Radfahrer, haltet euch gefälligst an die Regeln!, kommentierte Matthias Breitinger und forderte mehr Polizeikontrollen. Darauf antwortet nun Hannes Leitlein.  

Wer in Deutschland Fahrrad fährt, muss Regeln brechen. Dabei geht es nicht um die wenigen Rad-Rowdies, die nachts ohne Licht oder im Gegenverkehr fahren. Sie bringen nicht nur sich, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr. Es geht um Alltagsradler, Kinder, Senioren – schlicht um alle, die Fahrrad fahren und sich dabei gerne an Regeln halten würden.

Doch die Infrastruktur für den Radverkehr ist derart schlecht, dass es kaum möglich ist, einen Kilometer zurückzulegen, ohne gegen Gesetze zu verstoßen. Die allermeisten Radwege sind so angelegt, dass man nicht regelkonform darauf radeln kann. Viele Städte malen sogenannte Schutzstreifen auf den rechten Fahrbahnrand; sie sind beliebt, weil sie billig sind. Hält man sich aber an den vorgeschriebenen Abstand zum rechten Fahrbahnrand von mindestens 80 Zentimetern, kennzeichnet genau die gestrichelte Linie die Ideallinie für den Radverkehr. Das Problem daran: Das funktioniert nur, wenn sich Autofahrer ebenfalls an ihren Mindestabstand von eineinhalb Metern halten.

Auf einer einspurigen Straße mit Gegenverkehr könnten Autofahrer dann aber nicht mehr überholen. Doch auf das erhabene Gefühl, an der nächsten roten Ampel wieder vorne zu stehen, wollen sie nicht verzichten. Lieber schneiden sie die Radfahrer, bremsen sie aus, hupen sie von der Straße, brüllen sie an oder verprügeln sie direkt.

Viele Radfahrer lassen sich davon einschüchtern und flüchten an den Fahrbahnrand, in die gefährliche Türzone parkender Autos oder verbotenerweise auf den Gehweg – zu ihrem eigenen oder dem Schaden der Fußgänger. Andere lassen das Rad gleich ganz stehen. Sie fürchten zu Recht um ihr Leben. Der Bundesregierung fällt dazu bisher nichts Besseres ein als eine lächerliche Helmkampagne, die an die Empfehlung erinnert, Frauen sollten doch besser keine zu kurzen Röcke tragen.

Gute Infrastruktur bringt die Leute aufs Rad

Hinzu kommt: Die wenigen Radwege in Deutschland sind bis auf Ausnahmen – mit denen sich die Kommunen gerne brüsten – in einem Zustand, der den Trend zum Mountainbike erklärt. Baumwurzeln machen sie zu Buckelpisten und Falschparker zu einem Hindernisparcours. Nicht ohne Grund sind die meisten Radwege in Deutschland nicht benutzungspflichtig. Die blauen Schilder werden bundesweit zurückgebaut, teils, weil die Kommunen beim Radverkehr geizen, teils, weil sie einsehen, dass ihre Radwege zu gefährlich sind.

Gerade Kinder und Senioren müssen sich fortbewegen können, ohne ständig um ihr Leben zu fürchten. Egal ob zu Fuß oder auf dem Rad. Und wo die richtige Infrastruktur geschaffen wird, lassen immer mehr Erwachsene ihr Auto stehen. Das demonstrieren selbst vermeintlich fahrradunfreundliche Städte wie Wuppertal. Mit ihrer steigungs-, kreuzungs- und vor allem autofreien Nordbahntrasse – einer umgebauten ehemaligen Eisenbahnstrecke – hat die bergische Stadt ungeheuer an Lebensqualität gewonnen.

Wo keine brachliegenden Bahntrassen vorhanden sind, sollten Städte mehr Straßen für den Autoverkehr sperren, wenn es alternative Routen gibt. In europäischen Städten liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit beim Radfahren ohnehin auf einem Niveau mit dem zähfließenden Autoverkehr oder ist sogar höher. In Berlin fahren Autos durchschnittlich mit 24, in London sogar mit nur 19 km/h – Stadtautobahnen eingerechnet. Verkehrsforscher empfehlen inzwischen sogar, manche Regeln, die im motorisierten Verkehr Sinn ergeben, für Radfahrer aufzuheben – etwa das absolute Verbot, rote Ampeln zu überqueren. Paris und Basel machen bereits gute Erfahrungen damit.

Fußgänger und Radfahrer sind keine Feinde. Das zeigen Orte wie das Tempelhofer Feld in Berlin oder die Nordbahntrasse in Wuppertal, wo die gemeinsame Fortbewegung meist sogar ganz ohne großes Regelwerk funktioniert. Schwierig wird es nur, wenn Fußgänger und Radfahrer zusammen auf einen schmalen Randstreifen der Straße gepfercht werden, um möglichst viel Platz für noch mehr parkende Blechkisten zu schaffen.

Das Zusammenleben auf Deutschlands Straßen funktioniert nur, wenn sich alle an die Regeln halten. Doch dafür muss gewährleistet werden, dass sich alle an die Regeln halten können.