ZEIT ONLINE: Herr Monheim, die Bevölkerung schrumpft, viele Menschen ziehen in die Stadt, ganze Dörfer sterben aus. Dem öffentlichen Nahverkehr auf dem Land werden also Fahrgäste und Einnahmen wegbrechen. Ist das Aus programmiert?

Heiner Monheim: Nein, überhaupt nicht.

ZEIT ONLINE: Aber schon heute fährt kaum jemand mit dem Nahverkehr auf dem Land.

Monheim: Das liegt doch daran, dass der öffentliche Verkehr in vielen Regionen auf ein rudimentäres Restangebot für Schüler beschränkt ist, zum Beispiel in der Südeifel und dem Hunsrück, in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Da gibt es nur noch ein paar Fahrten am Tag; abends und an den Wochenenden ruht der Betrieb. Die Lösung ist: mehr öffentlicher Nahverkehr. Dann würden die Menschen auf dem Land wieder häufiger mit Bussen und Bahnen fahren, auch wenn die Einwohnerzahl abnimmt.

ZEIT ONLINE: Kostet diese Idee nicht extrem viel Geld?

Monheim: Diese Investitionen rentieren sich. Ein gutes Angebot kostet weniger Geld als ein mickriges, weil mehr Fahrgäste mehr Geld in die Kassen der Verkehrsbetriebe bringen. Bisher decken die Einnahmen im Schnitt nur 60 Prozent der Ausgaben, die Kreise und Gemeinden müssen die restlichen 40 Prozent übernehmen. Bei einem besseren Angebot reichen die Erlöse auch für 80 Prozent der Kosten. Im Gegenzug sinken die staatlichen Subventionen.

ZEIT ONLINE: Sind das Ergebnisse aus der Praxis oder schöngerechnete Prognosen?

Monheim: Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das grob aufs Land übertragbar ist. Anfang der neunziger Jahre haben viele Kleinstädte ihren innerstädtischen Busverkehr ausgebaut. Vorher fuhren jährlich rund 150.000 Kunden mit, pro Person mussten die Gemeinden sechs Mark zuschießen. Das summierte sich also auf 900.000 Mark. Nach der Umstellung stieg die Zahl der Fahrgäste auf zwei Millionen, und der städtische Zuschuss pro Kunde sank auf 20 Pfennig – das sind nur 400.000 Mark.

ZEIT ONLINE: Angenommen, in der Südeifel führe ab sofort von morgens bis abends alle 30 Minuten ein Bus. Reichte das allein schon aus, damit die Einwohner plötzlich den Nahverkehr nutzen?

Monheim: Wenn ich jederzeit überall hinfahren kann, ist das ein guter Anfang. Wir müssen auch die Infrastruktur verbessern. Wir brauchen zehnmal mehr Haltestellen als heute. Schwimmbäder, Supermärkte, Sehenswürdigkeiten – das müssen wir alles ans Busnetz anschließen.

ZEIT ONLINE: Wenn der Bus häufiger hält, ist er länger unterwegs. Das macht den Nahverkehr unattraktiv.

Monheim: Nein. Aus Studien wissen wir, dass Fahrgäste den Fußweg zur Haltestelle als unangenehmsten Faktor sehen. Wenn die Leute 800 Meter zur Haltestelle laufen müssen, das Auto aber vor der Türe steht, dann setzen sie sich doch in den Pkw. Deswegen müssen wir die Netze umstrukturieren.