Fahrzeuge werden grundsätzlich als Varianten weniger Modelle in gigantischen Stückzahlen in riesigen Fabriken hergestellt und weltweit abgesetzt? Nicht zwingend, fand der Amerikaner Jay Rogers – und kehrte das Prinzip der Massenproduktion um. Die Idee: Weil Mobilität an jedem Ort der Welt anders aussieht, baut Rogers' Firma Local Motors in kleinen Werken genau die Fahrzeuge, die es am jeweiligen Ort braucht, um Mobilitätslücken schließen oder einen Nischenbedarf abzudecken. So will sich das Unternehmen mit Hauptsitz in Phoenix/Arizona überall auf der Welt als Spezialist für maßgeschneiderte Verkehrslösungen empfehlen.

"Wir können im Prinzip alles bauen, vom Skateboard bis zum Satellit", sagt Florian Feise, Manager bei Local Motors in Berlin. Mit diesem Konzept will das US-Unternehmen in den nächsten zehn Jahren weltweit 100 solcher Microfactories aufbauen. Derzeit existieren vier von ihnen in den USA, wo Local Motors aktuell den Rally Fighter fertigt, eine bullige Mischung aus Sportwagen und Off-Roader. "Kein Fahrzeug, das die Welt retten wird", räumt Feise ein. "Aber eines, wie es sich so mancher Autofahrer im von Wüste geprägten Arizona wünscht."

Revolutionärer als das Ergebnis ist der Entwicklungsprozess, der dem Rally Fighter zugrunde liegt. Das Fahrzeug wurde im virtuellen Raum entworfen, mit allen Mitteln, die Open-Source-Software und Crowdsourcing bieten. Diese Ressourcen, die Kreativität von Tausenden Ingenieuren und Designern rund um den Globus, sind die tragende Säule im Geschäftsmodell, das sich Local-Motors-Gründer Rogers, von Hause aus Finanzanalyst, ausgedacht hat.

Entwicklung in die Community ausgelagert

Auf der Plattform des Unternehmens kann ein Kunde die Anforderungen an ein Fahrzeug beschreiben, das perfekt seinen Zwecken dient und das er bei keinem der großen Hersteller findet. Ist die Aufgabe gestellt, wird die Community aktiv. Zu der gehören inzwischen beinahe 50.000 Techniker, Designer und Kreative anderer Sparten aus rund 130 Ländern. Wer sich von dem ausgeschriebenen Projekt angesprochen fühlt, präsentiert Detaillösungen für Karosserie oder Technik, für Antrieb oder Ausstattung.

Sämtliche Vorschläge werden im großen Forum diskutiert, und am Ende wählen die Experten von Local Motors gemeinsam mit dem Auftraggeber die überzeugendsten aus. Der kreative Input wird kostenfrei geliefert – auf Basis der Creative-Commons-Richtlinien. Mit den Urhebern von Vorschlägen, die das Unternehmen realisieren will, werden Lizenzverträge ausgehandelt. Auf diese Weise entstand etwa der Rally Fighter in gerade mal 18 Monaten, von der Idee bis zum Serienstart. Die etablierten Autohersteller brauchen erheblich länger und benötigen dafür auch wesentlich mehr Kapital.

Für den Rally Fighter, von dem das Unternehmen rund 100 Stück pro Jahr produziert, kauft Local Motors noch komplett bei verschiedenen Automobil-Zulieferern ein. Doch schon das nächste Modell von Local Motors könnte aus dem 3-D-Drucker kommen. Dass man mithilfe dieser Technik Autos herstellen kann, haben Rogers und seine Leute im vergangenen Jahr auf der International Manufacturing Technology Show in Chicago gezeigt. Innerhalb von 44 Stunden spuckte dort der Drucker vor den Augen des Publikums die 49 Bauteile aus dem Kunststoff ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol) für das Elektroauto Strati aus.

Inzwischen ist Local Motors schon wieder einen Schritt weiter: Während Strati noch an ein Fahrzeug für den Golfplatz erinnert, hat das Unternehmen jetzt, dank der kreativen Community, auch einen highwaytauglichen Sportwagen im Angebot.