In der grauen Bosch-Halle im ungarischen Miskolc bekommt man eine Idee davon, wie groß – oder besser gesagt: wie klein – die Elektrorad-Sparte in dem Weltunternehmen ist. Die Fertigungslinie des Motors füllt mit etwa 120 Quadratmetern nur einen Bruchteil des rund 52.000 Quadratmeter großen Fertigungskomplexes aus. In der Universitätsstadt im Nordosten Ungarns fertigt Bosch sämtliche Antriebseinheiten für Elektroräder. Innerhalb des Konzerns ist der Bereich eBike Systems ein Zwerg, für die Fahrradbranche ist er ein Riese.

Vor gerade mal vier Jahren gab der Automobilzulieferer sein Debüt auf der Eurobike. Mittlerweile ist Bosch ein Taktgeber für die Branche. Absatzzahlen nennt das Unternehmen nicht, nur den Marktanteil. Rund jedes vierte E-Bike und Pedelec, das im vergangenen Jahr auf dem europäischen Markt verkauft wurde, enthielt einen Bosch-Motor; das macht für Europa mit rund 1,2 Millionen verkauften Elektrorädern rund 300.000 mit einem Bosch-Antriebssystem. In Deutschland lag der Marktanteil 2013 bei rund 30 Prozent; etwa 123.000 E-Bikes waren also mit Bosch-Motoren ausgestattet.

Für die Fahrradbranche sind das immense Stückzahlen, für den weltweit agierenden Hersteller eher Peanuts. Anschaulich zeigt sich das im Vergleich der produzierten Mengen. Den rund 300.000 Antrieben stehen 32 Millionen elektrische Werkzeuge wie Akkuschrauber und -bohrmaschinen gegenüber sowie 80 Millionen kleine Motoren, die im Auto fürs Gebläse, die Servolenkung oder den Starter gebraucht werden. Mehr als 60 Prozent des Jahresumsatzes von rund 50 Milliarden Euro entfallen auf den Automobilsektor.

Aus der Not geboren

Die kleine Radsparte muss wachsen, wenn sie überleben will. Nicht ohne Grund streckt Bosch seine Fühler in diesem Jahr gen Asien und Amerika aus, nachdem die schwäbischen Entwickler in den vergangenen Jahren ein solides Antriebssystem entwickelt und in Europa etabliert haben. Im Frühjahr hat Bosch eBike Systems ein Büro in Nordamerika eröffnet und vor Kurzem auch eines in China.

"Wir wollen in die Wachstumsmärkte und nicht in die Nische", sagte Claus Fleischer, Leiter von Bosch eBike Systems, kürzlich während einer Werksbesichtigung in Miskolc. Für die Hersteller ist das ein gutes Zeichen. Bereits der Einstieg von Bosch in den Markt war für die Unentschlossenen ein Indiz dafür, dass der e-Bike Boom weitergeht. Der Schritt nach Amerika und Asien ist nun ebenfalls ein Gradmesser. Fleischer sieht neben etablierten Märkten wie Japan und Europa durchaus Potenzial in Australien, China und Korea.

Der Schritt in den E-Bike-Markt war für Bosch kein Hobby. 2008/2009 war ein weiteres Standbein notwendig – die Zeiten waren damals schlecht für Autozulieferer. Der Automarkt lag brach, die Wirtschaftskrise war in vollem Gang. Während in Berlin die Kanzlerin mit ihrem Koalitionspartner die Abwrackprämie verhandelte, diskutierten im Hause Bosch die Denker und Entscheider den firmeneigenen Megatrendreport. Dieser bestätigte noch mal mit Analysen und Statistiken: Die mobile Zukunft ist elektrisch für Fahrräder, Scooter und auch Autos.