EthanolEU-Parlament will mehr Biosprit erlauben

Auch die EU-Abgeordneten wollen die Nutzung pflanzlicher Kraftstoffe begrenzen, aber weniger stark als die Kommission. Umweltexperten sind frustriert.

Tierfutter, aus dem sich Kraftstoff herstellen lässt

Tierfutter, aus dem sich Kraftstoff herstellen lässt  |  © Scott Olson/Getty Images

Künftig sollen in der EU herkömmliche Agrartreibstoffe maximal sechs Prozent am gesamten Kraftstoff ausmachen. So beschloss es das Europaparlament mit deutlicher Mehrheit. Damit schwächten die Abgeordneten in Straßburg einen Entwurf der EU-Kommission ab: Umweltkommissarin Connie Hedegaard wollte den Anteil auf nur fünf Prozent begrenzen.

Der konventionelle Biosprit aus Raps oder Soja ist umstritten, weil durch den Anbau der Pflanzen Flächen für Nahrungsmittel wegfallen. Für neue Felder werden vor allem in Entwicklungsländern Wälder gerodet, was schlecht für das Klima ist. Dieses Problem ist bekannt als indirekte Landnutzungsänderung, unter Fachleuten oft auch mit der englischen Abkürzung Iluc bezeichnet. Der Streit um Biosprit war in Deutschland entflammt, als der Kraftstoff E10 eingeführt wurde, der zwischen fünf und zehn Prozent reinen Agrarkraftstoff enthält.

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Noch kritischer als das Parlament sieht der Rat, die Vertretung der EU-Staaten, die Pläne der EU-Kommission. Nach Aussage von Diplomaten peilt eine große Mehrheit der Mitgliedsländer eine Obergrenze von sieben Prozent an. Besonders osteuropäische Staaten wie Polen fürchten wirtschaftliche Einbußen. Agrarvertreter warnen vor dem Verlust von Arbeitsplätzen, wenn sich die Biodieselproduktion nicht mehr lohnt. Deutschland ist zwar für fünf Prozent, zeigt sich aber kompromissbereit.

Vom bösen zum guten Biosprit

1. Generation
Der Kraftstoff wird nur aus Früchten gewonnen: bei Bioethanol aus Mais oder Zuckerrohr, bei Biodiesel aus Soja, Raps oder Ölpalme.

2. Generation
Kraftstoff oder Biogas wird mittels chemietechnischer Verfahren aus Pflanzenresten wie Stroh, Holzschnipseln und Blättern gewonnen.

3. Generation
Der Kraftstoff wird von Mikroorganismen wie Blaualgen mittels Photosynthese nur aus CO₂ und Wasser produziert – ohne Pflanzenmaterial.

Enttäuscht äußerte sich der SPD-Europaabgeordnete und Umweltexperte Jo Leinen. Das Votum habe die Kommissionsvorlage deutlich verwässert, sagte er. Eine Mehrheit der Abgeordneten habe der Agrarlobby nachgegeben, die "bis zur letzten Sekunde massiven Druck ausgeübt" habe. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisierte, der nun angestrebte Anteil von sechs Prozent sei "sozial und ökologisch nicht verantwortbar". Die Linkspolitikerin Sabine Wils sagte, die angestrebten Regeln reichten nicht aus, um die schlimmen Folgen von Biosprit fürs Klima und für Armut in Drittweltländern abzumildern.

Beimischung

Das E10-Benzin besteht zu zehn Prozent aus Bioethanol. Der Biokraftstoff wird durch biochemische Prozesse aus Pflanzen gewonnen. In Europa werden zur Gewinnung vor allem Weizen, Roggen oder Zuckerrüben genutzt, außerhalb Europas verarbeiten die Hersteller vorrangig Mais und Zuckerrohr.

