FahrradEs liegt am Sattel, nie am Fahrer

Damit sich auf dem Rad nicht nach kurzer Strecke der Hintern beschwert, braucht es einen guten Sitz. Das Angebot im Handel ist enorm. Was macht den idealen Sattel aus? von Andrea Reidl

Den Sattel waagerecht einstellen

Den Sattel waagerecht einstellen  |  © Pressedienst Fahrrad

Ob sportlicher Rennradfahrer oder gemütlicher Wochenendradler, das Problem mit der Suche nach dem richtigen Sattel kennen viele Velofahrer. Schließlich gibt es unglaublich viele verschiedene Sättel und Satteltypen. Wie findet man da den idealen für sich?

Wer ein Fahrrad kauft, sollte genügend Zeit auf die Wahl des Sitzes verwenden. Immerhin 60 Prozent des Körpergewichts ruhen bei sitzender Veloposition auf dem Hintern, den Rest federn die Hände am Lenkrad und die Beine ab. Entscheidend beim Sattelkauf sind die Art des Fahrrades und damit auch der Einsatzzweck. Je sportlicher man unterwegs ist, desto schmaler darf der Sattel sein.

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Grundsätzlich raten Fachleute zu straffen Sätteln. Weiche gelten zwar als bequem, aber das ist ein Trugschluss. "Ein weicher breiter Stadtradsattel ist für die ersten 15 bis 30 Minuten Fahrzeit gemütlich, anschließend beginnt er zu drücken", sagt Franc Arnold, Geschäftsführer des Sattelherstellers Terry. Mit dem Sattel sei es ähnlich wie mit Autositzen: Straffe Polster sind auf langen Strecken bequemer. Beim Radfahren sollen die Sitzknochen gestützt werden. Sinken sie tief ein, erhöht das die punktuelle Druckbelastung und folglich den Schmerz.

Genau deshalb rät Arnold auch: "Finger weg von den Exoten." Der Sattel ist das Gegenstück zur Beckenform, und die ist meistens nicht so exotisch. Mithilfe von Ärzten entwickeln Hersteller heutzutage komplexe Sättel, doch im Grunde kann man für Alltags-, Touren- und Sporträder grob zwei Sattelkonzepte unterscheiden: Sättel, bei denen das Gewicht komplett auf den Sitzknochen liegt, und Sättel mit Loch.

Wahl zwischen flexiblem und steifem Sattel

Letztere baut Arnold. Er nennt das Loch Entlastungsöffnung. Die Idee: Der empfindliche Schambereich wird entlastet, und der Druck nimmt von dort in Richtung Sitzbeinknochen langsam zu. Die Öffnung hat aber noch eine weitere wichtige Funktion, wie Arnold erklärt: Durch sie wird der Sattel flexibel. Er bewegt sich bei jedem Tritt, passt sich der Bewegung an und entlastet kurzzeitig die inaktive Seite.

Sättel von Terry und Selle Italia folgen diesem Prinzip. Sie sind relativ schlank beziehungsweise tailliert, damit der Fahrer mehr Kraft aufs Pedal bringt. Die Form stützt das Becken, das Halt braucht beim Treten. Die Sattelnase soll das Bein führen, aber nicht behindern. Breitere Sättel können an der Innenseite der Oberschenkel scheuern.

Ein anderes Konzept verfolgt die Firma SQlab. Auch ihr zentrales Ziel ist, den Schambereich zu schützen. Dazu haben die Experten einen Sattel entwickelt, bei dem die Nase leicht abgesenkt ist. So müssen die Sitzknochen das gesamte Gewicht tragen. "Der Fahrer muss sich an den Sattel gewöhnen", sagt SQlab-Geschäftsführer Tobias Hild. In den ersten Tagen schmerzt der Sattel beim Fahren.

Solche steifen Sättel üben permanent Gegendruck aus. SQlab versucht die Belastung bei einigen Produkten mithilfe eines Dämpfers zu minimieren, der das Arbeiten eines Sattels imitiert. Auch hier geht es darum, die Druckspitzen beim Treten kurz zu verringern.

