Fahrrad : Es liegt am Sattel, nie am Fahrer

Damit sich auf dem Rad nicht nach kurzer Strecke der Hintern beschwert, braucht es einen guten Sitz. Das Angebot im Handel ist enorm. Was macht den idealen Sattel aus?
Den Sattel waagerecht einstellen © Pressedienst Fahrrad

Ob sportlicher Rennradfahrer oder gemütlicher Wochenendradler, das Problem mit der Suche nach dem richtigen Sattel kennen viele Velofahrer. Schließlich gibt es unglaublich viele verschiedene Sättel und Satteltypen. Wie findet man da den idealen für sich?

Wer ein Fahrrad kauft, sollte genügend Zeit auf die Wahl des Sitzes verwenden. Immerhin 60 Prozent des Körpergewichts ruhen bei sitzender Veloposition auf dem Hintern, den Rest federn die Hände am Lenkrad und die Beine ab. Entscheidend beim Sattelkauf sind die Art des Fahrrades und damit auch der Einsatzzweck. Je sportlicher man unterwegs ist, desto schmaler darf der Sattel sein.

Grundsätzlich raten Fachleute zu straffen Sätteln. Weiche gelten zwar als bequem, aber das ist ein Trugschluss. "Ein weicher breiter Stadtradsattel ist für die ersten 15 bis 30 Minuten Fahrzeit gemütlich, anschließend beginnt er zu drücken", sagt Franc Arnold, Geschäftsführer des Sattelherstellers Terry. Mit dem Sattel sei es ähnlich wie mit Autositzen: Straffe Polster sind auf langen Strecken bequemer. Beim Radfahren sollen die Sitzknochen gestützt werden. Sinken sie tief ein, erhöht das die punktuelle Druckbelastung und folglich den Schmerz.

Genau deshalb rät Arnold auch: "Finger weg von den Exoten." Der Sattel ist das Gegenstück zur Beckenform, und die ist meistens nicht so exotisch. Mithilfe von Ärzten entwickeln Hersteller heutzutage komplexe Sättel, doch im Grunde kann man für Alltags-, Touren- und Sporträder grob zwei Sattelkonzepte unterscheiden: Sättel, bei denen das Gewicht komplett auf den Sitzknochen liegt, und Sättel mit Loch.

Wahl zwischen flexiblem und steifem Sattel

Letztere baut Arnold. Er nennt das Loch Entlastungsöffnung. Die Idee: Der empfindliche Schambereich wird entlastet, und der Druck nimmt von dort in Richtung Sitzbeinknochen langsam zu. Die Öffnung hat aber noch eine weitere wichtige Funktion, wie Arnold erklärt: Durch sie wird der Sattel flexibel. Er bewegt sich bei jedem Tritt, passt sich der Bewegung an und entlastet kurzzeitig die inaktive Seite.

Sättel von Terry und Selle Italia folgen diesem Prinzip. Sie sind relativ schlank beziehungsweise tailliert, damit der Fahrer mehr Kraft aufs Pedal bringt. Die Form stützt das Becken, das Halt braucht beim Treten. Die Sattelnase soll das Bein führen, aber nicht behindern. Breitere Sättel können an der Innenseite der Oberschenkel scheuern.

Ein anderes Konzept verfolgt die Firma SQlab. Auch ihr zentrales Ziel ist, den Schambereich zu schützen. Dazu haben die Experten einen Sattel entwickelt, bei dem die Nase leicht abgesenkt ist. So müssen die Sitzknochen das gesamte Gewicht tragen. "Der Fahrer muss sich an den Sattel gewöhnen", sagt SQlab-Geschäftsführer Tobias Hild. In den ersten Tagen schmerzt der Sattel beim Fahren.

Solche steifen Sättel üben permanent Gegendruck aus. SQlab versucht die Belastung bei einigen Produkten mithilfe eines Dämpfers zu minimieren, der das Arbeiten eines Sattels imitiert. Auch hier geht es darum, die Druckspitzen beim Treten kurz zu verringern.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

"Dominoeffekt"?

