ZEIT ONLINE: Jeder Zweite, der in Kopenhagens Innenstadt unterwegs ist, sitzt auf einem Fahrrad. In kaum einer anderen Stadt ist der Anteil so hoch. Wie kommt das, Frau Søholt?

Helle Søholt: Wir haben eine Kultur des Fahrradfahrens entwickelt. Es ist Teil des Lifestyles geworden. So etwas kommt nicht über Nacht, sondern muss sich im Lauf von Jahren entwickeln. Dafür muss man viel tun. Entscheidend ist, den Radfahrern das Gefühl zu geben, dass man sich um sie kümmert. Die Menschen müssen sich eingeladen fühlen, aufs Rad zu steigen. Dazu gehört zwingend eine gute, einheitliche Infrastruktur.

ZEIT ONLINE: Wie profitiert Kopenhagen davon?

Søholt: Ende der achtziger Jahre war Kopenhagen unattraktiv. Die Leute zogen an den Stadtrand, weil sie ihr eigenes Haus mit Garten haben und sicher leben wollten. Seitdem hat die Stadt viel in die Qualität öffentlicher Plätze investiert, aber eben auch in Radwege. Heute ist das Wohnen in Kopenhagen genauso attraktiv wie im Umland. Inzwischen wächst Kopenhagen auch wieder, jedes Jahr kommen 10.000 Menschen neu hinzu.

ZEIT ONLINE: In Deutschland zögern viele Bürgermeister vor allem kleinerer Städte, in Radwege zu investieren. Sie sehen die enormen Kosten und behaupten, sie gewönnen dadurch nichts. Was sagen Sie diesen Bürgermeistern?

Søholt: Radfahrer machen eine Stadt erst richtig lebendig. Man sieht Gesichter auf der Straße, und nicht nur hinter Windschutzscheiben. Die Stadt wird als menschenfreundlich wahrgenommen und dadurch attraktiv. Sie zieht Familien an, aber auch Unternehmen und gut ausgebildete Talente, die in der Stadt leben wollen.

ZEIT ONLINE: Was könnten sich Kommunen von Kopenhagen abschauen – einfache Dinge, deren Umsetzung kein Vermögen kostet?

holt: Die Stadtverwaltung hat über einen Zeitraum von 20 Jahren öffentlichen Parkraum umgewandelt in Plätze für Cafés und Spielplätze sowie Raum für Fußgänger und Radfahrer geschaffen. Das geschah langsam, pro Jahr nahm die Stadt zwei bis drei Prozent Parkfläche weg. Zeitgleich hat sie die Gebühren für die noch bestehenden Parkplätze erhöht. So wurde erreicht, dass Menschen, die bisher mit dem Auto in die Stadt gefahren sind, aufs Rad umgestiegen sind.

Außerdem hat sich die Zahl der Leute, die ins Zentrum kommen, vervierfacht. Die Menschen, die auf dem Rad in der Stadt unterwegs sind, geben auch etwas mehr Geld aus, als die, die mit dem Auto kommen.

ZEIT ONLINE: Wie das?

holt: Wer mit dem Auto Einkaufen fährt, macht das ein Mal pro Woche. Man fährt zum Supermarkt, macht seinen Kofferraum voll und fährt wieder nach Hause. Wer aber mit dem Rad Einkäufe erledigt, macht das eher zwei bis drei Mal in der Woche. Er nimmt jedes Mal weniger mit, aber gibt unterm Strich etwas mehr aus.

ZEIT ONLINE: In Deutschland sagen Kritiker, es sei für Radfahrer sicherer, wenn sie auf der Straße zusammen mit den Autos fahren. In Kopenhagen sieht man das offensichtlich anders: Zumindest in der Innenstadt beherrschen separate Radwege das Straßenbild...

holt: ... und zwar nicht einfach nur auf die Straße gemalte Spuren, sondern echte separate Wege, die von der Autospur durch einen Bordstein getrennt sind und wiederum durch einen Bordstein vom Gehweg. Das macht einen gewaltigen Unterschied, denn es erhöht die gefühlte Sicherheit.