70 Jahre alt ist Mary Nichols im April geworden. Doch sie kämpft noch immer. Aufrecht steht die kleine Frau am Rednerpult, die Haare kurz geschoren, und erläutert ihren Plan. Der will nicht weniger, als die zurzeit so heftig diskutierten Dieselmotoren in Pkws gänzlich aus der Welt schaffen. Mehr noch: Wenn es nach ihr geht sollen in zehn, fünfzehn, spätestens jedoch in 25 Jahren alle Verbrennungsantriebe von der Straße verschwunden sein.

Nichols leitet die kalifornische Luftreinhaltungsbehörde California Air Resources Board (CARB). Eben noch war sie in Detroit. Nun ist sie nach San Francisco gekommen, um vor deutschen und amerikanischen Journalisten zu erklären, wie ihr Plan gelingen kann. Seit vielen Jahren schon verfolgt Nichols ihr ehrgeiziges Ziel. "Wir versuchen, eine internationale Industrie in eine neue Richtung zu lenken", sagt sie. Die Autobauer dieser Welt sollen sich langfristig darauf konzentrieren, Elektrofahrzeuge zu produzieren.

Der Skandal um manipulierte Abgastests bei Volkswagen hat Nichols ihrem Ziel einen großen Schritt näher gebracht. "Kalifornien, Europa, die ganze Welt erlebt gerade einen entscheidenden Moment." Und Nichols will ihn nutzen. "Wir untersuchen zurzeit alle Dieselfahrzeuge, die in Kalifornien gefahren werden und werden in den kommenden Monaten Resultate vorlegen." Wie sie ausfallen werden, will Nichols nicht voraussagen. Klar ist aber, dass Kalifornien seine Abgasgrenzwerte weiter verschärfen wird. Die Wirkung dessen wird man weit über die Grenzen des Staats hinaus spüren.

Gemeinsam mit der amerikanischen Umweltbehörde EPA war die CARB maßgeblich daran beteiligt gewesen, den Manipulationsskandal bei Volkswagen aufzudecken. Nichols Behörde war Hinweisen des International Council on Clean Transportation (ICCT) nachgegangen. Diese unabhängige Umweltschutzorganisation hatte gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität von West Virginia festgestellt, dass die Ergebnisse von Labor- und Straßen-Abgastests bei einigen VW-Dieselfahrzeugen weit auseinander liegen. Lange hatten Nichols Mitarbeiter angenommen, dass es sich bei dem Fehler um einen mechanischen Mangel der Motoren handeln müsse. Doch seit Mai 2015 habe ihre Behörde den begründeten Verdacht gehabt, dass Volkswagen einen Softwarebetrug begangen habe, sagt Nichols.

Im September gab Volkswagen schließlich zu, dass die Ingenieure des CARB richtig lagen. Den manipulierten Code allerdings hat bislang außerhalb des Konzerns niemand gesehen. "Wir haben keinen Zugang zu der Software", sagte Nichols ZEIT ONLINE. So können wichtige Kernfragen des Skandals weiterhin nicht beantwortet werden: Wie funktioniert die Betrugssoftware genau? Und ist der Code in einem Standard verfasst, der auch von anderen Herstellern verwendet wird?

Nichols lässt ihre Ingenieure weiter nach Antworten auf diese Fragen suchen. Für sie ist der Fall mit dem Geständnis von Volkswagen längst noch nicht beendet. Und sie ist für ihre Hartnäckigkeit bekannt. Nicht zufällig nannte sie die Los Angeles Times einen "Rockstar" unter den Umweltschützern, das Time Magazine zählte sie 2013 zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten des Planeten.

