Jute statt Plastik. Der Slogan aus den 1980er Jahren ist im Alltag längst vergessen, für die Automobilindustrie hat er aber durchaus noch gewisse Bedeutung. Faserige Pflanzenarten stehen bei Autoentwicklern ganz oben auf der Wunschliste alternativer Materialien: zum Beispiel Hanf, Sisal, Flachs oder Banane. Mit solchen Naturmaterialien wollen sie inzwischen nicht mehr nur Kunststoffe ersetzen, auch der altbewährte Autowerkstoff Stahl könnte in Zukunft Konkurrenz aus der Botanik bekommen.

Dabei haben die Ingenieure keineswegs eine neue Liebe zur Natur entdeckt. Handfeste Argumente stecken hinter dem Ökotrend in der Werkstoffforschung, vor allem die Einsparung von Kosten und Gewicht. In der C-Klasse von Mercedes-Benz stecken beispielsweise heute schon 76 Bauteile aus nachwachsenden Rohstoffen, die den gleichen Qualitätsanforderungen wie Kunststoffteile entsprechen sollen. "Damit wurde der Einsatz von Naturmaterialien gegenüber dem Vorgängermodell um 55 Prozent erhöht", heißt es aus Stuttgart.

Mercedes-Benz war vor 20 Jahren einer der ersten Autohersteller, der mit Naturfasern experimentierte. Bei den Türverkleidungen der damaligen E-Klasse (Modellreihe 210) ersetzte er Kunststoff durch Fasermatten aus Flachs und Sisal, die unter Hochdruck geformt und durch ein Bindemittel stabilisiert wurden. Rund 350 Tonnen der beiden Naturfasern wurden auf diese Weise jährlich für Mercedes-Benz verarbeitet.

In den folgenden Jahren ging die Verwendung nachwachsender Rohstoffe allerdings unter dem Druck der Kunststofflobby wieder zurück, bis ein neuer Trend die Automobilindustrie erfasste: Leichtbau. Seit die Europäische Kommission den Kohlendioxidausstoß – und damit auch den Spritverbrauch – der Neuwagen limitiert, ringen die Entwickler buchstäblich um jedes Gramm, das den Autos zu einer besseren Verbrauchsbilanz verhilft. So rückten auch die leichten Biomaterialien wieder in den Blick, denn Bauteile aus Naturfaserwerkstoffen sind zwischen 20 und 50 Prozent leichter als Kunststoff-Spritzgussteile.

Freude am Kenaf

Hibiscus cannabinus heißt die Pflanze, von der zurzeit fast alle Werkstoffexperten schwärmen. Besser bekannt ist sie als Kenaf. Das tropische Gewächs aus der Gattung der Malven ist in Bangladesch, Thailand, Indien und Teilen Chinas zu finden. Aus dem Bast seiner bis zu vier Meter hohen Stängel werden besonders feine Fasern gewonnen, die leicht und zugleich sehr stabil sind.

Diese Eigenschaften hatte Toyota vor einigen Jahren als einer der ersten Autohersteller entdeckt und damit in der Branche einen Kenaf-Boom ausgelöst. Inzwischen steckt die Naturfaser auch in Modellen von Ford, Opel, Mercedes-Benz und Volkswagen – allerdings nicht in ihrer ursprünglichen Form, sondern meist in Kombination mit synthetischen Materialien. So entstehen naturfaserverstärkte Kunststoffe (NFK), die neben hoher Zugfestigkeit und geringer Materialdichte auch den Vorteil bieten, dass sie beim Unfall nicht splittern und deshalb keine gefährlich-spitzen Bruchstücke bilden.   

Den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere als Automobilwerkstoff erlebt Kenaf derzeit im BMW-Elektroauto i3, wo die Naturfaser erstmals an sichtbaren Stellen eingesetzt wird. Die Türträger und die Abdeckung der Instrumententafel bestehen aus einem Kenaf-Kunststoff-Verbund, der laut dem BMW-Zulieferer Dräxlmaier fast 40 Prozent leichter ist als ein herkömmlicher Kunststoff.