"Es gibt halt so Sachen, die sind problematisch, und Autobahn geht gar nicht, finde ich." Mit diesem Satz warf Johannes B. Kerner 2007 die frühere ARD-Moderatorin Eva Herman aus seiner Sendung. Herman hatte zuvor in der Diskussion über Familienpolitik auf "Werte" aus der Zeit des Nationalsozialismus Bezug genommen und das so gerechtfertigt: "Es sind auch Autobahnen damals gebaut worden, und wir fahren heute drauf."

"Autobahn geht gar nicht": Geschichtsklitterer haben die angebliche verkehrspolitische Großtat des NS-Regimes so lange für ihre Unter-Hitler-war-nicht-alles-schlecht-Litanei missbraucht, dass die inhaltliche Auseinandersetzung nur noch lästig scheint. Ob im Guten oder Bösen: Autobahnen gelten in Deutschland weithin als die "Straßen des Führers".

Gut, anders als etwa im englischen Wort Highway steckt das Auto in der deutschen Autobahn, und das gibt es erst seit 1886. Ausgeschlossen sind also schon mal die Fernwege der Bronzezeit, die von Perserkönig Darius im fünften Jahrhundert vor Christus angelegten Überlandverbindungen, alle Wege nach Rom zu Caesars Zeiten oder die erste Route National zwischen Paris und Orléans, die Frankreichs König Heinrich II. 1556 pflastern ließ.

Für die meisten Deutschen beginnt die Geschichte der Autobahn am 23. September 1933, mit dem ersten Spatenstich Adolf Hitlers für die erste "Reichsautobahn" von Frankfurt über Darmstadt und Mannheim nach Heidelberg. Doch die Strecke war ein alter Hut: Sie griff zu einem großen Teil zurück auf Pläne des Vereins zur Vorbereitung der Autostraße Hansestädte-Frankfurt-Basel, kurz HaFraBa, und diese gab es seit 1926.

Die Avus gab's schon 1921

HaFraBa-Gründer Robert Otzen, Ingenieur und Professor in Hannover, prägte den Begriff Autobahn als Ersatz für Wortungetüme wie Nur-Kraftwagenstraße. Eine solche hatte schon 1904 der autobegeisterte Kaiser Wilhelm II. angeregt, und eine 1909 in Berlin gegründete Gesellschaft wollte eine "Automobil-Verkehrs- und Uebungs-Straße" – kurz Avus –bauen. Der Erste Weltkrieg kam dazwischen, die Avus wurde erst 1921 fertig.

Sie war weniger ein Verkehrsweg als eine Hobbyrennstrecke, auf der für zehn Mark Maut jeder rasen durfte. Doch sie hatte, wie spätere Autobahnen, einen Mittelstreifen, Platz zum Überholen, schnell zu durchfahrende Kurven und keine Kreuzungen. Der Long Island Motor Parkway (LIMP) in den USA sah allerdings schon seit 1908 so ähnlich aus und auch hier durften nur Autos fahren.

Die erste echte, als normaler Verkehrsweg dienende Autobahn war die italienische Autostrada dei Laghi, deren erstes Teilstück von Mailand nach Varese am 21. September 1924 eröffnet wurde. Nötig war die heutige A 8 nicht: In ganz Italien gab es nicht einmal 100.000 Autos. Aber die in Rom regierenden Faschisten waren vernarrt in technischen Fortschritt, in Geschwindigkeit, Abgasduft und Motorensound.