Klimafolgen

Ziemlich schnell zeichneten sich Flächenkonkurrenzen zwischen der Nahrungs- und Futtermittelproduktion und dem Anbau von Energiepflanzen für Biosprit ab. Das führte zu einer Nachhaltigkeitsverordnung für den Agrartreibstoff. Nur wenn über die gesamte Lebensdauer gewährleistet ist, dass bei der Verbrennung des Agrarsprits mindestens 35 Prozent weniger Kohlendioxid emittiert werden als beim Einsatz von Treibstoffen aus Erdöl, darf er beigemischt werden. Allerdings berücksichtigt die europäische Nachhaltigkeitsverordnung indirekte Landnutzungsänderungen nicht. Das bedeutet: Wenn mehr Flächen gebraucht werden, um Biosprit anzubauen, werden Acker- oder Weideflächen dafür genutzt. Die Futtermittelproduktion braucht deshalb neue Flächen und verdrängt so beispielsweise Rinderzüchter. Diese wiederum weichen dann in den Regenwald aus. Und so ist die Biospritproduktion über Umwege eben doch für die Abholzung von Regenwäldern verantwortlich.

Verbrauch

Durch die Beimischung von Ethanol sinkt der Wirkungsgrad des Sprits. Das führt zu einem steigenden Verbrauch. Als Richtwert nennt der ADAC drei Prozent Mehrverbauch, allerdings nur im Vergleich zu Ottokraftstoff ohne Ethanolbeimischung. Da aber schon das derzeitige Benzin bis zu fünf Prozent Ethanol enthält, liege der zusätzliche Mehrverbrauch tatsächlich bei rund 1,5 Prozent. Einen weitaus größeren Einfluss auf den Kraftstoffverbrauch habe beispielsweise das Fahrverhalten, heißt es beim Bundesumweltministerium. Wer energiesparender fahre, könne den Kraftstoffverbrauch um rund 25 Prozent senken.

Gefahren

E10-Benzin kann bei Aluminium Korrosion hervorrufen. Der Prozess kann bereits durch einmaliges Tanken ausgelöst werden und ist dann nicht mehr zu stoppen. Die dadurch eventuell entstehenden Lecks im Kraftstoffsystem sind nach Einschätzung von Automobilverbänden ein hohes Sicherheitsrisiko. Ethanol kann Gummi lösen und es kann bei Modellen, die den Kraftstoff nicht vertragen, zu Problemen bei Dichtungen und Schläuchen führen. Autofahrer sollten sich also vor dem Tanken informieren, ob der eigene Wagen E10-tauglich ist – 93 Prozent sind es.

Informationen

Einen ausführlichen Frage-Antwort-Katalog zum neuen Benzin gibt es auf den Internetseiten des Bundesumweltministeriums. Der ADAC bietet telefonische Beratung, zusätzlich gibt es Infos auf seiner Website. Eine Liste mit Automobiltypen, die das E10 nicht vertragen, bietet die Deutsche Automobil Treuhand auf ihrer Internetseite.

Auch in einem zweiten Teil der Reform wählte das Europaparlament einen Mittelweg zwischen Umwelt- und Agrarinteressen. So sollen die Folgen der indirekten Landnutzungsänderung zwar in die CO2-Bilanz von Biosprit eingerechnet werden, dies aber erst ab 2020. Durch die Einrechnung könnte vor allem Biodiesel nicht mehr für Klimaschutzziele angerechnet werden. Die neuen Regeln sollen ein Schub für neue Formen von Biosprit sein, etwa aus Stroh oder Algen.

Nun müssen die EU-Staaten ihre Sicht auf die Reform festlegen und sich anschließend mit dem Parlament einigen. Das dürfte dauern, denn auch im Rat gehen die Meinungen  auseinander. Es ist fraglich, ob das Gesetzgebungsvorhaben bis zur Europawahl im Mai 2014 abgeschlossen werden kann.

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Leserkommentare
  1. Bis 2020 ist die Biosprit Beimischung eine reine freiwillige Maßnahme der Regierung der Bundesrepublik Deutschland. Erst ab 2020 sind die hier diskutierten Quoten verbindlich.
    Mit einfachem Gesetz könnte die Quote entsprechend wieder abgeschafft werden. Alternativ läßt die EU die Erfüllung der Quote auch mit Ökostrom zu. Z.B. könnte die Bahn vollständig mit Ökostrom fahren.
    Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten dürften mit Ökostrom erheblich sinken. Hier noch ein Vorschlag dazu im Liquid Feedback der Piratenpartei. https://lqfb.piratenparte...

    Eine Leserempfehlung
    • Untoter
    • 12. September 2013 3:39 Uhr

    Auch wenn sich der Begriff"Biosprit" durchgesetzt hat,wärs möglich, den Begriff "Agrosprit" zu nutzen?Der Kraftstoff wird auch gerne mal Genmanipuliert angebaut, jedoch ist es unwahrscheinlich, das der Kraftstoff ohne Pestizide und andere Gifte hergestellt wird.
    Biokraftstoff hört sich so verharmlosend, niedlich an.

