Ob Mobilfunk oder Versicherungen – ein kaum zu überschauendes Angebot trübt den Durchblick. Auch auf dem Automobilmarkt blüht eine enorme Vielfalt. In den vergangenen Jahren haben die Hersteller die Zahl ihrer Modelle vervielfacht und ganz neue Segmente erfunden. 1990 waren in Deutschland gerade einmal 101 verschiedene Fahrzeuge im Angebot, im vergangenen Jahr waren es 453. Das hat die Unternehmensberatung Progenium ermittelt.

Mit ständig neuen Varianten, Ablegern und Typen buhlen die Autokonzerne um Kunden. In immer kürzeren Abständen müssen neue Modelle auf den Markt gebracht werden. Auch auf dem Genfer Autosalon zeigen die Hersteller derzeit, was die Kunden in diesem Jahr noch an Neuheiten erwarten können.

Doch der riesige Fuhrpark bereitet Probleme. Zum einen werden pro Variante die Stückzahlen kleiner, zum anderen könne die große Auswahl die Autokäufer überfordern und die Marken schwächen, so Progenium. "In gewisser Weise stecken die Hersteller in einem Dilemma", sagt Progenium-Chef Michael Mandat. "Niemand kann und will einzelne Marktsegmente dem Wettbewerb überlassen, gleichzeitig vernichtet die hohe Komplexität jedoch auch Wert und eine klare Positionierung."

Doch nicht nur die Modellvielfalt ist enorm. Auch bei Ausstattungen kann der Kunde auswählen wie nie zuvor. Standen den Käufern 1990 bei einer 3er Limousine von BMW noch 70 verschiedene Ausstattungsmerkmale zur Auswahl, ist diese Zahl 2014 auf mittlerweile 215 angewachsen. Bei VW gibt es mehr Außenspiegel als Modelle. Das zu steuern, zu entwickeln oder zu liefern ist hochkomplex. Der Konzern verkauft immerhin die riesige Zahl von zehn Millionen Autos im Jahr.

Jede Menge Modelle – bis man sich selbst Konkurrenz macht

Dabei hat diese Strategie zumindest auf dem deutschen Automarkt nicht nachhaltig gewirkt. Die Zahl der Neuzulassungen ging von 1990 bis 2014 in Deutschland um rund drei Prozent zurück. Dennoch: International kommt die Modellvielfalt an. BMW etwa wagt sich mit dem Active Tourer sogar in das Segment der Vans vor, eine Klasse, die für den Hersteller mit dem eher sportlichen Image lange undenkbar war. In Genf zeigt BMW dieses Modell dann auch noch in einer siebensitzigen Variante.

Die Modellplanung ist eine Kunst für sich. Zusätzliche Varianten sollen der Konkurrenz Kunden abjagen – und nicht den Schwestermodellen des eigenen Konzerns. Die Kannibalisierung traf etwa das Geschäft beim französischen Hersteller PSA. Die Autos der beiden Konzernmarken Peugeot und Citroën wurden so ähnlich, dass PSA-Chef Carlos Tavares durchgriff und nun bis 2022 fast jedes zweite der 45 Modelle streicht. Zum Beispiel zielen der Peugeot 308 und Citroën C4 auf ähnliche Kunden – und müssen sich gegen den VW Golf durchsetzen.

BMW gehört vor allem im heute unverzichtbaren Bereich der Geländewagen zu den Pionieren der Vielfalt. Angefangen beim X5 gibt es inzwischen auch hier viel Auswahl. X4 und X6 mit ihrem Coupé-ähnlichen Schrägdach sind so erfolgreich, dass Daimler mit seinem GLE Coupé einen direkten Rivalen entwickelte. Die Verkaufszahlen geben den Herstellern recht. Dabei zweifelten sogar Branchenkenner zunächst, ob die extrem bulligen Modelle sich mit dem eleganteren Premium-Anspruch der Oberklasse verbinden ließen.

Und so versuchen BMW, Audi und Daimler weiterhin, jede kleine Nische möglichst als erster zu besetzen. Die Schwaben planen bis 2020 elf ganz neue Autos, ihre Kompaktfamilie bekam gerade erst Zuwachs mit dem CLA Shooting Brake: einer Art Mini-Kombi mit angeschrägtem Heck. Audi-Chef Rupert Stadler will die Zahl der Modelle mit den vier Ringen von rund 50 auf etwa 60 wachsen lassen.

Beim Mutterkonzern Volkswagen kündigte Vorstandschef Martin Winterkorn im vergangenen Jahr "eine Produktoffensive über alle Marken hinweg" an. Im Wolfsburger Zwölf-Marken-Konzern ist die Kannibalen-Gefahr durch die schiere Größe besonders hoch. So gilt etwa der Škoda Octavia vielen Autofahrern als günstigere Alternative zum VW Passat. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer spricht wegen dieser großen Nähe sogar von einem "Eigentor".