Leserkommentare
  1. ab und an berichten Sie auch zu Liegerädern - da gibts keinen Sattel mehr, sondern einen Sitz. Habe diesbezüglich erst einmal Erfahrungen machen können (in diesem Jahr Fahrrad-Festival in Leer), das war sehr interessant und aufschlussreich und auf Anhieb fühlte sich das sehr angenehm an.
    Meine Erfahrungen zu Sattel sind seit 50 Jahren schlecht - weiter als 50 bis 60 Kilometer, mit Rückenwind auch mal 80 KIlometer gehts einfach nicht. Trotz unzähliger Sättel und regelrechter Einstellungsmarathons. Sattelnase hoch, runter, Sattel nach vorne, nach hinten, Sitzposition aufrechter, gebeugter.
    Pedersen-Fahrräder könnten ebenfalls Alternative sein, aber ehrlich gesagt, das macht sich preislich nicht viel zu Liegerädern.
    Man könnte ja denken, so viel Fortschritt in der Fahrradtechnik der vergangenen Jahrzehnte, aber beim Sattel gibt es nach meinem Eindruck keine wesentlichen Fortschritte. Auch SQLab und wie sie alle heißen - da sitz man vielleicht unmittelbar "bequemer", rutscht nach -zig Kilometern jedoch ebenfalls wie ein Affe auf dem Schleifstein.
    Ne, so richtig erleuchten konnte mich der Artikel nicht ...

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    Wenn Sie mit einem Liegerad glücklich sind, ist das eine Lösung - was ich mich allerdings frage ist: haben Sie denn insgesamt eine entspannte Haltung auf einem "normalen" Rad? Ich kenne auch Leute, die wie ein Flitzbogen sitzen und dass erstmal bequem finden, so dass sie es gar nicht merken. Dabei könnte es vielleicht auch sein, dass man Probleme an einer Stelle - im Rücken, an den Griffen, der Lenkereinstellung, zum Beispiel - dann durch Gewichts - und Spannungsverlagerung woanders "ablädt", was sich dann auch durch einen anderen Sattel, beispielweise, nicht ausgleichen lässt.

    • Karl63
    • 25. August 2013 10:25 Uhr

    Keine Frage, wer sein Rad (auch) als Sportgerät nutzen will der wird nicht umhin kommen, einen darauf optimierten Sattel auszuwählen.
    Für Menschen die ihr Rad einfach nur als Fortbewegungsmittel für den Alltag nutzen wollen, ergibt sich die erwähnte aufrechte Sitzposition von ganz alleine. Insofern gibt es dann auch keinen Grund, einen Ledersattel nur als eingeschränkt empfehlenswert zu betrachten.
    Der Punkt ist, wenn man einen Ledersattel einmal im Jahr einfettet (Lederfett) und den bei Regen abdeckt, dann ist dies eine äußerst langlebige Angelegenheit. Der auf meinem Rad erfüllt schon seit über 10 Jahren seinen Dienst - lediglich das Untergestell ist schon einmal kaputt gegangen, dieses lässt sich aber für relativ wenig Geld ersetzen.

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    • porph
    • 25. August 2013 10:32 Uhr

    Was Sie beschreiben, ist zwar sehr schade, aber zum Glück keinesfalls allgemeingültig. Bis auf krasse Ausnahmen wie Sie abgesehen findet jeder (mal etwas einfacher, mal etwas schwieriger und nach viel Durchprobieren) den perfekten Sattel bzw. die perfekte Sitzposition, bei der es möglich ist, beliebig lange Strecken am Stück durchzufahren, ohne dass der Hintern der limitierende Faktor wäre.

    Ich finde es entmutigend für etwaige Fahrrad-Neueinsteiger und auch etwas unfair zu sagen, beim Sattelbau habe es keine Fortschritte gegeben - das stimmt nur insofern, als das moderne Sättel eben für die meisten Menschen in ihrer Funktion perfekt sind und keine Verbesserungen mehr notwendig sind.

    Noch ein paar Erfahrungswerte von mir: Es ist nicht nur der Sattel entscheidend, sondern das Zusammenspiel Sattel-Sitzposition. Als ich einmal von einem Rad, das ich problemlos 10.000 km mit dem selben Sattel gefahren bin auf ein anderes Rad umstieg, und aufgrund der guten Erfahrung den Sattel mitnahm, war das Erwachen groß - bei der (beim neuen Fahrrad etwas anderen Sitzposition) war der Sattel nicht mehr so bequem und auch nach Einfahrzeit löste sich das Problem nicht. Neuen Sattel gesucht, und: die Probleme waren weg.

