Switchh-Knotenpunkt am S-Bahnhof Berliner Tor in Hamburg © HOCHBAHN

Kein Auto zu besitzen ist en vogue, zumindest in Städten. Mit der Betonung auf der Besitzlosigkeit. Denn ein Auto zu fahren ist auch für Stadtmenschen immer wieder ein Gewinn an komfortabler und flexibler Mobilität. In Hamburg gibt es für diejenigen, die genervt von Parkraumnot und Taubendreck ihr Fahrzeug abgeschafft haben und doch gelegentlich hinterm Steuer sitzen wollen oder müssen, jetzt Switchh. Das Wortspiel verbindet den englischen Begriff für umschalten mit dem Kfz-Kennzeichen der Hansestadt. Und obwohl das Konzept Lücken hat, ist es vorbildlich.

Kern von Switchh ist eine Smartphone-App für den multimodalen Verkehr. Dieses Fremdwort für den Wechsel zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln hat sich zumindest bei Fachleuten etabliert. In Hamburg kommt einiges zusammen: Bereits beim Hamburger Verkehrsverbund (HVV) fahren neben Bus, U- und S-Bahn auch die Schiffe der Hafenfähren im Linienbetrieb. Dazu gesellt sich das Fahrradverleihsystem Stadtrad, das von DB Rent betrieben wird, einer Tochter der Deutschen Bahn. Der Umstieg auf eines der roten Fahrräder an einer S-Bahnstation ist für viele Berufstätige und Touristen selbstverständlich geworden. Die App zeigt außerdem an, wo gerade ein Smart des Carsharing-Unternehmens car2go zur Reservierung bereitsteht oder was ein Mietwagen von Europcar kostet.

Solche Mobilitäts-Apps, die im Idealfall eine Start-Ziel-Führung mit unterschiedlichen Verkehrsträgern anzeigen, sind nicht neu. Der Zusatznutzen bei Switchh ist zum einen bares Geld und zum anderen die Zahl von Anlaufstationen. Die Pilotphase des Projekts ist bis Juni 2015 angelegt, mehr als 2.200 Nutzer haben sich bereits angemeldet. Das Gros ist bis etwa 40 Jahre alt.

Rabatte machen das Angebot attraktiv

An der Station am Berliner Tor zeigt sich exemplarisch, wie Switchh funktionieren soll. Der Stützpunkt bietet alles, was das mobile Herz begehrt: den Anschluss an S-Bahn und Bus, gesicherte Bike-and-Ride-Stellplätze, Leihräder von Stadtrad sowie je acht car2go- und Europcar-Parkplätze inklusive Beratungstresen. Ein Knotenpunkt von bisher vieren ist hier entstanden; neben dem genannten sind Bergedorf, Harburg und Wandsbek Markt in Betrieb. Bis Jahresende kommen Bahnhof Altona, Saarlandstraße (Winterhude) und Kellinghusenstraße (Eppendorf) dazu.

Entscheidend für das Interesse der Kunden aber dürften die Nachlässe bei car2go und Europcar sein. Voraussetzung zur Teilnahme ist eine beliebige Abokarte beim HVV, zu der weitere zehn Euro im Monat gezahlt werden müssen. Dafür erhält man 60 Freiminuten monatlich bei car2go, was 17,40 Euro im Normaltarif entspricht. Oder anders gerechnet: wer mindestens 35 Minuten im geteilten Smart sitzt, hat die Investition raus. Erheblich größer ist der Nachlass bei Europcar: Hier beträgt der Rabatt pauschal 20 Euro bei jeder Ausleihe.

Dazu zwei Beispiele. Für die Fahrt an Nord- oder Ostsee drängt sich der Wochenendtarif von Freitag zwölf Uhr bis Montag neun Uhr auf. Für Kleinwagen wie einem VW Polo, einem Opel Corsa oder Ford Fiesta müssen normale Europcar-Kunden 79 Euro bezahlen. Darin enthalten sind 900 Freikilometer, und am Ende der Tour muss vollgetankt werden. Für Switchh-Kunden kostet das gleiche Fahrzeug 59 Euro plus Sprit. Beispiel 2: Ein Auto für mehrere Passagiere und Gepäck wie ein Passat Variant Diesel kostet an einem Wochentag für 24 Stunden 107 Euro. Oder eben nur 87 Euro für alle, die beim neuen Mobilitätsdienst mitmachen.

Wo ist die Deutsche Bahn?

Für Gelegenheitsfahrer, die nicht auf den letzten Cent achten müssen, ist Switchh möglicherweise der letzte Anstoß, das eigene Auto abzuschaffen. Wo Licht ist, ist aber auch Schatten. So drängt sich angesichts der vorhandenen Partner sofort die Frage auf, warum die Deutsche Bahn nicht mit dabei ist. Eine genaue Antwort darauf gibt es von den Beteiligten nicht. Es klingt aber durch, dass Gespräche geführt wurden und werden.

Auch aus ökologischer Sicht bestehen prinzipielle Zweifel. So lobt Daniel Moser, Mobilitätsexperte bei Greenpeace und Freund des Sharing-Gedankens an sich, den Ansatz von Switchh, möchte aber mehr: "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht konsequent zu Ende gedacht", sagt Moser. Er vermisst zum Beispiel die Integration einer Mitfahrfunktion (Ridesharing) in der App.

Darüber hinaus kritisiert Moser, dass die Autoabhängigkeit wegen des starken monetären Anreizes zur Nutzung von car2go und Europcar kaum reduziert werde: "Für mich würde es mehr Sinn machen, den Nachlass beim HVV-Abo zu haben als bei der Autonutzung." Als Konstrukt hierzu könne er sich vorstellen, dass auch die Fahrzeugvermietung durch die öffentliche Hand betrieben wird. Das würde eine Querfinanzierung möglich machen, die bei diesem Mischmodell aus staatlichen und privaten Betrieben nicht denkbar ist.

Überhaupt, die Querfinanzierung – sie bleibt der Pferdefuß im System. Von den drei großen Partnern bei Switchh schreibt nur einer schwarze Zahlen, und das ist Europcar. car2go ist bis heute nicht in der Gewinnzone, und der öffentliche Nahverkehr ist auf Steuergeld angewiesen. Selbst ein vergleichsweise erstklassig aufgestelltes Unternehmen wie der Hamburger Verkehrsverbund kann durch Ticketverkauf und Werbung nur rund 90 Prozent seiner Kosten decken, wobei der Fahrscheinerlös rund zwei Drittel beisteuert. Und der Grund und Boden, auf dem etwa der Knotenpunkt Berliner Tor steht, wird von der Stadt kostenfrei zur Verfügung gestellt – ein hoher Wert in einer Region, in der die Immobilienpreise absurd ansteigen.

Trotzdem ist Switchh ein viel versprechender Ansatz auf dem Weg zum idealen Mobilitätsangebot: Das verbindet irgendwann alle existierenden Verkehrsmittel für die vom Kunden gewünschte Strecke von A nach B – entweder zum günstigsten Preis, so schnell wie es geht oder individuell nach Wunsch.