Joachim Winkelhock gefährdete auch noch in der Auslaufrunde seine Gesundheit. Nach seinem Sieg in der Super-Tourenwagen-Serie ließ er sich eine Zigarette reichen und drehte mit seinem BMW-3er-Rennwagen jubelnd-rauchend seine Ehrenrunde. Das war 1995. Wer kann sich das heute noch vorstellen? Vermutlich niemand.

Es sind Szenen wie diese, die uns zeigen, dass der Rennsport früher lockerer war. Entspannter und unkomplizierter. "Eigentlich gehört sich das im Motorsport ja überhaupt nicht, aber genossen habe ich sie trotzdem", sagt Winkelhock heute, mit schwäbischer Note, über die tabakgestärkte Ehrenrunde. Der Kommentar ist in Adrenalin zu hören, einem knapp zweistündigen Dokumentarfilm.

Adrenalin wird geprägt von Geschichten wie die von "Jockel" Winkelhock. Eigentlich dreht sich der Film um die Historie des Tourenwagen-Sports von BMW – nur eben ganz untypisch. Im Mittelpunkt stehen weniger die Fahrzeuge und die bayerische Automarke. Es sind die 30 Interview-Partner, die den Film so sehenswert machen. Sie erzählen die ganze Story, kein Sprecher aus dem Off. Den vermisst man auch gar nicht.

Der Film beginnt im Jahr 1966. Hubert Hahne, Onkel der beiden Filmemacher Tim und Nick Hahne, durchquert mit seinem BMW 2000 TI die Nordschleife des Nürburgrings. In den Schwarz-Weiß-Aufnahmen sieht es beinahe so aus, als würde ein normaler BMW auf einer ganz normalen Landstraße etwas schneller fahren. Aber es war ein Rennen – bei dem die Autos trotzdem ein Kennzeichen hatten. Damals war es üblich, tags zuvor im Rennfahrzeug mit Frau, Kind und jeder Menge Ersatzreifen anzureisen.

Mit der Banane im Handschuhfach

In punkto Professionalität konnte man 1966 den Motorsport ungefähr so ernst nehmen wie 1988 die jamaikanische Bobmannschaft bei Olympia. Ambitioniert, aber irgendwie dilettantisch. "Bei langweiligen Rennen wie auf der Avus in Berlin hatte ich auch mal eine Banane im Handschuhfach, ich bekam ab und zu Hunger", sagt Hubert Hahne und lacht. Man musste nicht besonders reich sein, um Rennfahrer zu werden. Wohl aber talentiert. ABS und ESP existierten damals noch nicht, immer wieder kam es zu schweren Unfällen.

Dennoch muten die bisher unveröffentlichten Aufnahmen nach dem Rennen teilweise an wie eine Erstsemester-Party. "Wir hatten große Lust, zu feiern. Man hatte ja immerhin das Rennen überlebt", erzählt Hahne. Als erster Hersteller nahm BMW den Motorsport in den 1970er Jahren etwas ernster. Es war jedoch kein Bayer, der die Sportabteilung in München umkrempelte, sondern ein Krefelder, der vom Konkurrenten Ford aus Köln kam.

Mit Jochen Neerpasch wurde der BMW-Rennsport professioneller, die Fahrer wurden es auch – zumindest auf der Strecke. Dazu zählen der bis heute aktive Hans-Joachim Stuck und Dieter Quester aus Österreich. Zwei Charakterköpfe, wie sie kaum mehr zu finden sind. Schnell und gerissen auf der Strecke, bodenständig abseits davon. "Es gab Leute, die trotz aller Professionalität immer noch genug Platz im Gesicht zum Lachen hatten", sagt Quester im Film.