Fast ein Drittel aller deutschen Eisenbahnbrücken ist in einem bedenklichen Zustand oder sogar nicht mehr sanierungsfähig. Dies zeigt eine Auswertung umfassender Daten, die ZEIT ONLINE vorliegen. Mit ihnen war es erstmals möglich, die Lage und den Zustand aller Brücken in einer interaktiven Karte darzustellen. Als Basis der Visualisierung dienten die Ergebnisse einer Reihe kleiner Anfragen, die die Grünen-Bundestagsfraktion an die Bundesregierung gerichtet hatte.



Die so gewonnen Informationen enthüllen zum Beispiel, dass ausgerechnet auf der vielbefahrenen ICE-Strecke vom Ruhrgebiet nach Hannover zwei Brücken wirtschaftlich gar nicht mehr zu reparieren sind: direkt vor und direkt nach Bielefeld. Fielen diese beiden Brücken aus, wäre nicht nur die Verbindung vom Rheinland nach Berlin abgerissen. Vielmehr hätten die 330.000 Einwohner der Stadt Bielefeld keinen Fernbahn-Anschluss mehr.

Auch wichtige Pendlerstrecken sind betroffen. In Hamburg etwa muss die Brücke an der Sternschanze vollständig ersetzt werden. Über sie fährt ein Großteil des Ost-West-Personenverkehrs der Stadt. Auf der Linie Bernau-Berlin steht sogar ein halbes Dutzend nicht mehr sanierbarer Brücken. Auch Touristen könnten eine Überraschung erleben: Die berühmte Höllentalbahn im Hochschwarzwald passiert ebenfalls mehrere Brücken, die aus wirtschaftlicher Sicht abgerissen und neu gebaut werden müssen.

Insgesamt schätzt die Deutsche Bahn 1.148 Brücken als so kritisch ein, dass sie wirtschaftlich nicht mehr zu retten sind und ersetzt werden müssen. Weitere 6.859 Brücken haben so umfangreiche Schäden, dass die Wirtschaftlichkeit einer Instandsetzung noch geprüft werden muss. Trotz der "gravierenden Schäden am Bauwerksteil" sei die Sicherheit der Brücken nicht beeinträchtigt, sagte eine Sprecherin der für das Schienennetz zuständigen Bahn-Tochtergesellschaft DB Netz AG: "Es gibt in der Tat einen Sanierungsbedarf, die Sicherheit der Brücken ist aber immer gewährleistet."

Relativ gesehen ist der Zustand der Brücken im Saarland am schlechtesten. Ganze 13 Prozent fallen dort in die von der Deutschen Bahn selbst definierte Kategorie 1, die nur "Punktuelle Schäden am Bauwerk" aufweist. Den größten Sanierungsbedarf in absoluten Zahlen hat Nordrhein-Westfalen. Dort liegen auch die meisten Brücken, die ersetzt werden müssen. 265 der nordrhein-westfälischen Bauwerke sind wirtschaftlich nicht mehr zu retten. In Bayern sind es 175, in Rheinland-Pfalz 132. Umfangreiche Schäden finden sich in Nordrhein-Westfalen an 1.658 Brücken, in Bayern an 1.210 und in Baden-Württemberg an 760. Bundesweit fallen nur fünf Prozent aller befahrenen Brücken in keine der Schadenskategorien.



Die Deutsche Bahn und die Bundesregierung verhandeln derzeit darüber, wie viel Geld der für Neubau und Ersatz verantwortliche Bund in den kommenden Jahren an die Bahn zahlen wird. Gegenwärtig überweist der Bund jedes Jahr einen sogenannten Investitionsbeitrag von 2,5 Milliarden Euro an die Bahn. Bahnchef Rüdiger Grube hatte wiederholt eine zusätzliche Milliarde gefordert. DB Netz schätzt, dass mit den zusätzlichen Mitteln 250 Brücken im Jahr saniert werden könnten. Bislang werden nach Auskunft der Bahn etwa 120 Übergänge jährlich erneuert.

Der bahnpolitische Sprecher der Grünen, Matthias Gastel, verlangt stattdessen, dass die DB Netz alle ihre Gewinne in die Reparatur der Schiene investiert. "Die Deutsche Bahn darf nicht weiterhin eine Dividende an den Bundeshaushalt abführen, solange das Geld für die Sanierung der Infrastruktur gebraucht wird", sagte Gastel ZEIT ONLINE. Die Gewinne aus den drei Infrastruktursparten der Bahn – Stationen, Netz und Energie – müssten vollständig in die Infrastruktur investiert werden.

Eine detallierte Tabelle aller Daten zu den schadhaften Brücken finden Sie in unserem Datablog.

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