Mehr als drei Jahre Lieferzeit für ein Massenmodell, das akzeptierten bundesdeutsche Autokäufer bislang nur einmal: Die im November 1975 präsentierte Mercedes-Baureihe W 123 war begehrter als bis dahin alle anderen Stuttgarter Sternträger. Was machte sie so unwiderstehlich? Mercedes-Benz bewarb die Limousine zur Markteinführung als "das neue Maß der Mittelklasse", und in der Tat hatten die Ingenieure die Baureihe in einer außergewöhnlich langen Entwicklungszeit von acht Jahren auf die Mission als qualitatives Musterbeispiel vorbereitet. Was sich zum Beispiel in der neuartigen Sicherheitslenksäule spiegelte, die beim Frontalaufprall seitlich wegknickte.

Zum Erfolg der Modelle 200 bis 280 E (Vier- und Sechszylinder-Benziner) und 200 D bis 300 D (Vier- und Fünfzylinder-Diesel) trug der betont bürgerliche Auftritt bei, der gediegene Chromglanz ohne Protz, vor allem aber ihre einzigartige Verlässlichkeit. Eine Fachzeitschrift ermittelte, dass die Fahrer eines 200 D rein rechnerisch mehr als 850.000 Kilometer fahren mussten, um jemals von einer Panne betroffen zu sein. Eine Prüforganisation bescheinigte 1984 sogar noch acht Jahre alten 123ern die wenigsten Mängel im Ranking der gesetzlichen Hauptuntersuchung.

Im Vergleich zu Rost und Pannen, von denen viele Wettbewerber geplagt wurden, litten die Mercedes-Fahrzeuge nur unter kleinen Schwachstellen – weshalb die Stuttgarter Autos als einzige Pkw den harten arktischen Alltag auf den Geröll- und Eispisten Spitzbergens nahe des Nordpols bewältigten und als altgediente Gebrauchtwagen oft noch lange in afrikanischen Wüsten oder Steppen unterwegs waren.

Kein Wunder, dass die gleichermaßen langlebigen wie genügsamen 123er später ihren Vorgängern, den sogenannten Strich-acht-Modellen, folgten und zu einem Kultfahrzeug der Klassikerszene avancierten. Heute sind Mercedes der Baureihe W 123 die zweithäufigsten Oldtimer nach dem Käfer. Aktuell verfügen mehr als 15.500 Mercedes W 123 über ein H-Kennzeichen.

Der sparsamste Diesel seiner Zeit

Die billigsten Versionen 200 und 200 D begannen bei Preisen von knapp 19.000 Mark, und auch die anderen Vierzylinder (230, 220 D und 240 D) waren nicht wesentlich teurer. Keine Überraschung deshalb, dass Mercedes seine marktbeherrschende Stellung im Taxigeschäft mit dem W 123 weiter ausbaute. Doch auch im Privatkundengeschäft war der Mercedes in der oberen Mittelklasse führend, zumal das Modell optisch der 1972 eingeführten Oberklasse (S-Klasse, W 116) ähnelte.

Preislich nahm es ein voll ausgestatteter 280 E aber auch leicht mit Autos der Sonderklasse auf. Kostete der 280 E "nackt" nur 26.895 Euro, waren es mit Extra bis zu 62.000 Euro. Dafür gab es alternativ auch einen Zwölfzylinder-Jaguar, einen Lamborghini Jarama oder gleich zwei Exemplare der 3,0-Liter-BMW-Spitzenmodelle.

Kombivariante des W 123 von Mercedes-Benz © Hersteller

In Geduld übten sich dagegen vor allem die Taxifahrer des anfangs nur 40 kW (55 PS) leistenden Dieselmotors 200 D. 31 Sekunden benötigte der Motor, ehe er die Limousine vom Stand auf 100 km/h gebracht hatte. Dafür war der Selbstzünder extrem sparsam: 8,3 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer lautete der Normwert, bescheidener war kein anderer Dieselmotor. Meistverkaufter Diesel war aber der 240 D, dessen Langlebigkeit Legende war. Eine halbe Million Kilometer waren für den Vierzylinder fast schon Pflicht.

Kurzzeitig erwog Mercedes-Benz für sein Erfolgsmodell sogar ein praktisches Karosseriekennzeichen der Kompaktklasse: eine Fließheckvariante. Auf diese wurde im Herbst 1977 aber zugunsten des ersten Mercedes-Kombis aus Werksproduktion verzichtet. Erst dieses im neuen Werk Bremen gebaute T-Modell (T steht für Tourismus und Transport) machte Kombis endgültig lifestylefähig, weshalb Audi und BMW in den 1980er Jahren schließlich nachzogen.

Mercedes-Benz W 123 mit besonders langem Radstand © Hersteller

1977 lancierte Mercedes außerdem eine Langversion mit größerem Radstand, die vor allem von Hotels und Staatsführungen geschätzt wurde. Damit war die Modellpalette noch nicht komplett. Hinzu kamen die Fahrgestelle für Pickups, Krankenwagen, Bestattungsfahrzeuge und andere Sonderaufbauten, die diesen Mercedes so vielseitiger machten als alle seine Vorgänger. Der Erfolg der Baureihe war beachtlich. Im Jahr 1980 musste der traditionelle Tabellenführer VW Golf erstmals Mercedes die Spitzenposition in der Liste der meistverkauften deutschen Autos überlassen.

Zwei Modellpflegen und motorische Aktualisierungen genügten, um die Baureihe frisch zu halten. Ab 1980 bot Mercedes-Benz auf Wunsch ein ABS-Bremssystem an, 1982 wurden Airbags optional lieferbar. Erst im Herbst 1984 wurde der W 124 als Nachfolger präsentiert. Allerdings wies dieser ein paar Kinderkrankheiten auf – dem etwas unglücklichen Auftakt der neuen Generation haben es die 123er wahrscheinlich zu verdanken, dass sie den Nimbus als Inbegriff aller Mercedes festigen konnten. Anfang 1986 lief der letzte W 123 vom Band, nach beinahe 2,7 Millionen gebauten Exemplaren.