Ein Fahrradausflug mit Picknick, das war vor 20 Jahren für Dunja Schoerrig immer der krönende Abschluss der Fahrradausbildung. Mit ihren Viertklässlern und Eltern brach die Lehrerin zu einer langen Fahrt ins Grüne auf. Doch vor sechs, sieben Jahren hat Schoerrig mit der Tradition gebrochen: Es wurde ihr zu gefährlich. "Die Kinder sind heute wahnsinnig wenig anstrengungsfähig", stellt Schoerrig fest. Fünf Kilometer am Stück radeln und sich dabei auf das Verkehrsgeschehen zu konzentrieren, das überfordere viele. Was als vergnügte Ausfahrt begann, entwickelte sich für Schoerrig immer mehr zur Zitterpartie.

Mit dieser Beobachtung ist die Grundschullehrerin aus Bayern nicht alleine. Obwohl die heutige Schülergeneration mit dem Laufrad groß geworden ist, stellen viele ihrer Kollegen und Verkehrserzieher fest: Immer mehr Kinder haben motorische Schwierigkeiten beim Radfahren. Im Lehrplan für die Grundschulen ist die Fahrradprüfung für die vierte Klasse vorgesehen. Doch die vorgesehene Vorbereitungszeit im Stundenplan reicht häufig nicht mehr aus. Den Kindern fehlt die Praxis.

Um diese zu kompensieren, benötigen die Kinder während der Schulzeit intensivere Trainingseinheiten. Den Lehrern mangelt es aber an geeigneten Übungen. "Beim Praxisteil auf dem Schulhof stehen die Kinder in der Regel herum", sagt Achim Schmidt von der Sporthochschule Köln. Der Wissenschaftler weiß, wovon er spricht. Seit Jahren ist er mit Studenten und selbst entwickelten Fahrrad-Parcours in Kindergärten und Schulen unterwegs.

"In der Grundschule radeln die Kinder in 90 Minuten gerade mal zwei bis drei Minuten über den Schulhof", sagt Schmidt. Die übrige Zeit beobachten sie ihre Klassenkameraden, die unter Aufsicht der Lehrer ihre Aufgaben absolvierten.

"Die Kinder wollen Radfahren"

Wenn es nach dem Netzwerk Verkehrssicheres NRW geht, wird sich das in dem bevölkerungsreichsten Bundesland bald ändern. Die Landesregierung Nordrhein Westfalen, der Verkehrsverbund Rhein-Sieg und die Sporthochschule Köln, die zu dem Netzwerk gehören, haben eine Lehrerfortbildung entwickelt und dazu das Onlineportal Radfahren in der Schule aufgesetzt. Das Portal ist seit ein paar Wochen online.

Schon im vergangenen Jahr hatte Schmidt erste Musterfortbildungen in fünf NRW-Regierungsbezirken durchgeführt. Sein Fazit: "Die Lehrer trauen den Kindern weniger zu, als diese eigentlich können." Außerdem fehle vielen Lehrern das nötige Handwerkszeug, also moderne zeitgemäße Übungen. Schmidts Ideen und Trainingsvorschläge haben sie überzeugt – obwohl sie anfangs etwas irritiert waren.

Denn nach seinem Ansatz sind die Kinder vom ersten Moment an alle gleichzeitig auf ihren Rädern unterwegs. Entweder an verschiedenen Stationen auf dem Schulhof oder im gemeinsamen Spiel. "Jeder fährt so gut wie er kann. Wer überhaupt nicht Radfahren kann, nutzt sein Fahrrad erst mal als Roller", erläutert der Fachmann das Konzept. Bei allen Aufgaben bezieht er Hindernisse auf dem Schulhof mit ein.

Dabei macht Schmidt selbst vor Treppen nicht halt. "Die Kinder fahren die Rampen hinauf, die für Rollstuhlfahrer an den Treppen existieren, und dann die Stufen hinab", sagt er. Erst mit Hilfestellung, dann alleine. "80 Prozent der Kinder schaffen das", sagt er. Mit derlei Übungen stärkt er bei den Schülern die Motorik, die Fahrzeugbeherrschung, die Freude am Radfahren und auch das Selbstvertrauen. "Die Kinder wollen Radfahren", stellt Schmidt immer wieder fest. Sie würden aber häufig von Lehrern und Schulleitung ausgebremst.