MotortechnikVolle Dröhnung mit der Klappe

Eine Klappe im Auspuff lässt selbst harmlose Familienkutschen wie wilde Sportwagen klingen. Das rechtlich zulässige Bellen und Fauchen entwickelt sich zur Landplage. von Heiko Haupt

Die S-Klasse lässt beim Ampelstart jede vornehme Zurückhaltung fallen und stürmt unter ohrenbetäubendem Grollen davon, der optisch unauffällige Audi klingt, als hätte er Formel-1-Gene abbekommen. Auf deutschen Straßen ist seit geraumer Zeit ein seltsames Phänomen zu erleben: Immer öfter begegnet man eigentlich durchschnittlichen Großserienvehikeln, deren Auspuffklang jeden Ferrari in die Schranken weist. Und das nicht etwa, indem der Besitzer Gesetze und Geräuschvorschriften missachtet, sondern mit ganz offiziellem Segen.

Das Phänomen sportlicher oder einfach lauter Auspuffanlagen ist nicht neu. Schon immer montierten manche Autofahrer Abgasrohre, die den Wagen vernehmlich brabbeln ließen – vor allem deutlich in die Jahre gekommene Karossen, die so ein letztes Mal um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen durften. Bis die Polizei der Sache ein Ende machte und den Wagen endgültig stilllegte.

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Doch damit hat der aktuelle Trend nur wenig zu tun. Was heute brüllt und faucht, ist oft fast ladenneu und liegt preislich deutlich über dem Niveau früherer Dritthand-Ruinen.

Hersteller nutzen Lücke in der Geräuschregelung

Das Mittel zum Fauchen trägt die Bezeichnung Klappenauspuff. Eine Bezeichnung, die schon erklärt, worum es geht: In der Auspuffanlage steckt schlicht gesagt eine Klappe, die sich öffnen und schließen lässt. Bei geschlossener Klappe sind die Geräusche des Wagens vollkommen harmlos, die offene Klappe dagegen lässt ihn zum brüllenden Tier mutieren. Was einst das Metier leidlich begabter Schrauber war, ist heute ein ausgeklügeltes und hochpreisiges Zubehör. Teilweise lässt es sich beim Neuwagenkauf direkt mitbestellen.

Möglich macht das die aktuelle Rechtslage zur Messung von Fahrgeräuschen, die sich unter anderem an der Leistung und der Getriebeart des Wagens orientiert. Die Regeln öffnen den Auspuffmachern Tür und Tor. Ein Beispiel, ohne ins Detail zu gehen: Für ein Auto mit einer Leistung von mehr als 140 kW (190 PS) und einem handgeschalteten Fünfganggetriebe messen Mikrofone den entstehenden Lärm bei der Beschleunigung im zweiten und dritten Gang bei 50 bis 60 km/h. Wer jemals ein so leistungsstarkes Auto im dritten Gang auf Tempo 50 beschleunigt hat, weiß, dass der Motor das ohne jegliche Anstrengung und ohne große Geräuschkulisse erledigt. "Der Motor arbeitet dann noch sehr untertourig", sagt Carsten Graf vom ADAC-Technik Zentrum in Landsberg.

Das Problem daran: Hat ein Auto diese Prüfung bestanden, kontrolliert niemand mehr, wie laut es wird, wenn der Fahrer im ersten oder zweiten Gang mit Vollgas und bei höherer Drehzahl beschleunigt – oder wenn über 50 km/h hinaus weiter Gas gegeben wird. Diese rechtliche Lücke nutzen die Auspuff- und Autohersteller aus, indem sie die beschriebenen Klappen in die Auspuffanlagen einbauen. Und zwar immer öfter: "Es sind immer mehr Autos, die damit verkauft werden", sagt Graf.

Leserkommentare
    • xl
    • 15. August 2013 11:10 Uhr

    ...entwickeln sich wirklich zur Landplage. Einfach im Zuge der AU eine Lärmemissions Messung mit strengen Grenzwerten durchführen (da wird der Motor ja eh schön hochgejagt) und der Spuk ist vorbei. Anwohner von viel befahrenen Kreuzungen würden sich freuen.

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    Die AU erfolgt (generell?) nur noch über die OBD Schnittstelle, sofern verfügbar. Es wird lediglich der Fehlerspeicher nach Unregelmäßigkeiten untersucht.

