Jürgen Heraeus ist alles andere als zimperlich: Als er noch Chef des gleichnamigen, weltweit tätigen Edelmetall- und Technologiekonzerns aus Hanau war, wischte er die Forderung nach höheren Löhnen für Azubis mit dem Hinweis weg: Früher hätten Auszubildende sogar Lehrgeld zahlen müssen, um überhaupt bei einem Unternehmen anfangen zu dürfen. 

Klartext wird Heraeus sicherlich auch in den kommenden Wochen reden. Am Mittwoch gab der ADAC bekannt, dass Heraeus der wichtigste Krisenmanager werden solle. Heraeus sei als erstes Mitglied eines Beirats gewonnen worden, "der den Automobilclub aus der Krise führen soll", teilte der Automobilclub mit. Heraeus selbst kommentierte seine neue Aufgabe mit den Worten: "Ich möchte als Mitglied des Beirates dafür Sorge tragen, dass die jetzt eingeleiteten Reformen die zu Tage gekommenen Missstände beseitigen und so das Vertrauen wiederhergestellt wird."
 Gleich danach brach er zu einer offenbar seit Längerem geplanten Reise auf. Wie er genau im ADAC aufräumen kann und will, bleibt daher vorerst unklar.

Für den 77-jährigen Manager, inzwischen Aufsichtsratschef der Heraeus Holding, ist es der zweite Einsatz als eine Art Feuerwehrmann. Vor sechs Jahren war er in Köln zur Stelle, als die deutsche Sektion des Kinderhilfswerks UNICEF in die Schlagzeilen geriet: Spendengelder waren verschwendet worden, Zehntausende Euro Provision gezahlt worden ohne erkennbare Gegenleistung. Als UNICEF sogar das Spendensiegel des Zentralinstituts für soziale Fragen verlor und der gesamte Vorstand – inklusive Ex-Ministerpräsidentin Heide Simonis – zurücktrat, übernahm Heraeus im April 2008 den Vorsitz von UNICEF.

Dieses Amt hat er bis heute inne. Es gelang ihm in kurzer Zeit, den Ruf des Hilfswerks wiederherzustellen. Auch das Spendensiegel wird der Organisation seit 2010 wieder ohne Bedenken ausgestellt.

Heraeus ist ein hochgewachsener, asketisch wirkender Firmenpatriarch, der in der Vergangenheit auch in seinem eigenen Konzern unpopuläre Entscheidungen getroffen hat. In den achtziger Jahren strukturierte er das Familienunternehmen, das im 18. Jahrhundert als Apotheke gestartet war, radikal um. Er etablierte es vor allem in Asien als wichtigen Hersteller von Edelmetallen, Medizinprodukten und Quarzglas.

Protz und Prunk sind Heraeus fremd

Selbst 
Astronauten haben bereits auf Produkte von Heraeus zurückgegriffen: Bei der Mondlandung aufgestellte Laserreflektoren enthielten Quarzglas von Heraeus. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen rund 4,2 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet und beschäftigt weltweit rund 10.000 Mitarbeiter. Protz und Prunk sind Heraeus indes immer fremd geblieben. In der Werkskantine von Heraeus ist er noch immer ein häufiger Gast, er selbst lebt in bescheidenen Verhältnissen.

Nun muss er für neue Umgangsformen und mehr Transparenz beim ADAC  sorgen. Es werde ein "harter und steiniger Reformweg", hat bereits ADAC-Sprecher Christan Garrels verkündet. Wie genau der aussehen wird, hängt entscheidend von den Ergebnissen der externen Prüfer ab, welche zurzeit die Manipulationsvorwürfe untersuchen.

Das Beratungsunternehmen Deloitte berichtete am Montag, dass bei der Wahl des deutschen Lieblingsautos nicht nur die Zahl der Teilnehmer, sondern auch die Bestenliste manipuliert wurde. Nächste Woche sollen weitere Prüfungsergebnisse bekannt gegeben werden. Erste Gerüchte kursieren bereits, dass auch Reifentests des ADAC manipuliert sein könnten.