OldtimerDes Käfers schönste Kleider

Der Käfer stand wie kein anderes Nachkriegsauto für klassenlose Mobilität. Zum Traumwagen machte ihn Karmann ab 1953 mit einer eleganten Coupé-Karosserie. von Wolfram Nickel

"Produktions-Weltrekord für Coupés" und "Der Schlager auf dem Automarkt" verkündeten die Schlagzeilen 1963, als der Karosseriebauer Karmann den 150.000. Volkswagen Karmann Ghia 1200 auslieferte. Was zehn Jahre zuvor in einer Pariser Garage mit einem geheimen Coupé-Konzept deutsch-italienischer Herkunft begonnen hatte, wurde zur bis dahin größten Erfolgsgeschichte erschwinglicher Sportcoupés. Bis zum Ende der Produktion im Sommer 1974 wurden insgesamt fast 540.000 Karmann Ghia aller Varianten gefertigt – fast 20 Jahre lang wurde der elegante Zweitürer auf Käfer-Basis im italienischen Ghia-Design gebaut.

Die komplette Technik des intern Typ 14 genannten Karmann Ghia stammte vom Käfer, und sämtliche Entwicklungsschritte des Wolfsburgers wurden getreulich mitvollzogen. Dazu zählten Hubraum- und Leistungssteigerungen ebenso wie Cabriolets und Spitzenmodelle in Anlehnung an die großen VW 1500 und 1600. Eng verknüpft mit VW waren die Karmann-Ghia-Ableger ohnehin: Vertrieben wurden sie über das Netz der VW-Partner, die bereits mit dem ebenfalls bei Karmann gebauten Käfer Cabriolet beliefert wurden.

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Die Erfolgsgeschichte beginnt 1951. Damals führt Karossier Wilhelm Karmann erste Gespräche mit VW-Generaldirektor Heinrich Nordhoff über einen Roadster oder ein aufregend geformtes Sportcoupé auf Basis des Käfer. Das Auto soll das Volkswagen-Programm nach oben abrunden, in Amerika Erfolge einfahren und so zugleich die Karmann-Werkshallen auslasten. Auftragsproduktionen sind nicht leicht zu erhalten, das weiß man auch im 1901 gegründeten Karosseriebau-Unternehmen in Osnabrück aus Erfahrung.

Zwei Jahre später ist es am Rande des Pariser Autosalons soweit: Im Oktober 1953 präsentiert Luigi Segre von Ghia Carozzeria seinem Freund Karmann im Pariser Vorort Neuilly in der Garage des französischen VW-Importeurs Ladouche einen ersten Prototyp des künftigen Karmann Ghia.

Vorbild Chrysler-Coupé?

Nur wenige Wochen später kommt Nordhoff zu Karmann nach Osnabrück, begutachtet den Prototypen und wird mit Wilhelm Karmann einig über eine Serienfertigung. Karmann kann Nordhoff vor allem mit einer Kalkulation überzeugen, wonach aus dem Coupé ein erschwingliches Großserienauto werden kann statt des von Nordhoff erwarteten kostspieligen Designerstücks.

Die Zeit bis zum Produktionsanlauf im Sommer 1955 wird genutzt für reichlich Feinschliff. Das Coupé wird zum überraschend geräumigen 2+2-Sitzer, entwickelt mit viel Platz für zwei Erwachsene und zwei Kinder, aber auch größeres Reisegepäck – unter Wahrung der bei Ghia entwickelten Grundform. Darum, wie diese entstanden ist, ranken sich bis heute Legenden. Sicher ist: Der Karmann Ghia hat viele Väter, neben dem Designer Felice Mario Boano und seinem Sohn Gian Paolo soll auch Nachwuchsstar Sergio Coggiola beteiligt gewesen sein.

Alle ziehen offenkundig Inspiration aus einem von Ghia für Chrysler gebauten Coupé. Dieser Chrysler D'Elégance wiederum ist ein Entwurf des US-Designgurus Virgil Exner, der sich später bei Ghia über die Designverwandtschaft des VW Coupés beschwert haben soll. Sei's drum. Letztlich ist der Volkswagen Karmann Ghia ein einzigartiger Entwurf, denn nur er passt ja auf die Käfer-Plattform und das Heckmotorlayout.

Leserkommentare
  1. ... als "Vorbild für den Typ 14 anzusehen, braucht man aber ein gerüttelt Maß an Phantasie. Leider hat die Redaktion die Selbstverständlichkeit unterlassen, dies den Leser ohne weiteres gleich hier feststellen zu lassen, deshalb nun ein Link:
    https://www.google.de/sea...

    2 Leserempfehlungen
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    Seitenlinie, ausgestellte Radkästen und das Heck sind schon sehr ähnlich.

    Mir fällt auf die schnelle auch kein anderes Modell mit einer so großen Ähnlichkeit ein. Alles nur geklaut...

  2. 2. Na, ja

    Seitenlinie, ausgestellte Radkästen und das Heck sind schon sehr ähnlich.

    Mir fällt auf die schnelle auch kein anderes Modell mit einer so großen Ähnlichkeit ein. Alles nur geklaut...

  3. Der Käfer war niemals ein klassenloses Automobil. Die klassische Käufersschicht wär die untere Mittelschicht.

    Wer sich n der Nachkriegszeit etwas besseres leisten konnte, der fuhr auch etwas besseres. Die Anderen teilweise mit Motorrad, Kleinstwagen aber in der Regel zu Fuß oder ÖPNV unterwegs.

    Der Karman Ghia war auch kein "Hausfrauen-Porsche", weil die klassische Hausfrau damals mit Kindern assoziiert wurde.

    Die übliche Bezeichnung war Sekretärinnen-Porsche. Was auch recht gut zur Käuferschicht passt. (Eine Sekretärin ist keine reine Tippse.)
    Ledig, besserverdienend mit einem schicken, aber nicht unbedingt schnellen PKW unterwegs.

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  • Schlagworte Volkswagen | Chrysler | Ludwig Erhard | Theodor Heuss | IAA | USA
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