Eine Bezeichnung, die schon erklärt, worum es geht: In der Auspuffanlage steckt schlicht gesagt eine Klappe, die sich öffnen und schließen lässt. Bei geschlossener Klappe sind die Geräusche des Wagens vollkommen harmlos, die offene Klappe dagegen lässt ihn zum brüllenden Tier mutieren. Was einst das Metier leidlich begabter Schrauber war, ist heute ein ausgeklügeltes und hochpreisiges Zubehör. Teilweise lässt es sich beim Neuwagenkauf direkt mitbestellen.

Möglich macht das die aktuelle Rechtslage zur Messung von Fahrgeräuschen, die sich unter anderem an der Leistung und der Getriebeart des Wagens orientiert. Die Regeln öffnen den Auspuffmachern Tür und Tor. Ein Beispiel, ohne ins Detail zu gehen: Für ein Auto mit einer Leistung von mehr als 140 kW (190 PS) und einem handgeschalteten Fünfganggetriebe messen Mikrofone den entstehenden Lärm bei der Beschleunigung im zweiten und dritten Gang bei 50 bis 60 km/h. Wer jemals ein so leistungsstarkes Auto im dritten Gang auf Tempo 50 beschleunigt hat, weiß, dass der Motor das ohne jegliche Anstrengung und ohne große Geräuschkulisse erledigt. "Der Motor arbeitet dann noch sehr untertourig", sagt Carsten Graf vom ADAC-Technik Zentrum in Landsberg.

Das Problem daran: Hat ein Auto diese Prüfung bestanden, kontrolliert niemand mehr, wie laut es wird, wenn der Fahrer im ersten oder zweiten Gang mit Vollgas und bei höherer Drehzahl beschleunigt – oder wenn über 50 km/h hinaus weiter Gas gegeben wird. Diese rechtliche Lücke nutzen die Auspuff- und Autohersteller aus, indem sie die beschriebenen Klappen in die Auspuffanlagen einbauen. Und zwar immer öfter: "Es sind immer mehr Autos, die damit verkauft werden", sagt Graf.