Wenn Sie mit einem Liegerad glücklich sind, ist das eine Lösung - was ich mich allerdings frage ist: haben Sie denn insgesamt eine entspannte Haltung auf einem "normalen" Rad? Ich kenne auch Leute, die wie ein Flitzbogen sitzen und dass erstmal bequem finden, so dass sie es gar nicht merken. Dabei könnte es vielleicht auch sein, dass man Probleme an einer Stelle - im Rücken, an den Griffen, der Lenkereinstellung, zum Beispiel - dann durch Gewichts - und Spannungsverlagerung woanders "ablädt", was sich dann auch durch einen anderen Sattel, beispielweise, nicht ausgleichen lässt.

Anmerkungen zum Liegradfahren

Ich bin seit 50000km auf einem Liegerad unterwegs. Und möchte nichts anderes mehr fahren. Ein Urologe bemerkte nur, als er mich und mein Rad sah: An Ihnen kann ich nichts verdienen.
Neben bei bemerkt: Tages Leistungen von 100 und mehr Kilometern sind kein Problem,
Taube Hände, Sitzbeschwerden, Schulterprobleme sind nicht vorhanden. wo man vorsichtig sein muss sind Knieprobleme, weil das Liegeradfahren zu höheren Pedalkräften verführt.

Sattel-Voodoo

Ich denke ebenfalls, dass die Fitness des Fahrers entscheidend für das Ausmaß von Sitzbeschwerden ist.
Je mehr Kilometer er abspult und je mehr er seine Rumpfmuskulatur abseits des Rades trainiert, desto weniger Beschwerden wird er haben.

Alle Sattelmodelle der namhaften Hersteller sind bereits für ihren Einsatz-Zweck optimiert. Dass ständig eine Unzahl von neuen Modellen auf den Markt kommt, die angeblich noch optimierternals ihre Vorgängernnsind, ist reines Marketing. Denn die Hersteller haben mit dem Umstand zu kämpfen, dass ein Qualitäts-Sattel eine Ewigkeit hält, und das ist schlecht für die Umsätze. Entsprechend werden der leidenden Menschheit ständig neue Heilsversprechen vorgegaukelt, um sie zum Kauf zu animieren.

Die im Artikel propagierten Sättel mit Aussparung sind ein alter Hut. Vor rund 15 Jahren habe ich mir bspw. einen Selle Italia Max Flite TransAm zugelegt und war total enttäuscht. Zwar sank der Druck auf Damm und Harnröhre, dafür war er um die Kanten der Aussparung und die Sitzhöcker umso grösser. Insgesamt einer der unangenehmsten Sättel, die ich gefahren bin.

Meine persönliche Empfehlung sind die klassischen Modelle à la Rolls, Turbo und Regal, die von den Herstellern seit einiger Zeit wieder neu aufgelegt werden. Anders als die neumodischen schmalen Leichtsättel à la Flite SLR bieten sie durch den voluminösen Zuschnitt mehr Fläche, auf die sich der Druck verteilen kann.
Mit gut 360g sind sie für die Gewichts-Fetischisten allerdings indiskutabel schwer.

Habe schon diverse Male

in meinem Leben deutlich mehr als 5 Kilo abgenommen. Meine Erfahrung zeigt, das ein Kilo Körpergewicht weniger oder 1 Kilo Fahrradgewicht weniger, nicht das Gleiche sind.Ein paar hundert Gramm weniger an den Laufrädern kann bergauf regelrecht Flügel verleihen. Wer besonders kräftig ist, bei dem sollten die Laufräder steifer gegen Torsion und damit i.d.R. schwerer sein. Im Schnitt würde ich bei meinen Gewichtsverhältnissen sagen: 1 Kilo weniger Gewicht am Rennrad hat in etwa die Wirkung, wie 3-4 Kilo Körpergewicht weniger. Das läßt sich allerdings bei mir maximal 2 Mal anwenden. 9 Kilo Rad zu 8 Kilo Rad zu 7 Kilo Rad. Auf leichtere Räder steige ich auch bei meinem Minimalgewicht nicht drauf. Das ich zu den schweren Rennradlern gehöre, läßt sich wohl erahnen.