Der Straßenverkehr in Deutschland unterliegt festen Regeln. Nur für Radfahrer scheinen die nicht wirklich zu gelten. Gerade in Großstädten wie Berlin ist die Straßenverkehrsordnung für viele offenbar nur ein lästiges Fremdwort. Als Fußgänger wird man von Zweirad-Rambos geschnitten, an der Bushaltestelle wartend beinahe umgefahren, und rote Ampeln sind für viele nur eine unverbindliche Empfehlung.

Gewiss, es mag Radfahrer nerven, wenn sie bis zum Stand bremsen und anschließend sich und ihr Rad aus eigener Kraft wieder von 0 auf 25 km/h bringen müssen. Aber so funktioniert komplexer Straßenverkehr nun einmal. Viel mehr nervt es aber die anderen Verkehrsteilnehmer, wenn Radfahrer glauben, sie hätten Vorrang vor allen anderen und könnten alle Regeln der Rück- und Vorsichtnahme missachten.

Besonders gefährlich kann es werden, wenn Radfahrer auf dem Gehweg unterwegs sind. Es wäre nicht weiter verwerflich, wenn sie sich bewusst wären, dass sie gerade von den Fußgängern lediglich geduldet werden, und darum ihren Fahrstil anpassen würden. Rücksichtsvoll, vorsichtig und langsam – eben dem Tempo der Gehenden angepasst – kann man auch auf dem Gehweg radeln. Auch wenn es eigentlich verboten ist.

Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Viele reduzieren ihre Geschwindigkeit kaum, und die Fußgänger fühlen sich wie die Slalomstangen beim Hahnenkammrennen. Auch hier ist es reiner Egoismus, der die Radler auf den Gehweg treibt. Es ist uns Fußgängern aber herzlich egal, ob Euch die Pflastersteine auf der Fahrbahn stören.

Vor einem Jahr starb in Berlin ein 70-Jähriger nach der Kollision mit einem Radfahrer an einer Bushaltestelle, an der ein Radweg vorbeiführte. Auch für Radler gilt Artikel 1 der Straßenverkehrsordnung: "Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird." Eine schlichte Grundregel – die selbst dann gilt, wenn man sich im Recht fühlt oder meint, Vorfahrt zu haben.

Bei manchen Fahrradfahrern hat man allerdings den Eindruck, dass er oder sie sich eines Regelverstoßes gar nicht bewusst ist. Wie offenbar eine Radfahrerin, die auf einem Radweg unterwegs war, der zwischen Bushaltestellen und Straße entlangführte. An einem Haltepunkt stieß sie, ohne ihr Tempo gedrosselt zu haben, mit einem Aussteigenden zusammen, verletzte sich – und verklagte anschließend den Busfahrgast auf Schmerzensgeld. Das Gericht sah jedoch 80 Prozent Verschulden bei ihr.

Die meisten Radfahrer kennen die Regeln

Das Problem ist: Radfahren ist scheinbar einfach. Wer es einmal gelernt hat, verlernt es nicht, setzt sich einfach auf den Sattel und radelt los. Vielen ist dabei offenbar nicht klar, dass sie sich in einen komplexen Straßenverkehr begeben, der nur funktionieren kann, wenn alle sich an Regeln halten: rechts vor links, Vorfahrt achten auf untergeordneten Straßen, warten an Bushaltestellen, wenn gerade ein Bus hält.

Doch wer bringt einem diese Regeln bei? Beim Autofahren übernimmt das die Fahrschule mit ihrem Theorieunterricht. Aber fürs Fahrrad? Man darf zu Recht erwarten, dass diejenigen, die anderen das Radfahren beibringen – in vielen Fällen wohl die Eltern ihren Kindern –, auch die Verkehrsregeln vermitteln. Und ebenso darf man von denen, die sich aufs Rad setzen, erwarten, dass sie sich mit dem groben Regelwerk vertraut gemacht haben, ehe sie sich ins Gewühl der Straße stürzen. Den Erfahrungen der Berliner Polizei zufolge sind mangelhafte Regelkenntnisse aber eher die Ausnahme – die meisten, die bei Kontrollen wegen Verstößen angehalten wurden, hätten durchaus Bescheid gewusst.

Natürlich kann man an das Verantwortungsbewusstsein der "Ich-gehe-vor"-Radler appellieren, von ihnen Rücksicht fordern. Doch das wird sie nicht interessieren. Hier tut Aufklärung not – und zwar nicht nur über die Regeln, sondern auch darüber, welche saftigen Bußgelder bei bestimmten Verstößen drohen. Allerdings muss auch die Polizei stärker kontrollieren. Solange Radler das Gefühl haben, die Straßenverkehrsordnung existiere lediglich auf dem Papier und Regelbrüche blieben meist folgenlos, wird man als Fußgänger weiter Angst vor den Rambos auf zwei Rädern haben.

Mehr zum Thema "Aggressionen im Straßenverkehr":

Verkehrssicherheit - Wenn Straßenverkehr Aggressionen weckt