Kampf gegen den Smog

Nichols Karriere begann in den 1970er Jahren just auf dem Posten, den sie heute wieder inne hat. Gouverneur Jerry Brown hatte sie damals berufen. Heute regiert er Kalifornien abermals. Schon damals hatte sie den Kampf gegen den Smog in den großen Städten des Pazifikstaats aufgenommen. Später führte sie ihre Karriere durch verschiedene große Umweltschutzorganisationen; unter Präsident Bill Clinton arbeitete sie in der nationalen Umweltschutzbehörde. 2007 berief Arnold Schwarzenegger, damals Gouverneur in Kalifornien, Nichols wieder zur Leiterin des CARB. Ihr Auftrag: Sie sollte ein Gesetz umsetzen, das den Staat zu einer massiven Reduktion von Treibhausgasen bis 2020 verpflichtet.

Nichols hat dazu eine einfache Rechnung aufgemacht. Rund 40 Prozent des Treibhausgas-Ausstoßes in Kalifornien produziere der Automobilverkehr. Also müsse auch die Menge der Autoabgase gedeckelt werden. Diese Forderung verfolgt die Chefregulatorin mit großer Konsequenz. Das macht Nichols stark in der Auseinandersetzung mit der Autoindustrie. "Ich habe immer auf dem Standpunkt gestanden, dass Regeln nur Sinn machen, wenn man sie auch durchsetzen kann", sagt sie.

Für Volkswagen bedeutet das: Das Unternehmen hat nun Zeit bis zum 20. November. Dann muss es einen Plan vorlegen, wie die manipulierten Autos nachgerüstet werden können. "Wenn es keine technische Lösung gibt, drohen die Stilllegung der Wagen und straf- sowie zivilrechtliche Auseinandersetzungen", warnt Nichols. Sie will das nicht als Angriff auf einen einzigen Autobauer verstanden wissen. "Wir haben nicht Volkswagen verfolgt." Vielmehr sei ihre Behörde dafür zuständig, dass die Regeln der Luftreinhaltung beachtet würden. "Wir testen alle Diesel-Fahrzeuge, die in Kalifornien verkauft werden. Volkswagen baute einfach nur die ersten Autos, bei denen wir etwas gefunden haben." Sie sei auch nicht generell gegen den Dieselantrieb. Die Unternehmen könnten selbst wählen, welche Motoren sie einsetzten, um die Regeln einzuhalten.

Kalifornien ist beliebtes Testfeld

Die Autohersteller dürften solche Worte als Drohung verstehen. Denn Nichols besitzt eine scharfe Waffe. "Die größte Macht, die wir haben, ist zu entscheiden, was in Kalifornien verkauft werden darf", sagt sie. Kalifornien alleine macht jedoch schon mehr als zehn Prozent des amerikanischen Automarktes aus. Zudem übernehmen zwölf weitere Staaten an der Ost- und der Westküste regelmäßig die kalifornischen Standards. Für die Regierung in Washington ist Kalifornien schließlich ebenfalls ein beliebtes Testfeld. Was hier funktioniert, geht häufig in Bundesgesetze ein. Wer in Amerika also weiterhin Autos verkaufen will, kommt an Nichols' Regeln nicht vorbei.

Es sei denn, er baut keine Klein- oder Mittelklasse-Autos, sondern Trucks. Viele der unter Amerikanern sehr beliebten Pritschenwagen fahren ebenfalls mit Diesel und verbrauchen wesentlich mehr Treibstoff als andere Autos. Doch in der Schadstoff-Regulierung bilden sie eine eigene Klasse, die weit weniger streng eingestuft ist als gewöhnliche Pkws. Nichols ficht das nicht an.

Sie hat schon ein neues Ziel ausgemacht: den Flugverkehr. Viel zu viele Flugzeuge verkehrten zwischen den großen Städten ihres Bundesstaats und produzierten große Mengen an Treibhausgasen. Doch auch hier könnte Kalifornien ein Signal für ganz Amerika setzen. Zwischen Los Angeles und San Francisco soll eine Strecke für Hochgeschwindigkeitszüge gebaut werden. Wann sie fertig sein wird, ist noch offen. In der Innenstadt von San Francisco wird aber schon kräftig am neuen Bahnhof gearbeitet.