Jeder, der einmal versucht hat, im Zentrum einer italienischen Stadt Fahrrad zu fahren, kennt diese Erfahrung: Gnadenlos wird man von Autofahrern angehupt, die gerne nur wenige Zentimeter entfernt vorbeirasen. Um Radwege zu finden, muss man oft lange suchen – in Mailand, Italiens Hauptstadt der Zweiräder, ist das Radwegenetz 150 Kilometer lang, ungefähr wie in Stuttgart. Dabei ist Mailand aber zweimal so groß. Und selbst wenn man das Glück hat, einen Radweg zu finden, ist er meistens von geparkten Autos blockiert.

Bald könnte sich das allerdings ändern. Die italienische Fahrradlobby hat kürzlich eine wahrhafte Verkehrsrevolution in die Gänge gebracht. Ihre Forderungen: mehr Fahrradwege; die Einführung spezieller Fahrradampeln, die es in Italien bisher nicht gibt; Parkverbot auf der rechten Straßenseite und Tempo 30 in allen Stadtzentren, mit der Ausnahme der wichtigsten Durchfahrtsstraßen. Es wäre eine Schocktherapie für die Heimat der Verkehrsanarchie.

Vorgelegt wurde ein entsprechender Gesetzesvorschlag von der Associazione nazionale comuni italiani (Anci), dem Verband der italienischen Gemeinden. Doch der eigentliche Drahtzieher hinter den Kulissen ist der italienische Fahrradverein FIAB. Zu dessen Mitgliedern zählen einige prominente Politiker, etwa der neue Bürgermeister von Rom, Ignazio Marino. Auch in der Regierung sitzen mehrere Fahrradfreunde, darunter der ehemalige Bürgermeister von Reggio Emilia und Anci-Präsident Graziano Del Rio – heute Minister für regionale Angelegenheiten – und Erasmo D'Angelis, der Staatssekretär für Verkehr und Infrastrukturen.

Befürworter wollen Reform bis Ende 2014

"Langsam reicht es uns, dass man – wenn es um nachhaltigen Stadtverkehr geht – immer nur das Loblied auf nordeuropäische Städte singt", sagte D'Angelis ZEIT ONLINE. "Seit dem Zweiten Weltkrieg stand das Auto immer im Zentrum der Straßenverkehrsordnung. Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel."

Anfang November begann das Gesetzgebungsverfahren für die Reform der Straßenverkehrsordnung. D'Angelis zufolge könnte der Vorschlag der Anci schon Ende nächsten Jahres Gesetz werden. Der radfreundliche Staatssekretär gibt sich zuversichtlich: Er sehe gute Chancen, dass die Reform kommen wird. Einen konkreten Zeitpunkt, wann das Parlament darüber abstimmen könnte, gibt es bisher aber nicht.

Vor allem die Stadtzentren hätten die Reform dringend nötig, sagt D'Angelis. Denn auch wenn sich die Gesamtzahl der Verkehrsunfälle in den vergangenen zehn Jahren von 360.000 im Jahr auf 180.000 halbiert hat, ist der Stadtverkehr nach wie vor ein Brennpunkt. Laut Angaben des italienischen Automobilklubs ACI passieren drei Viertel der Unfälle in den Städten. Besorgniserregend ist vor allem die hohe Zahl an Kollisionen zwischen Autos und schwächeren Verkehrsteilnehmern: Fußgängern, Fahrrad- oder Motorradfahrern.

Einige Stadtverwaltungen haben sich bereits vor der möglichen Reform strengere Regeln gegeben. Im so genannten Design-Viertel von Mailand soll bald flächendeckend Tempo 30 gelten – eine Entscheidung, die die Bewohner des Viertels kürzlich selbst forderten, nachdem ein Kind auf einem Fahrrad tödlich verunglückt war.