Prototyp des Google-Autos © Justin Sullivan/Getty Images

Nach Google soll nun auch Apple an der Entwicklung eines Elektroautos arbeiten. Wahrscheinlich wird auch Apple beim Projekt mit dem Namen Titan die Idee des vernetzten Fahrens gleich mit im Blick haben. Der Schritt ist folgerichtig und war mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Nicht ohne Grund ist es Apple – neben Google der zweite große IT-Anbieter mit eigenem Betriebssystem für mobile Endgeräte – der in den Mobilitätsmarkt einsteigen könnte. Die Kompetenz für digitale Vernetzung wird die Automobilbauer der Zukunft auszeichnen und das Abschöpfen eines immer größeren Teils der automobilen und automobilnahen Wertschöpfung garantieren.

Steht die Branche damit vor dem Neustart, mit doppeltem Fahrerwechsel – dem auf dem Fahrersitz des Autos und dem in den Führungspositionen der Autobranche? Vieles spricht dafür, dass der langanhaltende und große Erfolg der etablierten Autobauer in Zukunft nicht mehr viel weiter getrieben werden kann. Ihre technische Kompetenz liegt bei den thermischen Antrieben, ihre unternehmerische Strategie beruht auf Wachstum mit hohen Stückzahlen. Doch die Rahmenbedingungen für Mobilität verändern sich rasant. Bevölkerungswachstum, urbane Verdichtung und mit steigender Nachfrage massiv anwachsende Probleme wie Raumknappheit, mangelnde Verkehrssicherheit und Emissionsprobleme erzwingen neue Mobilitätskonzepte, insbesondere auf den Wachstumsmärkten der Mobilität in Asien und Lateinamerika.

Diese neuen Konzepte werden auf emissionsarmen Antrieben und einer effizienteren Nutzung von Fahrzeugen und Infrastrukturen aufbauen. Die nachwachsende Kundschaft pocht immer weniger auf den betriebswirtschaftlich entbehrlichen Besitz von Autos. Sie erwartet stattdessen den flexiblen, verlässlichen und zugleich kostengünstigen Zugang zu modernen Verkehrssystemen. Selbstverständlich will man dabei auch unterwegs möglichst online und vernetzt sein.

Zugleich kommt die Digitalisierung über uns wie eine Welle, die wir weder dämmen noch kanalisieren können. Sie hat eine kreative Zerstörungswucht im Schumpeterschen Sinne, die nichts und niemanden unverändert zurücklässt. Am Horizont taucht das Bild einer allgegenwärtig vernetzten technologischen Meta-Intelligenz auf, einer soziotechnischen Mischwelt aus Netzen, Geräten, Software und menschlichen Verhaltensweisen und Lebensstilen. Wie auch immer wir das moralisch bewerten, und ob es uns gefällt oder nicht: Diese Entwicklung wird auch die Mobilitätswirtschaft umfassend revolutionieren.

Schon heute entwickelt die Gründerszene der digitalen Share Economy mit hohem Tempo immer neue Foren, Netzwerke und Applikationen für Wegeplanung, Verkehrsflussoptimierung, Parkplatzsuche und für die mit anderen geteilte Fahrzeugnutzung wie Carsharing, Bikesharing und Ridesharing. So entstehen digitale Marktplätze für vernetzte und verkehrsträgerübergreifende Mobilität. Die Automobilbranche hat angesichts dieser Entwicklungen nur die Chance, die digitale Welle ebenfalls reiten zu lernen und die Technologien klug zu nutzen.

Besser Kooperation als Konkurrenz

Noch ist offen, wie sich IT-Branche und traditionelle Autobauer dabei arrangieren werden, ob sie konkurrenz- oder eher kooperationsbasierte Strategien verfolgen werden. Nach Lage der Dinge kann man aber von zwei Thesen ausgehen. Erstens erfordert die absehbare Entwicklung der Mobilitätsnachfrage eher Kooperation als Konkurrenz. Die Herausforderungen sind so groß, dass sie ökologisch, ökonomisch und sozial nur in gemeinsamer Anstrengung der Akteure gelöst werden können. Die bislang enorme Konkurrenz an den Verkehrsmärkten ist hier womöglich eher hinderlich.

Zweitens sitzt die IT-Branche strukturell ohnehin am längeren Hebel, weil ihre Produkte enormen Erfolg genießen und die Kundschaft zunehmend eine umfassend vernetzte Lebenswelt erwartet. Die traditionellen Autobauer sind auch aus dieser Sicht gut beraten, Kooperation zu suchen, statt in einen schon heute aussichtslosen Wettbewerb einzutreten.

Auf Basis dieser Annahmen lassen sich die Autoprojekte von Google und Apple als Signale an die Autoindustrie bewerten. Die beiden Unternehmen könnten damit sagen wollen: Wenn wir wollten, könnten wir sehr schnell in die Produktion elektromobiler und umfassend vernetzter Fahrzeugflotten einsteigen. Wir haben das Kapital; wir haben die Organisationskultur, um mit Erfolg sehr unterschiedliche Herausforderungen gleichzeitig handhaben zu können; wir können uns die automobile Technologie und die kreative Kompetenz beschaffen. Und schließlich spielen uns sowieso alle zu erwartenden Nachfragetrends in der Mobilität – wie auch in den Bereichen Energie, Gesundheit und Wohnen – in die Hände. Ihr solltet besser mit uns zusammenarbeiten, denn davon hätten alle Beteiligten am Ende mehr.