Wie unabhängig und damit glaubwürdig ist ein Test von Autowerkstätten, wenn derjenige, der ihn erstellt hat, zugleich die getesteten Leistungen anbietet? Mit dieser und ähnlichen Fragen kämpft der ADAC seit ziemlich genau zwei Jahren – seit erst die jahrelange Manipulation der ADAC-Automobilauszeichnung "Gelber Engel" und danach weitere Verfehlungen des Autoclubs aufflogen. Mit der Affäre rückten auch die vielen Tochterfirmen des ADAC in den Fokus.

Denn der größte Verein Deutschlands bietet seinen Mitglieder nicht nur Pannenhilfe, sondern auch Schutzbriefversicherungen und andere Finanzprodukte an. Zudem betreibt er noch eine Autovermietung. Damit ist künftig Schluss – zumindest indirekt. Der ADAC entwirrt sein Konzerngeflecht: Eine Drei-Säulen-Struktur soll dem schwer in die Krise geratenen ADAC den steuergünstigen Vereinsstatus sichern und das Image wieder aufpolieren.

Das Konzept: Die kommerziellen Aktivitäten werden in eine neue nicht börsennotierte Aktiengesellschaft ausgegliedert; daneben gibt es eine gemeinnützige Stiftung, in der unter anderem die Luftrettung des ADAC und die Hilfe für Unfallopfer angesiedelt sind, sowie der Verein mit seinen mehr als 19 Millionen Mitgliedern. Für die Reform bekam der Autoclub Lob von dem unabhängigen Beirat, den er für die Aufarbeitung des Skandals eingesetzt hatte. Der Beiratsvorsitzende Jürgen Heraeus, Vorsitzender von Unicef Deutschland, sagte, die Schritte seien Vorbild für ähnliche Vereine.

Hans-Jürgen Papier, der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, nannte das neue Konzept gar einen "großen Wurf". Er sei sicher, dass das Registergericht den Vereinsstatus des ADAC positiv beurteilen werde – derzeit prüft das Amtsgericht München den Fall noch. Kern der Frage, die im Zuge des Skandals aufkam: Betreibt der ADAC zu viele Geschäfte, um noch ein Verein zu sein? Ein sogenannter Idealverein darf sich zwar wirtschaftlich betätigen, doch diese Aktivitäten dürfen nicht der Hauptzweck des Vereins sein.

Der ADAC löst das Problem, in dem er alle Bereiche, die nicht unmittelbar zu seinem ideellen Vereinszweck gehören, in die AG steckt. An der wird der Verein zwar 74,9 Prozent halten, doch die rechtlich unabhängige Stiftung hat mit 25,1 Prozent eine Sperrminorität. "Damit ist ein unmittelbares Durchgriffsrecht des Vereins auf die wirtschaftlichen Unternehmen nicht mehr möglich", sagte Papier. Laut Heraeus gibt es künftig keine unzulässigen personellen Verflechtungen mehr.

Reformen sollen bis Ende 2016 umgesetzt sein

Um regeltreues Verhalten einzuhalten, hat sich der ADAC zudem einen Verhaltenskodex gegeben. Er klärt zum Beispiel, bis zu welchem Wert die Pannenhelfer von dankbaren Autofahrern Geschenke annehmen dürfen, und ordnet eine Karenzzeit von zwei Jahren an, wenn Politiker in ein ADAC-Amt wechseln wollen. Außerdem sollen Mitarbeiter über ein Whistleblower-System Fehlentwicklungen melden können.

Vor allem aber schreibt der Kodex die klare Trennung zwischen Verbraucherschutz und dem Anbieten eigener Leistungen vor. Das soll verhindern, dass der ADAC zugleich Produkte testet und anbietet – im Fall der Autowerkstätten hat der Verein schon beschlossen, "ADAC-Vertragswerkstätten" abzuschaffen, wie Transparency-Deutschland-Chefin Edda Müller berichtete. Auch Kindersitze werden nur mehr getestet und nicht mehr selbst angeboten. Umgekehrt verkauft der ADAC wegen der großen Nachfrage der Mitglieder weiterhin Schneeketten und Autobatterien, testet sie aber nicht mehr.

Müller lobte die Compliance-Regeln, betonte aber, es hänge nun von deren Anwendung an, ob der ADAC seine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen werde. Dafür hat der Automobilclub eine neue Compliance-Chefin eingestellt. Ansonsten besteht das Konzept aber erst einmal auf dem Papier. Der Beirat sieht in dem Transformationsprozess eine gewaltige Aufgabe, schließlich hat der ADAC fast 9.000 Mitarbeiter. Das Beratergremium zeigte sich aber zuversichtlich, dass bis Ende dieses Jahres das Reformwerk umgesetzt sei. Ab Juli sollen Verein, AG und Stiftung getrennt arbeiten.

Millionengewinne bleiben beim Club

Allerdings: Der Verein erhält von der Aktiengesellschaft nach wie vor den Großteil der Gewinne, nur zehn Prozent sollen dem Konzept zufolge an die Stiftung fließen. Das dürfte weiter für Unmut sorgen, denn in der Vergangenheit gab es immer wieder Kritik an steigenden ADAC-Mitgliedsbeiträgen, während die Gewinne aus den vielen Geschäften des Vereins sprudelten. Mitglieder kritisierten, dass sie nicht an den Gewinnen beteiligt würden. Vor zwei Jahren machten die kommerziell arbeitenden Bereiche, die jetzt in der eigenständigen AG gebündelt werden, einen Gewinn von 104,5 Millionen Euro.

Und was bleibt dem entschlackten Verein? Er konzentriere sich "auf seine originären Leistungen Hilfe, Rat und Schutz", sagte Jurist Papier. Er unterschlug eine der stärksten Rollen des ADAC: Wie früher wird sich der Club auch künftig politisch einmischen, Stellung beziehen zu öffentlich verhandelten Themen. Das sorgte in der Vergangenheit immer wieder für Diskussionen: Woher bezieht der ADAC seine Legitimation, für 19 Millionen Mitglieder zu sprechen, etwa wenn er Tempolimits auf Autobahnen ablehnt? Solcher Kritik begegnet der Verein künftig mit Empirie: Er will künftig erst die Meinung seiner Mitglieder repräsentativ erheben lassen und dann Stellung beziehen.