Jetzt streiken die Lokführer schon wieder – dieser Gedanke mag vielen in den Sinn kommen, die jetzt wegen der Arbeitsniederlegung eine Zugfahrt neu planen oder auf ein anderes Verkehrsmittel wechseln müssen. Doch Eindruck und Erinnerung trügen. Tatsächlich streiken Deutschlands Bahnlenker seltener, als mancher denkt.

Seit 2002, als die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) aus der Tarifgemeinschaft mit anderen Bahngewerkschaften ausscherte, kam es alle drei bis vier Jahre zu einem Arbeitskampf. Im März 2003 gab es nur einen Warnstreik, mit dem die GDL gegenüber der Deutschen Bahn den Alleinvertretungsanspruch für ihre Berufsgruppe klarmachte. Zum damaligen Zeitpunkt waren allerdings viele Lokführer der Bahn noch Beamte ohne Streikrecht.

Zum bislang längsten Tarifkonflikt kam es im Herbst 2007, weil die GDL einen Spartentarifvertrag für Fahrpersonal durchsetzen wollte. Schon im Juli hatte die Gewerkschaft mit einem flächendeckenden Lokführerstreik versucht, Druck aufzubauen. Als eine Schlichtung misslang, legten Lokführer im Oktober an mehreren Tagen im Regional- und Nahverkehr die Arbeit nieder.

Allein am 25. und 26. Oktober fielen rund 18.000 Regional- und S-Bahnen aus, etwa 2,7 Millionen Pendler waren betroffen. In Ostdeutschland kam der Zugverkehr fast komplett zum Erliegen. In dem Arbeitskampf wurde die GDL erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt, insbesondere der damalige GDL-Chef Manfred Schell, der den damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn einmal als "Rumpelstilzchen" bezeichnete.

Als ein Arbeitsgericht ein Streikverbot im Fern- und Güterverkehr aufhob, weitete die GDL den Ausstand aus und organisierte Mitte November den bis dahin schwersten Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn. Die Gewerkschaft stoppte den Güterverkehr bundesweit für 62 Stunden, der Personenverkehr wurde 48 Stunden lang bestreikt. Anschließend vereinbarten GDL und Bahn Eckpunkte für einen Tarifvertrag, doch als die DB Forderungen daran knüpfte, drohte die GDL neue Warnstreiks an.

Am Ende setzte sich die Gewerkschaft durch und erzielte im April 2008 einen eigenständigen Tarifvertrag für Lokführer. Danach gab Schell den GDL-Vorsitz an Claus Weselsky ab, der die Gewerkschaft bis heute führt. Nach dem Tarifabschluss war für einige Jahre Ruhe. Erst Anfang 2011 rief die GDL wieder in ganz Deutschland zu Warnstreiks auf. Anlass war die Forderung nach einem bundesweit geltenden Rahmentarifvertrag für Lokführer, der bei der DB wie bei den privaten Anbietern gelten sollte.

Zunächst fielen bei einem zweistündigen Warnstreik im Februar 2011 S-Bahnen und Züge bei der DB aus oder kamen verspätet an. Im März legte die GDL in größerem Rahmen den Bahnverkehr lahm, auch bei Konkurrenten der DB. Im Dezember erreichte die GDL in einem Schlichtungsverfahren Haustarifverträge mit DB-Wettbewerbern wie Metronom und Odeg.

Nun – mehr als drei Jahre später – streiken GDL-Mitglieder wieder. Zunächst trafen Warnstreiks am 1. und 6. September Pendler, Fernreisende und den Güterverkehr. Nach einer Urabstimmung legten am 7. und 8. Oktober DB-Lokführer für neun Stunden die Arbeit nieder. Hunderte Fern- und Güterzüge sowie mehr als 2.500 Nahverkehrszüge und zahlreiche S-Bahnen vor allem in Ballungsgebieten standen wegen des Streiks still.

An diesem Mittwoch um 14 Uhr begann die GDL den bisher längsten Streik in diesem Konflikt; er soll bis Donnerstagmorgen, 4 Uhr gehen. Zahlreiche Züge fielen bereits vorher aus. Um die Deutsche Bahn besonders hart zu treffen, teilte die Gewerkschaft vor Beginn der Aktionen nicht mit, welche Züge auf welchen Strecken ausfallen.

In dem Konflikt verlangt die GDL zum einen eine Gehaltserhöhung und eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 39 auf 37 Stunden. Kern des Konflikts ist aber, dass die GDL dies auch für Zugbegleiter und Rangierführer verhandeln will. Für die sieht sich aber die größere Gewerkschaft EVG zuständig. Die Bahn lehnt konkurrierende Abschlüsse für dieselbe Berufsgruppe ab.