176 Fußgänger kamen im vergangenen Jahr bei Verkehrsunfällen in New York City ums Leben – im halb so großen Berlin waren es 14. Doch die von Verkehrsexperten und von Verwandten der Opfer geforderten Sicherheitsmaßnahmen wurden unter dem letzten Bürgermeister Michael Bloomberg nur zögerlich angegangen. Als nun Anfang dieses Jahres innerhalb von zehn Tagen drei Schulkinder bei Verkehrsunfällen starben, reichte es den Eltern: Sie formierten sich zu Protestaktionen und zogen mit "Twenty is Plenty"-Plakaten  durch die Stadt.

Gemeint war mit den Schildern: Mit 20 Meilen pro Stunde (mph) – rund 32 Kilometer pro Stunde – durch die Stadt zu fahren, reicht vollkommen. Die verkehrspolitischen Ziele der Eltern orientieren sich am schwedischen Konzept Vision Zero, das null Verkehrstote anstrebt. Bloombergs Nachfolger Bill de Blasio will Vision Zero übernehmen.

Eine spezielle Taskforce soll rasende oder mit gefährlichen Wendemanövern auffallende Taxifahrer zur Räson bringen. Die 14.000 New Yorker Taxis will man mit Blackbox-Datenerfassungsgeräten ausrüsten und die Taxameter auffälliger Taxifahrer per Funk ausschalten. Prompt gab es Proteste von Taxifahrern. Deren Verbandsvorsitzende Bhairavi Desai sprach von "verrückten Big-Brother-Schikanen".

Auch so genannte jaywalker will man härter bestrafen: Fußgänger, die beim Überqueren von Kreuzungen rote Ampeln ignorieren, sollen möglichst zeitnah mit Bußgeldern verwarnt werden. Außerdem will die Stadt das Höchsttempo auf 25 mph (40 km/h) heruntersetzen.

New Yorks Verkehrskommissarin Polly Trottenberg sagt zwar, New York sei nicht Stockholm und nicht alle schwedischen Idealvorstellungen seien auf die US-Metropole übertragbar. Klar ist aber: Das neue Verkehrskonzept der New Yorker Stadtverwaltung ist ein Maßnahmen-Mix, der auf eine spezifische "Fußgänger-und Radfahrer-Kultur" Rücksicht nimmt und gleichzeitig auf rigide Überwachungs- und Bußgeldaktionen setzt.

Schweden hat sein Ziel auch nicht erreicht

Zum einen will Bürgermeister de Blasio mehr Radaranlagen und Überwachungskameras für Rotsünder installieren und mehr Polizisten für Verkehrskontrollen einstellen. Zum anderen soll die Infrastruktur verbessert werden: Radwege sollen ausgebaut, 50 unübersichtliche Kreuzungen pro Jahr umgebaut und besser beleuchtet werden – ein viele Millionen Dollar teures Programm, das nur durch Steuererhöhungen zu verwirklichen ist.

Noch gibt es keine Plädoyers für den Einbau von Alkomaten, die den Promillegehalt des Autofahrers vor jedem Start überprüfen, aber die New Yorker Verkehrspolitik hat mit ihrem Paradigmenwechsel vom laxen Durchwurschteln hin zum reglementierungsfreudigen Schweden-Kurs in den USA ein deutliches Signal gesetzt. Kein Wunder: Die Zahl der Verkehrstoten in den Vereinigten Staaten ist deprimierend. Laut der Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO für 2012 starben in den USA 34.080 Menschen im Straßenverkehr, gut vier Prozent mehr als im Jahr davor.

Die Zahl entspricht 10,8 Unfalltoten pro 100.000 Einwohner. Das sind etwa doppelt so viele wie in den meisten europäischen Ländern. Deutschland hat rund sechs Verkehrstote pro 100.000 Einwohnern, in den Niederlanden liegt die Rate bei vier. Schweden hat mit 2,7 Toten pro 100.000 Einwohnern die weltweit niedrigste Quote. Wohl auch wegen der Vision-Zero-Verkehrspolitik, die bereits 1997 vom schwedischen Parlament verabschiedet wurde.