    Zum Thema: In Zeiten wo es eine Milliarde hungerde Menschen gibt, sollte man den Agrokraftstoff nicht mehr herstellen, auch wenn man dasTotschlagargument Arbeitsplätze für die Rechtfertigung der Herstellung von nachwachsendem Kraftstoff benützt.

    3 Leserempfehlungen
  2. Also rund 17 000 KWh jährlich

    und das obwohl die Sonne rund 1000 Kwh je m2 jährlich liefert. Hier wird ein geradezu erbärmlicher Ertrag politisch gefördert um den Landwirten ein Geschenk zu machen. zu Lasten der Hungernden der Welt und der hiesigen Konsumenten, die zuätzlich höhere Lebensmittelpreise hinnehmen müssen.

    Essen gehört nicht in den Tank, kann man immer nur wiederholen.

    Eine Leserempfehlung
  3. Ich halte nicht so viel vom Agro- Sprit, aus Gründen, die in den obigen Kommentaren schon genannt sind.

    Es gibt aber noch ein weiteres Problem mit Bioethanolsprit, das ich hier noch erwähnen möchte: Der Sprit zersetzt sich nach einiger Zeit, er darf höchstens sechs Monate im Tank bleiben, dann fängt er an, zu "gammeln". Für Leute, die selten mit dem Auto fahren, ist das ein Problem- und ebenso für Leute, die ein Auto mit Erdgas- oder Autogastank fahren, denn die benötigen nur ein paar Tropfen Sprit, um den Motor anzulassen; da reicht eine Tankfüllung Super auch mal mehr als ein halbes Jahr!

    Wird dann das herkömmliche Super gänzlich abgeschafft, wenn diese Verordnung der EU umgesetzt wird, oder gibt es dann trotzdem noch unalkoholisierten Sprit? Das würde mich mal interessieren. Oder man müsste halt das E10 irgendwie verändern, dass es auch für Gastankautos verwendbar ist- so man denn diese Verordnung wirklich umsetzen will.

  4. Die Diskussion um Biokraftstoffe wir in den wenigsten Fällen differenziert geführt, und daher ist es an der Zeit mal ein paar Fakten einzubringen.

    Das Bild zeigt offensichtlich Rapspresskuchen zu sehen, der bei der Rapsölherstellung anfällt. Die Bildunterschrift müsste also korrekt heissen: "Tierfutter, das u. a. bei der Biokraftstoffproduktion anfällt".

    Die Vergleiche zur Sonneneinstrahlung sind durchaus interessant, solange allerdings weder Autos, noch Schiffe und Flugzeuge elektrisch angetrieben sind, lassen sich im Transportsektor mit erneuerbarem Strom kaum CO2 Reduktionen erreichen! Genau deshalb unterstreicht z.B. die Internationale Energieagentur in Ihrer Biokraftstoff Roadmap die Bedeutung nachhaltiger Biokraftstoffe, insbesondere derjenigen der zweiten Generation.

    Zur "Tank vs. Teller" Diskussion nur ein paar Fakten:
    Laut Weltbank ist der Ölpreis der stärkste Faktor für Nahrungsmittelpreise.
    Landverbrauch für Biokraftstoffe ca. 30 Millionen ha, i.e. 2% der 1,5 Mrd. ha urbarer Fläche, und 3,5 Mrd. ha Weideland.
    Laut FNR wurden 2010 weniger als 5% der weltweiten Pflanzenöl Produktion zu Biokraftstoffen verarbeitet, wohingegen 24% in die Pharma- und chemische Industrie gingen. Beim Getreide sind die Anteile noch geringer.
    Demgegenüber landen 25% der globalen Ernte im Müll. Angesichts dieser Zahlen seigt sich, dass es an der Zeit ist sich den realen Problemen der Nahrungsmittelversorgung zu stellen, anstatt Biokraftstoffe als Ausrede für Untätigkeit zu nutzen!

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, tst
  • Schlagworte EU-Kommission | Europäische Union | Biodiesel | Connie Hedegaard | Entwicklungsland | Europaparlament
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