    • jkluge
    • 15. August 2013 13:06 Uhr

    Jeder, der an einer größeren Straße wohnt, kennt die Dinger.

    Jeder, der Immobilien an größeren Straßen besitzt, verliert Tausende von Euros, weil keiner mehr einziehen möchte.

    Warum haben wir Nachtflugverbote an Flughäfen, aber keine Nachtfahrverbote für gezielt lauter geschraubte Gefährte?

    Ist die Freiheit des Motorradfahrers, nachts um 3 zu lärmen, wirklich wertvoller als der Schlaf der Anwohner?

  1. welchen technischen Mehrwert haben die Teile?
    "die Ausbeute von Leistung und Drehmoment" sollen verbessert sein. Kann jemand kurz erklären, wie ein Auspuff das macht?

    Man wundert sich schon, wie einzelne Verkehrsteilnehmer einfach permanent allen anderen genügend Lärm für einen Hörschaden zumuten(es tut tatsächlich weh in den Ohren), und bei einer Party wird direkt die Polizei gerufen um die Anlage abzuholen.

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    • Quas
    • 15. August 2013 12:50 Uhr

    hat der Auspuff folgenden Einfluss:

    Wenn das Abbas ungehindert nach draußen strömen kann, muss der Motor beim Ausschiebetakt weniger Widerstand überwinden und es bleibt mehr Leistung für die Drehbewegung der Kurbelwelle übrig. Also das was man haben will.
    Aus diesem Grund haben leistungsstarke Motoren immer zwei Kanäle für das Abgas. Meisten sind das V Motoren, also für jede Seite einen.

  2. Wasser auf die Mühlen der ZEIT-Auto"fans"...

    Fraglich ist doch, wieviele Fahrzeuge damit wirklich unterwegs sind, pauschale Urteile wie "Landplage" die eine flächendeckende Lärmemission von "Familienkutschen" suggerieren, zweifle ich an.

    Erstens ist dies meines Empfindens nicht so, zweitens bestellt doch kaum jemand bei seiner Familienkutsche eine Sportabgasanlage mit Klappenauspuff, weil das Geld lieber in andere Extras investiert wird. Die paar Sportwagen, die mal bei gutem Wetter aus der Garage geholt werden dürfen sich auch nicht zur Landplage mausern. Und: Jahrelang haben wir das wirkliche Massenproblem der Motorräder nicht beachtet. (Ich würde z.B. auch ein kl. Kennzeichen, von mir aus wie ein Strichcode) an der Frontseite der Motorräder wünschen um irrsinniges Fahrverhalten zu kontrollieren). Jede Harley mit einem 60+ Fahrer röhrt als hätte Sie praktisch keinen Auspuff, kontrolliert wird dann aber lieber ein ländlicher Jungendlicher ob sein Roller 5 km/h mehr fährt...

    Ich bin nicht gegen Grenzwerte, aber die Art und Weise ist wieder so typisch deutsch... Was da nicht alles zur Landplage werden könnte...

    Aber starke Worte, man denke an den unsinnigen Ferrarivergleich im ersten Ansatz, finden sicher hier wieder Ihre Leser..

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    Ich wohne an einer vielbefahrenen Kreuzung und muss regelmäßig die kleinen Rennen von Motorrad- und Autofahrern miterleben. Viele von denen haben eindeutig zu laute Auspuffanlagen, was auf die Dauer wirklich nervt und meinerseits Unverständnis für diese Art der Angeberei hervorruft.

    In der Innenstadt ist das neben Martinshorn und Baustellenlärm eine Lärmquelle zu viel. Wobei ich die ersten zwei noch verstehen kann. Den Quatsch mit dem Auspuff hingegen nicht.

    • Simon_M
    • 15. August 2013 12:39 Uhr

    egal vom Luxusauto oder geltungsbedürftigem Straßenmusiker.

    Der Erwähnte Roller vom "ländlichen Jugendlichen" ist genau so laut :-).

    Da sie aber das Problem wohl nicht beobachten konnten: Mannheim, Quadrate, gegen Abend. Gefühlt die Hälfte hat ein Egoaufbauendes Auto und ist auch zu schnell unterwegs (zum Vergleich mit ihrem selbsternannten Massenproblem (Motorrad *ohne* Strichcode), was auch typisch deutsch ist).