    Generell stellt der Artikel aber ganz richtig fest, dass viele Neulinge intuitiv zum falschen (zu weichen) Sattel greifen. Weich ist eben nicht bequem.

    PS: Wenn man sportlich fährt, wird der Sattelkomfort immer nebensächlicher, da mehr Druck auf den Pedalen/Beinen liegt.

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  2. Wenn ich nach längerer Zeit auf mein Rad steige, schmerzt nach einer längeren Tour der Hintern. Das liegt nicht am Sattel sondern am untrainierten Radler. Ein geübter Radler sitzt "im" Rad und nicht darauf, somit ist der Druck auf das Gesäß auch geringer wie beim Einsteiger. Ein trainierter Radler tritt nicht sondern kurbelt, der Krafteinsatz auf die Pedale liegt nicht nur in der Abwärtsbewegung sondern während ein Pedal abwärts gedrückt wird, bewegt das andere Bein das Pedal nach hinten/oben. Gleichzeitig ziehen die Arme
    sachte am Lenker nach hinten, der "Lenkerzug". Damit sinkt der Druck auf den Sattel. Ich bin beim Triathlon mehrfach 180 km in der Badehose gefahren und hatte keinerlei Problem mit dem Sitzfleisch.

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    Ich denke ebenfalls, dass die Fitness des Fahrers entscheidend für das Ausmaß von Sitzbeschwerden ist.
    Je mehr Kilometer er abspult und je mehr er seine Rumpfmuskulatur abseits des Rades trainiert, desto weniger Beschwerden wird er haben.

    Alle Sattelmodelle der namhaften Hersteller sind bereits für ihren Einsatz-Zweck optimiert. Dass ständig eine Unzahl von neuen Modellen auf den Markt kommt, die angeblich noch optimierternals ihre Vorgängernnsind, ist reines Marketing. Denn die Hersteller haben mit dem Umstand zu kämpfen, dass ein Qualitäts-Sattel eine Ewigkeit hält, und das ist schlecht für die Umsätze. Entsprechend werden der leidenden Menschheit ständig neue Heilsversprechen vorgegaukelt, um sie zum Kauf zu animieren.

    Die im Artikel propagierten Sättel mit Aussparung sind ein alter Hut. Vor rund 15 Jahren habe ich mir bspw. einen Selle Italia Max Flite TransAm zugelegt und war total enttäuscht. Zwar sank der Druck auf Damm und Harnröhre, dafür war er um die Kanten der Aussparung und die Sitzhöcker umso grösser. Insgesamt einer der unangenehmsten Sättel, die ich gefahren bin.

    Meine persönliche Empfehlung sind die klassischen Modelle à la Rolls, Turbo und Regal, die von den Herstellern seit einiger Zeit wieder neu aufgelegt werden. Anders als die neumodischen schmalen Leichtsättel à la Flite SLR bieten sie durch den voluminösen Zuschnitt mehr Fläche, auf die sich der Druck verteilen kann.
    Mit gut 360g sind sie für die Gewichts-Fetischisten allerdings indiskutabel schwer.

    kann ich so mittragen. Zu der Anmerkung "Mit gut 360g sind sie für die Gewichts-Fetischisten allerdings indiskutabel schwer": wie wäre es, wenn der Nutzer mal eben 1 (ein) Kilo abnimmt? Ein Gramm Radgewicht weniger kostet
    schätzungsweise 75 Cent, also ein Rennrad, das 1 Kilo leichter ist bei selber Qualität kostet ca. 750 Euros mehr. Nimmt der Fahrer durch Ernährungsumstellung fünf Kilo ab, brauchen wir über das Gewicht des Sattels oder der Speichen nicht mehr diskutieren.

