Alte Fernsehbilder aus chinesischen Großstädten scheinen einem Traum der Ökologiebewegung entsprungen zu sein. Auf Straßen, die vier und mehr Fahrspuren für jede Richtung haben, drängen sich Radfahrer, Autos sind kaum zu sehen. Die Wirklichkeit hat sich inzwischen ins Gegenteil verkehrt. Heute stehen die Chinesen im Stau, sie sitzen in ihrem Auto – und das kommt bevorzugt von einem deutschen Hersteller.

Der Erfolg von Volkswagen, Audi, Porsche, Mercedes und Smart sowie BMW mit Mini und Rolls-Royce in China ist gigantisch. 22 Prozent aller Autos, die im ersten Halbjahr im bevölkerungsreichsten Land der Erde verkauft wurden, stammen von diesen Marken. Dieser Boom ist Fluch und Segen zugleich.

Nach einer Analyse des Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen ist der chinesische Markt inzwischen beinahe genauso groß wie der US-amerikanische: 7,739 Millionen Autos wurden bis Ende Juni 2013 verkauft; in den USA waren es 7,789 Millionen. Zum Vergleich: In der EU wurden in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 6,205 Millionen Autos abgesetzt, davon in Deutschland 1,503 Millionen.

Mit Ausnahme von Mercedes haben alle genannten deutschen Marken in China mehr Pkw verkauft als im Heimatmarkt. Deutsche Modelle haben eine überragende Strahlkraft. Eine Limousine soll es bitte sein, gerne von BMW, und noch lieber von Volkswagen. Niemand ist in der Volksrepublik so gut aufgestellt wie VW: 40 Prozent aller weltweit produzierten Volkswagen wurden von einem chinesischen Kunden geordert, errechnete das CAR.

Nur indirekte Arbeitsplatzeffekte

"Volkswagen erntet damit die Früchte des frühzeitigen Engagements", erklärt Hendrik Todte vom Beratungsunternehmen Berylls Strategy Advisors den Vorsprung. Jetzt zahlt sich aus, was der damalige VW-Vorstandsvorsitzende Carl H. Hahn in den achtziger Jahren angestoßen hat. 1984 wurde in Shanghai die spätere Shanghai Volkswagen Automotive Corporation gegründet, die damals die Fertigung des VW Santana aufnahm.

Der erfolgreiche Verkauf von VW-Fahrzeugen in China wirkt sich jedoch nur indirekt positiv auf die Arbeitsplätze in Deutschland aus. 94 Prozent aller in der Volksrepublik vertriebenen Volkswagen würden auch dort produziert, sagt Berater Todte. Selten werden komplette Autos aus dem VW-Konzern in China importiert, und das sind in erster Linie Modelle aus dem Luxussegment wie der Audi A8. Der läuft wie gehabt in Neckarsulm vom Band.

Allerdings ist laut Berylls die technische Entwicklung zu rund 70 Prozent in Deutschland angesiedelt. Zudem würden viele hochwertige Fahrzeugsysteme zwar in China zum endgültigen Auto montiert, kämen aber als vorgefertigte Komponenten aus Europa, sagt Todte.