Autounfall im UrlaubDépanneur, bitte kommen!

Deutsche Urlauber stellen die größte Gruppe ausländischer Unfallopfer in Frankreich. Die lokalen Partner von ADAC und anderen Autoklubs haben im Sommer Hochbetrieb. von Robert Schmidt

Pannenhelfer Christian von CTDA in Oullins bei der Besichtigung eines verbrannten Autos

Pannenhelfer Christian von CTDA in Oullins bei der Besichtigung eines verbrannten Autos  |  © Robert Schmidt

Ein VW Passat: völlig zerbeult. Ein Audi: ausgebrannt. Auf dem Innenhof des Pannendienstes CTDA im südfranzösischen Oullins lässt sich erahnen, was diesen Sommer auf Frankreichs Straßen alles passiert ist. "Ich bin froh, dass ich nicht nach dem Busunfall im Einsatz war – Tote zu sehen ist der schlimmste Teil meines Berufes", sagt Pannenhelfer Christian von CTDA. Zwei Menschen kamen vor drei Wochen bei einem Autounfall nördlich von Lyon ums Leben: Ein Bus mit 50 Jugendlichen aus Nordrhein-Westfalen war auf einen Lastwagen aufgefahren.

Frankreich mag zwar bei den Sommerreisezielen der Deutschen schon seit einigen Jahren nicht mehr an erster Stelle stellen – bei den Unfällen liegt das Land weiter vorn. Laut den aktuellsten Zahlen der deutschen Versicherer aus dem Jahr 2011 erhielten deren Unfalltelefone aus keinem anderen Land so viele Anrufe wie aus Frankreich. Mehr als jeder sechste Unfall wurde aus Deutschlands westlichem Nachbarland gemeldet.

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Insgesamt sind Jahr für Jahr 150.000 Deutsche im Ausland in einen Unfall verwickelt. Gemeinsam mit lokalen Partnern betreiben ADAC und andere Automobilklubs einen großen Aufwand, um besonders zur Urlaubszeit schnell zur Stelle zu sein. Christian, der französische Pannenhelfer, der dépanneur, trägt aber weder eine gelbe ADAC-Weste noch einen rot-gelbe ACE-Jacke. Sein Arbeitsanzug ist blau, ein kleines Renault-Logo ist auf der Höhe der Schulter aufgedruckt. Sein Arbeitgeber CTDA in Oullins ist als lokaler Servicepartner des ADAC für Lyon und Umgebung zuständig.

Offiziell arbeitet Christian von Montag bis Freitag jeweils von 8 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr. "Das gilt aber nur für die Wochen, in denen ich keinen Bereitschaftsdienst habe", erzählt der gelernte Automechaniker. "Jede zweite Woche habe ich sieben Tage lang theoretisch 24 Stunden Dienst." An ruhigen Wochenenden würde er nur zehn Mal angerufen, an unruhigen dagegen bis zu drei Dutzend Mal, sagt Christian. "Es kommt vor, dass ich nachts um zwei Uhr von einem Einsatz nach Hause komme, eine Stunde schlafe und dann gleich wieder raus muss."

"Es gibt jetzt häufiger Probleme mit der Hydraulik"

Christians kurze schwarze Haare, seine wachen braunen Augen lassen ihn jünger wirken, als er ist. Seine laute Stimme und seine Lachfalten machen ihn dagegen älter. "Seit 26 Jahren arbeite ich für CTDA Ingecar", sagt der 50-jährige Franzose. "Wissen Sie, ich mag den Job, man kommt viel rum", sagt Christian im Schlepper auf dem Weg in den Norden von Lyon. Dort soll ein verbranntes Auto abtransportiert werden. "Das erinnert mich an einen Fall vor zwei Jahren", erzählt der Pannenhelfer. Eine deutsche Familie hatte in einer Lyoner Vorstadt Silvester gefeiert. Wenige Tage später fanden sie ihren BMW ausgebrannt wieder. Jemand hatte einen Molotov-Cocktail darauf geworfen. "Ein Einzelfall", versichert Christian.

Selten seien Panneneinsätze für deutsche Urlauber dennoch nicht, sagt er: "Neben Niederländern sind Deutsche die größte Gruppe der ausländischen Unfallopfer." In seinem Einsatzgebiet, so erzählt Christian, sei die Zahl der Vorfälle insgesamt zwar zurückgegangen. Jedoch sei der Anteil der technischen Pannen gestiegen, "es gibt jetzt häufiger Probleme mit der Hydraulik und Reifenpannen, ohne dass ein Ersatzrad vorhanden ist". Die Deutschen sind meist freundlich, findet der Pannenhelfer, um kurz darauf einzuschränken: "Ein wenig kälter als die Niederländer sind sie aber schon."

