Rapsblüte im vergangenen Mai bei Springe in Niedersachsen © Julian Stratenschulte/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Thywissen, Biotreibstoffe gelten als umweltschädlich. Angeblich belasten sie das Klima mehr, als sie ihm nützen, lassen fruchtbares Land knapp werden und verstärken so den Hunger. Repräsentieren Sie eine böse Branche?

Wilhelm F. Thywissen: Moment. Die Raps- und Ölsaatenindustrie schadet niemandem. Wir nehmen keinem das Essen vom Teller, im Gegenteil: Unsere Produktivität ist so schnell gewachsen wie die Nachfrage nach Lebensmitteln. Und dass wir das Klima belasten sollen, müssten Sie erst einmal beweisen.

ZEIT ONLINE: Trotz der Produktivitätsgewinne treibt die zusätzliche Nachfrage nach Agrarpflanzen die Nahrungspreise in die Höhe, und in Asien werden Urwälder gerodet, um den europäischen Biospritmarkt zu bedienen. Das sind für die Europäische Union zwei gute Gründe, die Beimischungsquote für Biotreibstoffe zu halbieren.

Thywissen: Beide Vorwürfe sind völlig unberechtigt. Hier wird mit falschen Argumenten ein sinnvolles Fördersystem auf den Kopf gestellt, das eingespielt ist und seit Jahren gut funktioniert. Für uns ist die Diskussion völlig unverständlich.

ZEIT ONLINE: Die Biosprit-Förderung der EU hat mit den hohen Nahrungsmittelpreisen nichts zu tun?

Thywissen: Der Hunger hat andere Ursachen. In den Entwicklungsländern verderben zu viele Lebensmittel, weil es an Kühl- und Lagermöglichkeiten fehlt, und in den reichen Ländern wird zu viel weggeworfen. Die politischen Verhältnisse in den Entwicklungsländern spielen eine Rolle.

Den Bauern dort würden hohe Preise doch sogar helfen! Die Entwicklungsländer haben oft nur ihre Landwirtschaft, um ein eigenes Einkommen zu erzielen. Solange Agrarprodukte billig sind, bleiben sie Almosenempfänger. Allerdings hat die EU gar nicht die Macht, die globalen Märkte so sehr zu beeinflussen. Es wird so getan, als kaufe Europas Biosprit-Industrie die Welt leer. Aber das stimmt nicht. Zum Beispiel gingen 2012 nur 3,6 Prozent des global verbrauchten Palmöls in die europäische Biodieselproduktion. Das meiste Palmöl wird von der schnell wachsenden Bevölkerung Asiens verbraucht.

ZEIT ONLINE: Die Statistiken zeigen aber, dass enorme Mengen von Palmöl aus Indonesien und Sojaöl aus Argentinien auch nach Europa verkauft werden.

Thywissen: Gemessen am globalen Markt verbraucht die Produktion von Biodiesel in der EU nur geringe Mengen, ausschließlich aus nachhaltig zertifizierten Rohstoffen. Wegen dieser überschaubaren Mengen darf man Biodiesel nicht verdammen. Gegen den in Argentinien und Indonesien hoch subventionierten Biodiesel, der mit Dumping-Preisen nach Europa exportiert wurde, hat die EU bereits erste Strafzölle verhängt.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Klimawirkungen von Biosprit?

Es ist unmöglich, mit der europäischen Biokraftstoff-Gesetzgebung die Rodungen von Regenwald zu beeinflussen.

Thywissen: Biodiesel kann über seinen gesamten Herstellungsprozess hinweg im Vergleich zu fossilen Kraftstoffen etwa die Hälfte an Treibhausgasen einsparen. Das hat uns die zuständige Bundesbehörde bestätigt. Dabei ist der Standardwert für Mineralöl, an dem sich der Biodiesel messen muss, ohnehin schöngerechnet. In Zukunft werden wir noch bessere Werte schaffen.

ZEIT ONLINE: Aber es gibt indirekte Klimaeffekte. Im Ausland wird Regenwald gerodet, zum Beispiel für den Anbau von Ölpalmen. Rechnet man diese Wirkung mit ein, ist die Klimabilanz nicht mehr positiv.

Thywissen: Das Palmöl geht vor allem in die Lebensmittelproduktion, und vor allem nach Asien. Deshalb ist es unmöglich, mit einer europäischen Biokraftstoff-Gesetzgebung die Rodungen zu beeinflussen.

ZEIT ONLINE: Dennoch sehen Studien da einen Zusammenhang. Bleibt weniger Raps für die Lebensmittelindustrie, wächst die Nachfrage nach Palmöl – und dafür wird dann gerodet. Oder in Brasilien wird Regenwald für neue Rinderweiden abgeholzt, weil auf den alten Weiden jetzt Soja angebaut wird. 

Thywissen: Solche Verdrängungseffekte gibt es überall. Beim Straßenbau, wenn Golfplätze eingerichtet oder landwirtschaftliche Flächen stillgelegt werden. Aber es ist gar nicht möglich, sie genau zu messen. Das ist wissenschaftlicher Konsens. Die Politik an einer solch unsicheren Basis auszurichten, ist einfach unseriös. Und außerdem: Wenn man die indirekten Landnutzungsänderungen berücksichtigt, warum gilt das nur für die Bioenergie? Die Nahrungsmittelproduktion verursacht genau die gleichen Veränderungen. Darüber wird aber gar nicht gesprochen.

Die Nachfrage nach Rapsöl aus der Lebensmittelindustrie ist übrigens seit Jahren konstant. Es gibt keinen Mangel, der mit Palmöl zu kompensieren wäre.