Wer sich auf dem deutschen Motorradmarkt halbwegs auskennt, der weiß: Harleys sind teuer, dafür aber wertstabil. Eine billige Harley – auch eine billig gemachte – wäre eine Art Oxymoron. Dieses Jahr allerdings macht der mittlerweile 111 Jahre alte Traditionshersteller aus dem amerikanischen Mittelwesten einen Schritt ins Preiswert-Segment. Mit dem Modell Street 750 kommt erstmals eine Harley-Davidson auf den Markt, die schlichte Technik bietet.

Die neue Harley ist zudem nicht "proudly made in America", sondern wird in Indien gebaut – für alle Märkte weltweit außer dem nordamerikanischen. Die Motorräder für die USA und Kanada entstehen, wie alle "echten" Harleys, in den USA.

Auslöser für den Schritt: In den entwickelten Ländern werden die Motorradfahrer immer älter; darum sinnierten auch die Harley-Oberen jahrelang, wie sie das Fortbestehen des legendären Motorradbauers langfristig sichern könnten. In den Fokus gerieten die Schwellenländer: In Brasilien, Indonesien, Indien, China und anderswo wächst langsam eine Mittelschicht heran, die sich manchen bisher unvorstellbaren Luxus – beispielsweise ein hubraumstarkes Motorrad – leisten kann und will.

Neu, aber nicht im Sinne von revolutionär

Auf diesen sich entwickelnden Märkten muss man rechtzeitig Fuß fassen, erkannte Harley-Davidson und entwickelte mehrere Jahre lang unter äußerster Geheimhaltung ein vollkommen neues, auf diese Zielgruppe zugeschnittenes Motorrad. Es ist wesentlich preiswerter als bisherige Modelle der Marke und wird konsequenterweise auch gleich im Süden Asiens gebaut, in einer neuen Harley-eigenen Fabrik in Indien.

Street heißt die neue Baureihe, die im Herbst 2013 erstmals zu sehen war und die erste echte Modell-Neuheit seit 14 Jahren darstellt. Alles an der Street ist neu: der wassergekühlte V2-Motor mit 750 Kubikzentimetern, der Doppelschleifen-Stahlrahmen, die Fahrwerkselemente, die Bremsanlage.

Freilich ist nichts davon neu im Sinne von revolutionär oder besonders einfallsreich – im Gegenteil: Alles ist von unübersehbarer Schlichtheit. Ungefähr so, wie ein Harley-Nachahmer in Indien es sich wohl vorstellen würde, entschlösse er sich dazu, ein Harley-Plagiat zu bauen. Die Street ist natürlich trotzdem eine Harley, und sie sieht auch so aus. Und sie fährt sich auch wie eine Harley. Ein wenig betulich, aber keineswegs lahm. Sie ist ein wendiges, leicht handhabbares Motorrad, das für eine genussvolle Fahrt keine gewaltige Motorrad-Erfahrung voraussetzt.