Wichtige Bahnstrecken in Deutschland sind vollkommen überlastet, doch die Deutsche Bahn AG schafft es nicht, die betroffenen Schienen und Bahnhöfe auszubauen und zu modernisieren. Seit Jahren verwaltet sie den Stau, statt ihn zu beheben. Das belegen Daten, die ZEIT ONLINE ausgewertet hat. Die Folge sind immer neue Verspätungen im Fern-, Nah- und Güterverkehr.

Seit 2007 meldete die Bahn der Bundesnetzagentur und dem Eisenbahn-Bundesamt jedes Jahr neue "überlastete Schienenwege", insgesamt 15 zentrale Strecken und zwei wichtige Bahnhöfe. Ihre Kapazität genügt längst nicht mehr, um den vorhandenen Bedarf zu decken. Keine der gemeldeten Strecken konnte bisher wieder von dieser Liste gestrichen werden.

ZEIT ONLINE hat Daten der beiden Aufsichtsbehörden ausgewertet. Sie zeigen: Vor allem im Güterverkehr kommt es auf den überlasteten Strecken zu verlängerten Fahrtzeiten von bis zu 130 Minuten, Güterzüge müssen teilweise weite Umwege fahren. Nahverkehrszüge dürfen nicht mehr an jeder Station halten, weil die Strecke dann zu lange blockiert wäre.

Die Daten entstammen einer kleinen Anfrage, die die Bundestagsfraktion der Grünen an die Bundesregierung gerichtet hatte. Die so gewonnenen Informationen enthüllen, dass beispielsweise der Hamburger Hauptbahnhof seine Belastungsgrenze erreicht hat. Züge, die im Bahnhof ihre Lok wechseln müssten oder die nicht entgegen der Fahrtrichtung wieder hinausfahren können, weil sie nur einen Steuerwagen haben statt zwei, werden dort deshalb grundsätzlich "nachrangig behandelt". Das gleiche Schicksal ereilt Nahverkehrszüge, die den ganzen Bahnsteig belegen und ihn sich nicht mit einem weiteren Zug teilen können.

Diese Bahnstrecken sind überlastet

Hamburg ist kein Einzelfall. Im Bahnhof Berlin-Spandau verbietet es die Bahn von morgens fünf Uhr bis abends um 22 Uhr, dass Züge dort wenden. Sie dürfen dort außerdem höchstens fünf Minuten am Bahnsteig stehen.

Die Überlastungen betreffen auch wichtige Fernverkehrsachsen. Drei Strecken im Dreieck Gemünden-Würzburg-Fürth-Bamberg sind so stark belegt, dass langsame Güterzüge über weite Umwege geschickt werden, um diese Engpässe nicht noch weiter zu verstopfen. Für Fahrten von Norddeutschland nach Passau empfiehlt die für das Schienennetz zuständige Bahntochter DB Netz AB sogar eine weitläufige Umfahrung über Leipzig, Hof und Regensburg. Ähnliches gilt für die vielgenutzte Verbindung von Hamburg über Uelzen nach Hannover oder für die von Frankfurt am Main via Fulda nach Kassel. Jedes Mal schlägt DB Netz weiträumige Umwege vor. Sie führen dann oft über Strecken, die für einen schnellen Verkehr wenig geeignet sind, was die Fahrt der betroffenen Züge noch mehr verlangsamt.

Jedes Jahr neue Staustellen

All diese Staustellen sind seit Jahren bekannt, keine hat die Bahn bislang entschärft. Vielmehr kommen jährlich neue hinzu. Seit dem vergangenen Jahr gilt die wichtige Pendlerstrecke von Köln durch das Ruhrgebiet bis nach Dortmund ebenfalls als offiziell überlasteter Schienenweg. Sie ist eine zentrale Verbindung für rund elf Millionen Menschen in dieser Region. Gleichzeitig drängen Fernverkehrszüge aus  Berlin, Hamburg oder dem Rhein-Main-Gebiet auf diese Linie. Inzwischen ist es unmöglich geworden, zusätzliche Züge fahren zu lassen.

Nicht nur die Bahn ist von diesen Engpässen betroffen. Private Eisenbahnunternehmen haben kaum noch eine Chance, ihren Reisenden besseren Verbindungen auf den betroffenen Strecken anzubieten. Firmen, die ihre Güter via Schiene transportieren, können den Staus ebenfalls nicht entgehen. Für sie ist das Problem sogar noch dramatischer, da sie nicht einmal in Erfahrung bringen können, wann welche Strecken zugestaut sind. Unternehmen kaufen bei der Bahn üblicherweise freie Zeiten, innerhalb derer sie ihre Züge von einem Standort zum nächsten schicken. Doch nach Aussage der DB Netz gibt es keine Gesamtübersicht, die vor überlasteten oder auch stark ausgelasteten Strecken warnt.

Die Deutsche Bahn hat zwar für alle gemeldeten Passagen Vorschläge vorgelegt, wie die Überlastung behoben werden könnte. Überholgleise etwa, oder gleich einen zwei- oder viergleisigen Ausbau. Bisher ist jedoch keiner dieser Vorschläge so weit umgesetzt worden, dass die Überlastungsmeldung hätte aufgehoben werden können.

Die Grünen kritisieren das. "Kurzfristige betriebliche Maßnahmen wie die Einschränkung des Güterverkehrs oder die Beschränkung der Halte im Nahverkehr sind nicht hinnehmbar. Sie werden das Problem auf Dauer nicht lösen", warnt deshalb Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Grünenfraktion. "Deutschland braucht dringend ein leistungsfähiges Schienennetz, um den prognostizierten Verkehr auch wirklich aufnehmen zu können."

Der Stau ist selbst gemacht. Hier wirkt sich aus, dass in den vergangenen Jahren von Bund und Bahn zu wenig ins Schienennetz investiert wurde. Dadurch fehlt es nicht nur an zusätzlichen Gleisen auf stark befahrenen Strecken. Vielmehr ist auch fast ein Drittel aller Eisenbahnbrücken in einem bedenklichen Zustand, viele davon gelten sogar als nicht mehr sanierungsfähig. Insgesamt schätzt die Deutsche Bahn 1.148 Brücken als so kritisch ein, dass sie wirtschaftlich nicht mehr zu retten sind und ersetzt werden müssen. Darüber hinaus musste die Bahn die Geschwindigkeit ihrer Züge innerhalb von nur eineinhalb Jahren 586 Mal drosseln. Nicht, weil eine Baustelle den Zug gebremst hätte, sondern weil die Strecke beschädigt war. So stark, dass es zu gefährlich gewesen wäre, in normalem Tempo darüber hinwegzurollen.

Jüngst gab die Bahn selbst zu, dass ein "unseliger Mix aus Störfaktoren" dazu führe, dass fast jeder dritte Zug im Fernverkehr zu spät unterwegs sei. Seit März habe die Bahn ihr selbstgestecktes Ziel nicht mehr erreicht, dass 80 Prozent der Züge im Fernverkehr planmäßig an ihren Zielen ankommen.

Gegenwärtig erstellt das Verkehrsministerium in Berlin einen neuen Bundesverkehrswegeplan. Darin werden alle wichtigen Bauprojekte für Straßen und Schienen verzeichnet. Allerdings heißt das nicht, dass die Schäden auch behoben werden. Der bislang letzte Plan dieser Art war 2003 geschrieben worden. Noch sind jedoch längst nicht alle Projekte von damals abgearbeitet.

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