Das Handy klingelt morgens um halb zehn. "Hallo Herr Wagner. Bei Ihrem Auto sind die Bremsbeläge abgenutzt. Wir sollten einen Werkstatttermin vereinbaren. Und dann hätten wir auch noch ein interessantes Angebot für Winterreifen für Sie." Herbert Wagner ist sprachlos: Woher wissen die vom Autohaus, dass die Bremsen seines Wagens repariert werden müssen? Eine Ferndiagnose mitten auf der Autobahn?

Was vor Kurzem noch wie Science-Fiction klang, ist längst Wirklichkeit. Manche Autohersteller haben mehr Informationen über die von ihnen ausgelieferten Fahrzeuge als deren Besitzer. Die Unternehmen haben nicht nur einen ständigen Überblick über den technischen Zustand der Autos; sie wissen auch, wo sich jeder einzelne Wagen befindet, ob er im Stau steht und welche Musik der Fahrer hört. "Kundenbindung" nennen das die Autohersteller – Datenmissbrauch die Verbraucherschützer.

"Always on", so lautet seit ein paar Jahren die wichtigste Werbebotschaft der Autohersteller. Mit der sollen vor allem junge Kunden angelockt werden. Das Versprechen: Ihr müsst auch unterwegs nicht auf den digitalen Lifestyle verzichten. Tatsächlich ist auf diesem Gebiet in kurzer Zeit viel geschehen: Neue Automodelle sind – mit eigener SIM-Karte ausgerüstet – immer und überall online, um Daten zu senden und Daten zu empfangen.

So machen die Hersteller das Auto zu einem Protagonisten für das Internet der Dinge. Und werden nicht müde, ihren Kunden ständige neue Onlinedienste und -funktionen anzubieten, die – so verspricht beispielsweise Audi – "den Spaß am Automobil auf neues Niveau heben".

Auto als umfassende Informationsquelle

Doch dieser Spaßfaktor birgt Probleme. "Smart Cars und vernetzte Autos bieten viele Chancen, werfen aber auch die gleichen kritischen Fragen auf, die uns bei Big Data begegnen", sagt Bundesjustizminister Heiko Maas und warnt vor dem "gläsernen Autofahrer". Die Ansage des SPD-Politikers ist klar: "Vielleicht kann das Auto der Zukunft irgendwann selbständig fahren, aber bei der Datenübermittlung muss auch künftig allein der Fahrer am Steuer sitzen."

Datenschutz im Auto? Das war jahrzehntelang kein Thema. Kaum ein Autofahrer hat sich in früheren Jahren Gedanken darüber gemacht, welche Daten in seinem Wagen erhoben und gespeichert werden. Das war auch nicht nötig, denn die Informationen landeten lediglich in den Speicherchips der elektronischen Steuergeräte und dienten dem Werkstattpersonal bei der Fehlerdiagnose. Doch heute ist das anders: Seit die Autos connected sind, werden die Daten per Mobilfunk abgerufen und von den Herstellern systematisch ausgewertet.

Die Telediagnose, die zu den Onlineservices verschiedener Automarken gehört, ist nur ein Beispiel dafür. "Das Auto wird zu einer umfassenden Informationsquelle von schier unerschöpflichem Gehalt, für die es immer mehr – insbesondere gewerbliche – Interessenten gibt", urteilt ADAC-Experte Arnulf Volkmar Thiemel. Besonders problematisch sind seiner Meinung nach jene Daten, die Aufschluss über die Nutzung des Autos und die Fahrweise seines Besitzers geben. Denn damit könnten in Zukunft zum Beispiel Garantieanträge abgelehnt, Versicherungsprämien erhöht oder Leasingverträge widerrufen werden.

Der Datenschutz drohe "unter die Räder zu geraten", meint auch Jörg Klingbeil, der Datenschutzbeauftragte von Baden-Württemberg. Für manche Datenschützer ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Navigationssystem Werbeangebote von Hotels und Restaurants einblendet, die am Rande der Strecke liegen und genau den Vorlieben des Autobesitzers entsprechen. Oder bis Amazon, Google oder andere Online-Giganten auch im Auto die Vorlieben ihrer Kunden beobachten und ihnen "persönliche Angebote" ins Cockpit funken.