Er ist ein Schatz, der im Verborgenen blühte. Der wahrscheinlich auf ewig im Schatten seines Nachfolgers stehen wird. Sogar unter Volvo-Fans kennen nur wahre Enthusiasten den Sport P 1900, der vor 60 Jahren Geschichte schrieb als erster schwedischer Sportwagen. Der Exot war der erste europäische Roadster mit damals futuristisch wirkender Fiberglas-Karosserie.

Die neuartige Leichtbautechnik sollte den Volvo zum Konkurrenten der amerikanischen Corvette machen. Sie erwies sich aber als noch zu kostspielig und wurde zudem in zu kurzer Zeit realisiert. Die Folge der übereilten Entwicklung: massive Qualitätsprobleme. Nach nur 68 Exemplaren beendete Volvo die Produktion des Modells vorzeitig. Immerhin hatte der Sport P 1900 die Initialzündung zur Entwicklung des legendären Coupés P 1800 und zu leistungsgesteigerten Versionen des Buckel-Volvo PV 444 gesetzt – zwei Modelle, denen die Skandinavier den Durchbruch in Amerika verdanken.

Statt nach New York, Genf, Frankfurt, Turin oder London zu gehen – im Jahr 1954 die internationalen Messestarts für glamouröse Sportwagen – wählte Volvo einen ungewöhnlichen Ort zur Präsentation: Warum nicht auf einen Flugplatz gehen, um einen neuen Sportler zu präsentieren? So traf sich die automobile Fachwelt an einem sonnigen Junitag auf der Startbahn des Flughafens Göteborg.

Dort machte sich der Volvo Sport P 1900 mit mächtigem Kühlergrill nach Vorbild einer Turbine bereit. Der 1,4 Liter große Vierzylinder stammte aus dem Buckel-Volvo, war mit 51 kW (70 PS) aber leistungsstärker. Damit konnte der Motor das maximal 969 Kilogramm schwere Auto in seiner späteren Serienversion auf 150 bis 170 km/h beschleunigen. Ursprünglich sollte der P 1900 nur 1.900 Pounds, also 862 Kilogramm, wiegen – daher die Typenbezeichnung.

Probleme mit Fiberglas

Die Sensation auf dem Flugfeld Torslanda war aber die Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff: Ein Volvo-Sportwagen aus GFK? Damit hatte niemand gerechnet, stand Volvo doch traditionell für robuste und eher betuliche schwedische Volksautos. Und jetzt überholte der Göteborger Konzern sogar knapp den einheimischen Konkurrenten Saab, der ebenfalls einen Roadster vorbereitete. Der Saab Sonett konnte allerdings erst ein Jahr später vorgestellt werden und folgte dann dem Vorbild des Volvo mit einer leichten Fiberglas-Karosserie.

Während allerdings Volvo für sein Modell eine noch bescheiden wirkende erste Serie von 300 Einheiten ankündigte, sollte der Sonett in mindestens 2.000 Einheiten gefertigt werden, wahlweise auch mit Aluminiumkarosserie. Am Ende wurden es 68 Volvo – aber nur sechs Saab Sonett Super Sport, denn Saab stoppte seine hochfliegenden Pläne für einen kostspieligen Kunststoff-Racer sofort, nachdem Volvo einen Schlussstrich unter das GFK-Kapitel gezogen hatte. Viel bewegt haben die Pioniere dennoch, vor allem der Sport P 1900, der Volvo für das folgende Jahrzehnt zu einer Marke mit stark sportlichem Image machte.

Zunächst aber sorgte der Volvo Sport P 1900 für Aufregung. Firmenchef Assar Gabrielsson begeisterte sich 1953 für die Chevrolet Corvette mit ihrer leichten Kunststoffkarosserie, die amerikanische Antwort auf die erfolgreichen europäischen Sportwagen. Was dem Volvo-Gründer aber verborgen blieb, waren die Anlaufprobleme des amerikanischen Fiberglas-Pioniers. Die Produktion des glasfaserverstärkten Kunstharzes war anfangs zu aufwendig, zu teuer und langwierig – die Corvette war für Chevrolet zunächst kein Traumwagen, sondern ein Alptraum.