    • Infamia
    • 26. August 2013 15:11 Uhr

    Zum Großteil haben Sie recht. Ich bin am Ende auch die 180km problemlos mit Einteiler (die haben einen sehr dünnen, nicht relevanten Einsatz) gefahren. Aber geben Sie es zu. Zu Saisonbeginn zwiebelt es einfach im Hintern. Bei mir dauert es so etwa 700km, bevor ich mich dran gewöhnt habe. Das liegt allerdings auch daran, dass ich im Winter halt kaum fahre. Rolle ist bekanntlich für`n **sch. ;)

  3. Jeder Hintern ist irgendwie anders und dementsprechend viele Meinungen gibt es zu Sätteln. Grundsätzlich sollte man seinen Sattel nach den Kriterien Mann/Frau, Rennrad/MTB/Tourenrad aussuchen. Bei Rennradsätteln gibt es die Dammsitzer und die Sitzbeinhöckersitzer. Selber fahre ich auf meinem Rennrad einen SqLab und kommen damit gut klar. Bei den Sätteln mit dem Loch hat man als Mann zwar weniger Druck auf dem Damm, dafür steigt der Druck aber auf den Rändern des Lochs, denn irgendwo muss der Druck ja bleiben. Eine gewisse Sattelgewöhnung muss aber auch sein. Helfen kann hier ein wenig Chamoix Creme auf das Sitzpolster zu geben. Eine gute Hose (darunter zieht man übrigens keine Unterwäsche an) tut ein weiteres. Ansonsten hilft nur ausprobieren.

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  4. ... "Ledersättel funktionieren nur, wenn man aufrecht fährt"... Aha? Vielleicht wird Frau Neuß´ Ansicht hier stark verkürzt widergegeben. Denn so für sich ist das schon eine steile These, finde ich zumindest. Aus der eigenen Erfahrung heraus kann ich ihre Ansicht nicht bestätigen. Mit zehntausenden Reise-, Alltags- und Sportkilometern - alles mit ein und demselben Rad/Ledersattel ausgeführt - auf dem sich großartig fühlenden Hintern, in sehr sportlicher Haltung mit Sattelüberhöhung, kann ich für mich behaupten: der Ledersattel war mit die beste Anschaffung meines Radlerlebens! Wundersamerweise vom ersten Meter an, das befürchtete "Einreiten" war nicht nötig. Alle Sättel zuvor, sportiv, gefedert oder nicht, mit Gelgedöns oder ohne, waren auf Strecken über 100 Kilometer immer eine Tortur.
    Jahrzehntelang war Leder das Mittel der Wahl, auch im Hochleistungssport...
    "Nur aufrecht", ich weiß nicht...
    Wie @3 schreibt: entscheidend ist das Gesamtpaket.

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    Bin seit min. 25 Jahren mit Ledersätteln unterwegs, sowohl auf dem Rennvelo als auch auf dem Mountainbike. So richtig aufrecht sitze ich da wohl kaum, und das auch meistens mindestens 2-3h. Klingt für mich, als wolle der Autor des Artikels den Lesern lieber was anderes als Leder verkaufen.
    Ein Ledersattel ist aber meines Wissens wesentlich schwerer als ein moderner Plastiksattel. Das ist mir selber aber wurscht, ich will ja keine Radrennen fahren. Und schicker als das Plastikgedöns ist so ein Brooks-Sattel allemal.....

  5. Bin seit min. 25 Jahren mit Ledersätteln unterwegs, sowohl auf dem Rennvelo als auch auf dem Mountainbike. So richtig aufrecht sitze ich da wohl kaum, und das auch meistens mindestens 2-3h. Klingt für mich, als wolle der Autor des Artikels den Lesern lieber was anderes als Leder verkaufen.
    Ein Ledersattel ist aber meines Wissens wesentlich schwerer als ein moderner Plastiksattel. Das ist mir selber aber wurscht, ich will ja keine Radrennen fahren. Und schicker als das Plastikgedöns ist so ein Brooks-Sattel allemal.....

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    Antwort auf "Nur aufrecht?"
  6. sein ganzes geld noch ausgeben kann. Man kann sich auch einbilden, dass der ganze neu entwickelte Unsinn deutlich besser ist. Und es heisst Fahrrad und nicht Velo, ihr Pseudo-bessere-welt-Moralisten.

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    Man fragt mitunter, woher der schlechte Ruf der Deutschen in der Schweiz (in der Deutschschweiz ist es ein Velo, Herr Radfahrer) wohl rühren mag. Keine weitere Frage.

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