Auf deutschen Autobahnen könnte schon bald ein Auto unterwegs sein, das völlig autonom fährt. Unter der Leitung von MAN entwickeln Forscher derzeit das erste Fahrzeug, das unbemannt auf öffentlichen Straßen rollen soll – keine Limousine, sondern ein Absicherungsfahrzeug, das auf Autobahnen langsam hinter einer Wanderbaustelle herfährt. "Oftmals fahren Autos oder Lkw auf eine Wanderbaustelle auf. Darum ist es sinnvoll, den Fahrer aus solchen Absicherungsfahrzeugen herauszubekommen", sagt Walter Schwertberger, Teamleiter des MAN-Forschungsbereichs Electronic Driver Assistance Systems.

Das Projekt mag trivial klingen, doch es ist ein gewaltiger Fortschritt. "Wir wollen erstmals ein Fahrzeug ohne die Rückfallebene eines Fahrers im realen Verkehr fahren lassen", sagt Schwertberger. Bislang sitzt auch in autonom fahrenden Wagen immer ein Sicherheitsfahrer, der im Notfall eingreifen kann. Das MAN-Projekt stellt darum viel höhere Anforderungen an die Fahrzeugtechnik. "Die Sensoren müssen noch präziser sein, und die Software muss die Daten, die die Sensoren liefern, absolut sicher interpretieren können", sagt Schwertberger. Erst wenn der entwickelte Prototyp den Nachweis erbringt, dass er wirklich sicher fährt, bekommt das Projekt die Sondergenehmigung für den Test im öffentlichen Raum. In vier Jahren soll das soweit sein.

Das Projekt zeigt: Bis zum fahrerlosen Auto, das die Insassen autonom zum gewünschten Zielort fährt, ist es noch ein weiter Weg. Es zeigt aber auch, wie weit die Forschung gerade in Deutschland schon ist.

Kürzlich kündigte die britische Regierung an, im kommenden Jahr ein Pilotprojekt mit selbstfahrenden Autos in drei Städten mit zehn Millionen Pfund zu fördern. Doch dieses Vorhaben ist vom Ansatz auch nicht weiter. Schon 2010 bewegte sich ein umgebauter VW Passat wie von Geisterhand durch Braunschweig. Das "Leonie" getaufte Fahrzeug hielt die Spur, bog mal links ab und passte Abstand und Tempo dem fließenden Verkehr an.

"Alle Prototypen, die jetzt unterwegs sind – und das gilt auch für Leonie – sind teilautomatisiert", sagt Markus Maurer. "Da sitzt aus gutem Grund immer ein Sicherheitsfahrer drin, der im Notfall übernimmt." Maurer leitet die Arbeitsgruppe für Elektronische Fahrzeugsysteme an der Technischen Universität Braunschweig, er war beim Test mit Leonie dabei und ist mit seinem Team auch am MAN-Projekt beteiligt.

Komplexer Stadtverkehr

Die Forscher der TU und des Niedersächsischen Forschungszentrums Fahrzeugtechnik (NFF) waren Vorreiter in Sachen autonomes Fahren. "Leonie demonstrierte erstmals öffentlich automatisiertes Fahren im Stadtverkehr", sagt Maurer. Ruckelig, aber doch sicher fand der Testwagen seinen Weg durch den regulären Verkehr auf dem Braunschweiger Stadtring.

Zuvor waren selbständig fahrende Autos fast nur auf Autobahnen getestet worden, in den Stadtverkehr trauten sich Forscher nur zögernd. Maurer erklärt, warum: "Auf der Autobahn ist das größte Problem, aufmerksam zu bleiben, der Ablauf ist monoton – aber das ist auf einem Rechner viel leichter zu implementieren." In der Stadt ist der Verkehr vielfältiger: neben Autos und Lkw sind auch Fußgänger, Rad- und Mofafahrer unterwegs, Ampeln müssen beachten werden.

"Von der Komplexität her ist der Stadtverkehr die größte Herausforderung an das assistierte oder automatisierte Fahren", sagt Maurer. "Computer sind gut in schematischen Abläufen, aber von den Transferleistungen, die ein Mensch ständig erbringt, ist die Maschine noch sehr weit entfernt." Der Fahrer im Stadtverkehr beherrscht und befolgt nicht einfach nur Regeln, er muss ständig die Umwelt wahrnehmen und viele Entscheidungen treffen – oft binnen Sekundenbruchteilen.

All das muss ein autonom fahrendes Auto auch können. Was ist etwa, wenn ein Fußgänger zielstrebig auf einen Zebrastreifen zuläuft? Der menschliche Autofahrer stellt sich darauf ein, dass die Person womöglich ohne groß zu schauen die Straße überqueren will – er nimmt die Handlung anhand des Bewegungsmusters vorweg. Aber kann das auch eine Maschine? Das Ziel ist schließlich eines, das auch Google kürzlich mit dem Design eines lenkradlosen Autos postuliert hat: Das Auto soll in sämtlichen Lagen selbständig fahren. Kein Insasse soll es überwachen und im Notfall die Steuerung übernehmen müssen.