Der Suzuki Lapin ist vor allem bei Japanerinnen beliebt. © Hersteller

Wer sich als Tourist aus Europa hinauswagt, merkt schnell, dass die globale Autowelt vielfältiger ist, als es unsere ewigen Kompaktwagen mit Heckklappe, Mittelklasse-Kombis und Pseudo-Geländewagen vermuten lassen. In Russland zum Beispiel gilt man – zumindest ab einer gewissen Status- und Einkommensklasse – offenbar nur etwas, wenn man ein riesiges schwarzes Luxus-SUV mit maximal verdunkelten Scheiben fährt. In anderen Ländern dominieren Marken, die sich bei uns zurückgezogen haben. Chevrolet etwa dominiert das zentralasiatische Usbekistan.

Doch in kaum einem anderen Land – noch nicht einmal in China oder Korea – wirkt das Straßenbild auf den europäischen Betrachter so irritierend wie ausgerechnet im wirtschaftlich nach westlichen Werten ausgerichteten Japan. Dort fahren ihm ständig Fahrzeuge über den Weg, die wie aus einem Micky-Maus-Heft entsprungen wirken: kurz und schmal, mit ungewöhnlichen Formen und in ungeheurer Vielfalt.

Diese Fahrzeuge bilden das Segment der sogenannten Kei-Cars. Dem Japan-Besucher huscht bei deren Anblick schnell ein leicht abschätziges Lächeln übers Gesicht, doch die Kei-Cars sind ein typisches Beispiel dafür, wie praktisch man in Japan Probleme angeht. Wie so vieles in diesem Land sind auch sie letztlich ein Produkt des ewigen Platzmangels. Die Bevölkerungsdichte liegt durchschnittlich um rund 50 Prozent über der im dicht besiedelten Deutschland. Da aber praktisch nur die Küsten wirklich besiedelt sind und dort alle großen Städte liegen, herrscht im urbanen Japan stets eine drangvolle Enge.

Da lag die Idee nahe, Autos möglichst klein und schmal zu halten und den Kauf solcher Fahrzeuge mit Anreizen zu versehen. So entstanden die Kei-Cars (von keijidosha, leichtes Automobil). Sie dürfen heute nicht länger als 3,39 Meter sein – rund 60 Zentimeter kürzer als ein VW Polo – und nicht breiter als 1,475 Meter. Zudem darf der Motor nicht mehr als 660 Kubikzentimeter Hubraum haben und höchstens 47 kW (64 PS) leisten. Zum Vergleich: Der aktuelle Smart-Zweisitzer in Deutschland erfüllt zwar mit seinen 2,70 Metern Länge die Vorgabe, ist mit 1,66 Metern aber breiter als erlaubt; zudem wäre der Smart-Motor zu groß, um den Wagen in Japan zum Kei-Car zu machen.

Die Abmessungen wurden im Laufe der Zeit stufenweise nach oben angepasst, zuletzt 1998. Ein Kei-Car aus dem Jahr 1949 zum Beispiel wirkt aus heutiger Sicht mit seiner Maximallänge von 2,80 Meter und einer Breite von gerade mal einem Meter tatsächlich wie ein etwas zu groß geratenes Spielauto.

Sitzbezug mit Blumenmustern

Die Kei-Cars haben in Japan große Bedeutung. Hersteller Suzuki zum Beispiel verkaufte im vergangenen Jahr in Japan 756.000 Fahrzeuge, 92 Prozent davon waren Kei-Cars. Geliebt werden die Kleinstwagen von ihren Fahrern nicht allein aus Kostengründen. Natürlich sind sie preiswerter als ein Kompakt- oder Mittelklassemodell, vor allem aber benötigt man für sie nicht den ansonsten vorgeschriebenen Nachweis eines Parkplatzes. Und einen Steuerabschlag gibt es auch.

Das gesparte Geld wird gerne in Ausstattung investiert. Darum gibt es bei Kei-Cars eine ungeheure Vielfalt und überraschend viel Ausstattungsoptionen. Man findet Versionen mit Allradantrieb genauso wie welche mit Xenon-Licht, Automatikgetriebe, elektrischen Schiebetüren oder sogar mit einem automatischen Bremssystem.

Suzuki schafft es zum Beispiel, auf einer Kei-Car-Plattform sechs verschiedene Karosserieversionen aufzubauen. Der Autobauer bietet eine Art SUV-Minivan an, auf Wunsch sogar mit Allradantrieb. Der Lapin ist dagegen vor allem bei Japanerinnen beliebt, ihn gibt es in verschiedenen Bonbontönen und mit einer versteckten Schublade für Schmuck, wobei man sich natürlich fragt, ob diese Schublade nicht jedem Dieb dann doch bekannt sein müsste. Sitzbezüge mit Blumenmustern unterstreichen, dass zwischen dem Geschmack einer Europäerin und einer Japanerin noch mehr liegt als zehn Stunden Flug.