Je präsenter Radfahrer im Straßenverkehr sind, desto sicherer ist der einzelne Fahrer. Mit dieser These wehren sich viele Radbegeisterte seit Langem gegen eine Helmpflicht. Ihr Hauptargument ist, dass der Zwang zum Kopfschutz viele vom Radfahren abhalte und die wenigen verbliebenen Radler dann von Autofahrern nicht mehr so gut wahrgenommen würden – mit der Folge, dass die Zahl der Unfälle steige.

Zumindest Letzteres wird von einer vergleichenden Studie der OECD offenbar gestützt. Demnach geschehen tendenziell in Ländern, in denen viel Rad gefahren wird, weniger Unfälle als dort, wo die Leute selten aufs Fahrrad steigen. Die Grafik, erstellt vom Portal Statista für ZEIT ONLINE, zeigt die Details.

Demnach geschehen im Musterland des Radelns, den Niederlanden, nur knapp halb so viele tödliche Fahrradunfälle pro gefahrenen Milliarden Kilometern wie in Finnland, wo pro Kopf erheblich weniger Kilometer auf dem Fahrrad zurückgelegt werden. Besonders auffällig ist der Zusammenhang auch, wenn man etwa Deutschland mit Frankreich und Großbritannien sowie dem Autofahrerland USA vergleicht.

Auch die OECD selbst spricht in ihrer Studie davon, dass die Zahlen das Phänomen "safety in numbers" (Sicherheit in der Masse) illustrierten. Südkorea fällt aus der Reihe: Die Zahl der Unfälle pro einer Milliarde Radkilometer ist dort höher als etwa in Großbritannien, obwohl in dem asiatischen Land mehr Rad gefahren wird. Die OECD-Autoren nennen als möglichen Grund den raschen Zuwachs an Radfahrern in Südkorea – dort nahmen die pro Kopf auf dem Rad zurückgelegten Strecken zwischen 2000 und 2009 jährlich um 9,5 Prozent zu, in Deutschland dagegen nur um 3,4 Prozent und in Großbritannien um 1,2 Prozent. Damit hätten in Südkorea weder Radfahrer noch die anderen Verkehrsteilnehmer Zeit genug gehabt, sich an den zunehmenden Radverkehr anzupassen.

Das beschriebene Phänomen zeigt sich auch, wenn man sich die Entwicklung von Radverkehr und Unfallzahlen etwa in Kopenhagen anschaut. Dort hat zwischen 1996 und 2010 der Fahrradverkehr um 20 Prozent zugenommen; im selben Zeitraum sank die Zahl der gemeldeten Radunfälle um 70 Prozent. Australische Forscher, die den Zusammenhang auch schon einmal in einer Studie beschrieben hatten, erklärten das Phänomen damit, dass die Autofahrer offenbar ihr Verhalten anpassen, wenn mehr Radfahrer unterwegs sind. Zudem könnte es sein, dass die Autofahrer rücksichtsvoller werden, wenn sie selbst ab und zu Rad fahren.

Die OECD-Autoren warnen aber davor, aus der Korrelation auf einen Ursache-Wirkung-Effekt zu schließen. Eine Erklärung für Sicherheit in der Masse könnte auch sein, dass relativ gefahrenarme Verkehrswege eine große Zahl an Radfahrern anzögen – so gebe es in Ländern wie Dänemark und den Niederlanden viele Radfahrer, aber eben auch eine hohe Dichte an Rad-Infrastruktur, heißt es in der OECD-Studie.