Ein leicht stechender Geruch liegt in der Luft. Wer hinter einem anfahrenden Diesel die Luft einatmet, bemerkt, wie die Nasenschleimhäute gereizt werden. Das ist die Wirkung der Stickoxide, kurz NOx. Anders als Kohlendioxid, das über Jahre das Klima beeinflusst, schädigen NOx den Menschen direkt. Eine Messung des International Council on Clean Transportation (ICCT) an 15 Autos mit Dieselmotor ergab jetzt: Die Pkw überschreiten durchschnittlich den NOx-Grenzwert der EU-Abgasnorm Euro 6 (80 Milligramm je Kilometer) um das Siebenfache. Das heißt: Die getesteten Pkw stießen im Schnitt 560 Milligramm pro Kilometer aus.

Die unabhängige Forschungsorganisation war zuvor bekannt geworden, weil sie in einer Massenuntersuchung die von Jahr zu Jahr steigende Diskrepanz zwischen Norm- und Realverbrauch nachgewiesen hatte. Nun also die Stickoxide. Um die Abweichung vom Grenzwert von 80 Milligramm pro Kilometer feststellen zu können, hat der ICCT sogenannte PEMS verwendet. Das Kürzel steht für portable emissions measurement system, also Abgasmessgeräte, die im Auto mitgeführt werden können. Es wird nicht im Labor, sondern auf der Straße gefahren.

Diese Prüfmethode ist wichtig: In diesen Tagen wird in der EU darüber verhandelt, ob bei der kommenden Norm Euro-6-plus von 2017 an alle Ergebnisse auch durch PEMS verifiziert werden müssen. Das fordert die Arbeitsgruppe Real Driving Emissions (RDE) in der EU-Kommission. Fachkreisen zufolge müssten dabei die Messwerte im echten Verkehr nicht sofort die idealisierten Prüfstandszahlen erreichen.

Gute Ergebnisse mit Harnstofflösung

Trotzdem wäre die PEMS-Messung eine Bedrohung für die Autoindustrie. Die hatte noch im August vermeldet, durch die Einführung der Euro-6-Norm zu einer "erheblichen Verbesserung der Luftqualität" beigetragen zu haben. Und tatsächlich ergibt eine genauere Betrachtung der ICCT-Studie ein differenziertes Bild.

Die durchschnittliche Überschreitung des Stickoxid-Grenzwerts um das Siebenfache setzt sich nämlich aus sehr unterschiedlichen Einzelergebnissen zusammen. Ein Dieselfahrzeug, das mit einem SCR-Katalysator ausgerüstet war, lag auch bei den Pems-Messungen unter den gesetzlichen Laborlimits. Die SCR-Technik ist seit einigen Jahren bei deutschen Herstellern verfügbar und wurde unter anderem von Volkswagen im Passat Blue TDI der letzten Generation B7 eingeführt. Dabei wird in einem kleinen zusätzlichen Tank eine wässrige Harnstofflösung mitgeführt, die in den Abgasstrang eingespritzt wird und so eine Reinigung möglich macht. In Lastwagen ist das ein alter Hut – bei Pkw versucht die Industrie indes, andere Wege zu finden, um die Kosten zu senken.

Einer der Autoren der Studie, Vicente Franco, sagt darum klar: "Die Technologien für saubere Diesel-Fahrzeuge sind bereits heute auf dem Markt verfügbar." Seine Forderung: "Es bedarf entsprechender Regelungen, um die Fahrzeughersteller zu verpflichten, diese Technologien auch einzusetzen und nicht nur für einen eng abgegrenzten Betriebsbereich im Labor zu kalibrieren, sondern einen Großteil der realen Fahrsituationen in Kundenhand abzudecken."