    Fakt ist einfach, so wie es gemacht wird steigert es die Leistung oder das Drehmoment nicht. Es ist lediglich eine Lärmquelle.

    • Alaric
    • 15. August 2013 11:50 Uhr

    Die Hersteller tun schon ihre Pflicht und erfüllen die Gesetze. Wenn man trotzdem ein Problem damit hat, dass ein Paar Autos eine Eisdielenklappe im Auspuff haben, dann sollte man sich an die EU bzgl. Grenzwerten wenden und nicht auf die pöhsen, pöhsen Automobilhersteller zeigen.
    Aber müssen wir wirklich alles regeln/verbieten/einschränken? Andere Länder haben es echt gut - die können die wunderbaren deutschen Sportwagen importieren, ohne die typisch deutsche Verbotsmentalität gleich im Lieferumfang zu bekommen.

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    ...künstlich erzeugten Lärm? Reicht Ihnen der sonstige Lärm auf den Straßen nicht? Wenn Sie im Auto sitzen, bekommen Sie ihn eh nicht wirklich mit... Wozu brauchen Sie ihn also? Wenn ich jetzt noch nach evtl. Problemen mit Ihrer Männlichkeit fragen würde, würde der Beitrag vermutlich zenisert. Also verkneife ich mir die Frage.

  3. aber auf "überflüssigen Lärm" kann verzichtet werden.
    Ich schrecke regelmässig zusammen wenn Verkehrsteilnehmer mit solchen Lärmentwickler auf den Straßen fahren und dass sind nicht wenige!
    Das schlimme daran ist, dass im Fahrzeug der Krach gar nicht so laut wahrgenommen wird.
    Eine Zumutung für Fussgänger und vor allem für Babys und Kleinkinder!
    Von mir aus können bestimmte Straßen für solche Lärmentwickler zugelassen werden, damit Menschen den Krach ausweichen können.

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  4. alles wird geregelt hierzulande - nur diese Lärmbeutel dürfen das !!??
    Mögen ihnen sämtliche Ventile im Motor verfaulen und jedes denkbare Knöllchen auf die Scheibe flattern!

    Abgesehen davon muss man ja schon ziemlich ein Rad abhaben, wenn man seine Karre künstlich lauter macht - was geht in solchen Hirnen eigentlich vor?

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    "....seine Karre künstlich lauter macht - was geht in solchen Hirnen eigentlich vor?"

    Ich vermute nicht viel!
    Meistens sind bei Menschen mit solch ausgeprägter Symptomatik, die sekundären Geschlechtsmerkmale zwar schon deutlich ausgeprägt (sollte nicht gerade da die Krux liegen), doch hormonell ist die Entwicklung oft noch weit hinterher! So sind die in diesen Phasen erwerbbaren psycho-sozialen Fähigkeiten, nicht selten deutlich unterentwickelt.
    Den dadurch entstehenden enormen Frust versuchen Betroffene nicht selten mit optischen oder akustischen "Waffen" zurückzudrängen. Vielleicht ein eigentlich putziger, hilfloser Schrei nach ärztlicher Hilfe!

    • Kauri
    • 15. August 2013 11:58 Uhr

    ....weshalb E-Mobile so eine geringe Chance haben. Die klingen ja wie eine Straßenbahn!
    Unter Ingenieuren grassiert eine schöne Geschichte: Die erste Dampfmaschine für die Dresdner Porzellanmanufaktur war eine verbesserte Ausführung der bis dahin bekannten Maschinen. Die Ingenieure konnten durch eine verbesserte Steuerung den Wirkungsgrad erhöhen und in der Folge das Arbeitsgeräusch minimieren! Der Besitzer der Manufaktur assoziierte das wenig spektakuläre Laufgeräusch mit Leistungsschwäche und befahl den Ingenieuren die Ventile so zu verstellen, dass man die Kraft hören kann. Die Ingenieure Taten, wie befohlen und machten die Maschine um den Preis der Leistung und der Effizienz lauter! Alle waren zufrieden!

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  5. Die AU erfolgt (generell?) nur noch über die OBD Schnittstelle, sofern verfügbar. Es wird lediglich der Fehlerspeicher nach Unregelmäßigkeiten untersucht.

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