Ziemlich optimistisch war der neue Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller in die USA gereist. Er und seine Entourage meinten, den US-Umweltbehörden Carb und EPA einen überzeugenden Rückrufplan für die mit einer Schummelsoftware ausgerüsteten Diesel aus dem Konzern vorgelegt zu haben. Jetzt sollte der Chef selbst auf der Automesse in Detroit und in Gesprächen mit Behörden und Politikern in Washington die Amerikaner vom neuen geläuterten Geist in Wolfsburg überzeugen.

Der schöne Plan ist gründlich daneben gegangen. Zwar startete Müller in Detroit – wie allseits erwartet – mit einer umfassenden Entschuldigung, doch dann vertat er sich bei einem Radiointerview gründlich. Plötzlich schien den deutschen Übeltätern die Einsicht über ihr betrügerisches Vorgehen bei der Zulassung ihrer US-Diesel abhanden gekommen. Da blitzte sie wieder auf, die Arroganz der von sich selbst überzeugten deutschen Ingenieure. Müller relativierte seine Entschuldigung und lenkte damit erst recht die Aufmerksamkeit auf seinen Fauxpas.

Tags drauf gab die kalifornische Umweltbehörde Carb ein vernichtendes Urteil über die noch im vergangenen Jahr von VW eingereichten Rückrufpläne für rund eine halbe Million manipulierte Dieselautos bekannt: lückenhaft, zu wenig detailliert, nicht nachvollziehbar seien diese – und deshalb nicht genehmigungsfähig. Die umfassende Kritik war zu gut vorbereitet, als dass sie von Müllers Fehltritt in Detroit beeinflusst gewesen sein könnte.

Die Wolfsburger müssen nachliefern

Die Diskrepanz zwischen den Wolfsburger Erwartungen und den US-Reaktionen zeigt aber mehr als deutlich: Die VW-Techniker haben es noch nicht gelernt, die Forderungen ihrer amerikanischen Prüfer richtig einzuschätzen. Diese wollen alles ganz genau wissen, jedes technische Detail, auch wenn dies aus VW-Sicht überzogen sein mag. In Kalifornien und Washington gibt es eben keinen Vertrauensvorschuss mehr, schon gar nicht für deutsche Ingenieure. Was beim Flensburger Kraftfahrt-Bundesamt funktioniert, muss deshalb noch lange nicht bei den US-Behörden klappen.

Die Wolfsburger müssen jetzt nachliefern, und zwar zügig. Die Türen haben die US-Behörden trotz aller Kritik nicht zugeschlagen. Immerhin gab es am Mittwoch nach dem einstündigen Gespräch Müllers mit der EPA-Chefin Gina McCarthy in Washington keine weitere Hiobsbotschaft. Beide Seiten gaben lediglich bekannt, dass sie das Gespräch "geschätzt" hätten.

USA - VW ohne Dieselautos in Detroit Der Abgasskandal und niedrige Spritpreise machen es deutschen Autobauern immer schwerer, ihre Dieselfahrzeuge in den USA zu verkaufen. Auf der Auto Show in Detroit stellt Volkswagen erst gar keine vor.

Bleibt zu hoffen, dass Müller und seine Leute jetzt wirklich besser einschätzen können, was nötig ist, um mit den Amerikanern klarzukommen. Etwas mehr Einfühlungsvermögen könnte auf deutscher Seite nicht schaden. Weniger Arroganz, mehr Demut ist angesagt. Denn je früher die technischen Lösungen stehen, desto zügiger können auch die Entschädigungssummen und mögliche Strafzahlungen an die Kunden und Behörden in den USA ausgehandelt werden. Und erst dann werden die Folgen des Dieselskandals für die Zukunft des Konzerns absehbar. Teuer wird es allemal.

Der Aufsichtsrat wird Matthias Müller bei seiner Rückkehr sicher nicht mit Applaus empfangen. Doch wenn er die richtigen Lehren aus seinem US-Besuch zieht, kann er den nötigen Kulturwandel zu Hause in Wolfsburg umso entschiedener vorantreiben.