Christian unterscheidet zwei Typen von Unfällen: solche, die auf der Autobahn passieren, und solche auf anderen Straßen. Verunglückt jemand auf der Autobahn, bekommen die Pannenhelfer einen Anruf von der französischen Bereitschaftspolizei. An der Unfallstelle ruft der CTDA dann den ADAC an. Bei Vorfällen in der Stadt oder auf dem Land wenden sich die deutschen Urlauber direkt an den ADAC, der daraufhin den Abschleppdienst benachrichtigt und sich auch um ein Hotel und einen Leihwagen kümmert.

Unfallanrufe landen bei Acta

Bei Lyon liegt aber nicht nur der französische Pannendienst-Partner des ADAC für die Region. Auch das Gros der Anrufe deutscher Unfallopfer in Frankreich geht in der Nähe der südfranzösischen Großstadt ein: Im Lyoner Vorort Limonest teilt sich der ADAC mit den Automobilklubs aus Belgien, den Niederlanden, Spanien, Großbritannien und der Schweiz ein Servicecenter namens Acta. Der Grund: Durch die Region Rhône-Alpes geht der Verkehr sowohl zwischen Paris und dem Mittelmeer als auch in die angrenzende Schweiz und das nahe Italien. "Hier kracht es am meisten", verrät ein Mitarbeiter der Acta-Hotline.

700 Mitarbeiter beschäftigt Acta während der Sommerzeit, es kooperiert nach eigenen Angaben frankreichweit mit 1.000 Pannenservices. Über eine Smartphone-App informiert das Unternehmen betroffene Autobesitzer außerdem über den Reparaturstatus. Beim Warten, so die Erfahrung von Pannenhelfer Christian, ist eine Gruppe besonders ungeduldig: die deutschen Mercedes-Fahrer. Der dépanneur imitiert sie so: Er hebt die Nase in die Luft, schürzt die Lippen und wackelt affektiert mit den Händen.

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Leserkommentare
  1. 1. Logik

    "Deutsche Urlauber stellen die größte Gruppe ausländischer Unfallopfer in Frankreich."

    Das ist, wenn man die absoluten Bevölkerungszahlen der europäischen Länder betrachtet und die sich daraus ergebende Anzahl an Urlaubsreisenden, auch nicht unbedingt überraschend.

    Eine Leserempfehlung
  2. ... Blechschaden in Frankreich, mein Fahrzeug war noch fahrbereit, das meines "Gegners" nicht mehr. Trotzdem dass die Flics nicht zu reinen Blechschäden kommen, kamen sie doch - vielleicht wollten sie sich nur mal den boche ansehen ...
    Das große Problem sind die unterschiedlichen Kulturen: In D-Land nimmt man Kontakt mit SEINER Versicherung auf, in F-Reich kontaktiert man die gegnerische Versicherung - die Adresse steht auf der Plakette in der Windschutzscheibe, das Kennzeichen des Unfallgegners hilft nix.
    Das Protokoll habe ich trotz mangelnder Sprachkenntnisse selber ausgefüllt, die Polizisten halfen meinem jugendlichen und leicht verzweifelten französischen Kontrahenten und stellten fest, dass ich wohl in seinem angle mort gewesen sei, also war alles unvermeidlich.
    Dann rief ich ( und sandte vom Hotel aus auch ein Fax ) an den großen deutschen Automobilclub, dessen Mitglied ich bin und erhielt die hilfreiche Antwort: Wir können Ihnen die Adresse eines deutsch sprechenden Anwalts mitteilen, es wäre aber gut, wenn Sie bei uns eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen hätten ...

    Ich habe dann meinen Versicherungsvertreter angerufen und erhielt ein paar nützliche Hinweise. Ich habe dann an die Auslandsabteilung der französischen Versicherung konsequent in deutsch geschrieben ( weil "Auslandsabteilung" ) und erhielt konsequent die Antworten in französisch. Bei Rückfragen hat dann meine Versicherung in bestem französisch nach Frankreich geschrieben.

  3. dass der Dépanneur in Frankreich in den meisten Fällen von der Konkurrenz kommt (z.B. Europ Assistance)

    Wird hier gezielt Schleichwerbung betrieben? Falls nicht, muss der Autor sich den Vorwurf sehr schlechter Recherche gefallen lassen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte ADAC | Urlaub | Autounfall | Abschleppdienst | Autobahn | Frankreich
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