SUVs, SUVs und noch mehr SUVs: Wer glaubt, in Deutschland würde der große Crossover-Boom herrschen, war noch nicht auf der Automesse in Shanghai. Nicht nur westliche Marken wie Mercedes, BMW und Volvo fahren hier seit Montag ihre Allrad-Dickschiffe auf – vor allem die Chinesen zeigen gleich dutzendweise neue Modelle. Und lassen die Konkurrenz aus dem Ausland zunehmend alt aussehen.

Das SUV hat in China die Limousine als Modell der Stunde abgelöst. Zwar werden noch immer dreimal so viele Stufenheckautos verkauft wie Crossover-Exemplare, doch der Vorsprung schrumpft rasant. Während im vergangenen Jahr der Markt für die klassischen Viertürer mit Kofferraumklappe nahezu stagnierte, stieg die Zahl der SUV-Neuzulassungen um mehr als ein Drittel. Gut vier Millionen der höhergelegten Autos wurden im Reich der Mitte verkauft. Der Großteil davon trägt mittlerweile das Logo eines chinesischen Herstellers.

Warum das so ist, wird am Stand von Haval deutlich, einer Tochtermarke des Herstellers Great Wall. Dort steht der H6, zuletzt das meistverkaufte SUV Chinas, ein direkter Konkurrent des VW Tiguan. Der wichtigste Unterschied: Der H6 ist nur etwa halb so teuer. Dabei sieht das Modell mit dem chromglänzenden Kühlergrill und dem ordentlich verarbeiteten Innenraum gar nicht mal schlecht aus, die Motoren sind unspektakulär, aber haltbar und Allradantrieb gibt es auch.

Messe-Girls gestrichen

Haval ist kein Einzelfall. Die Chinesen haben gelernt, Autos zu bauen, die mehr sind als schlechte Raubkopien westlicher Bestseller. Entsprechend wirkt das Messeprogramm höherwertiger als in den vergangenen Jahren. Gab es da noch haufenweise hektisch zusammengezimmerte Ton-Modelle, stehen nun fast überall fertige Autos oder zumindest Studien aus echtem Blech. Offenbar eine Anweisung von oben. Genauso wie der Bann von leichtbekleideten Messehostessen – die Autoshow in Shanghai ist nüchterner geworden. Auch Kinder sind verboten, dürfen die Ausstellungshallen in diesem Jahr nicht besuchen. Offiziell aus Sicherheitsgründen, vielleicht aber auch, um die Ernsthaftigkeit der Angelegenheit Auto zu unterstreichen.

Dass China mehr sein will als eine international belächelte Kopierwerkstatt, zeigt in Shanghai auch ein Debüt des Herstellers und Volvo-Eigners Geely. Das Modell GC9 ist eine große Limousine in westlichem Design, mit Volvo-Technik und auf den ersten Blick ordentlicher Verarbeitung. der Kaufpreis ist nur ungefähr halb so hoch wie bei vergleichbaren Modellen ausländischer Marken.

Europas Autohersteller dürften das mit Sorge sehen, gilt ihnen China doch trotz des zuletzt weniger rasanten Wachstums weiterhin als Eldorado. Vor allem die Premiumhersteller schätzen die reiche und prestigesüchtige Kundschaft. Mercedes lockt mit der seriennahen Studie des SUV-Coupés GLC, Volvo ist mit einer superluxuriösen, viersitzigen Variante seines neuen Oberklasse-SUV XC90 nach Shanghai gekommen, Audi hat extra eine benzinbetriebene Plug-in-Version des Q7 entwickelt, und BMW präsentiert mit dem X5 40e gleich einen direkten Konkurrenten.

Das große Geschäft wartet im Hinterland

Der Steckdosen-Hybrid ist in China politisch gewollt, weil reine Elektroautos auch dort Absatzschwierigkeiten haben. Die europäischen Hersteller wollen partizipieren, Audi etwa mit der Plug-in-Langversion des A6. Peugeot stellt in Shanghai die Studie 308 R Hybrid vor.

Doch das Geschäft wird künftig wohl zunehmend schwierig. Mit Shenzhen im Süden der Volksrepublik hat nun die mindestens siebte Metropole des Landes Zulassungsbeschränkungen für neue Pkw erlassen, um den Verkehrsinfarkt in den Griff zu bekommen. Hinzu kommt der forcierte Kampf gegen Korruption, der potenzielle Kunden verunsichert. Und nicht zuletzt steigen Chinas Behörden und Ministerien von den teuren Auslandslimousinen immer häufiger auf heimische Produkte um.

Das gilt auch für viele Käufer. Die wohnen mittlerweile vor allem im Hinterland, wo in den Millionenstädten der Markt noch nicht gesättigt ist. Die wachsende Mittelschicht braucht ihre ersten Fahrzeuge, doch die westlichen Marken sind dort weniger stark als an der Küste. Zudem fehlen den Europäern die richtigen Modelle: Ihre SUV sind in der Regel viel zu teuer. Doch auch ein gebremstes Wachstum in China bedeutet in absoluten Zahlen mehr Zuwachs als irgendwo anders auf der Welt.