Die Zahl der Rückrufe ist in den letzten Jahren immens gestiegen. © Michael Buholzer/Reuters

Deutschlands Autohersteller blicken auf ein aktionsreiches Jahr zurück. Und das gilt im Wortsinne: Noch nie zuvor mussten die Unternehmen so viele Autos wegen technischer Mängel in die Werkstätten zurückrufen wie 2015. Die Datenbank des ADAC listet mehr als 170 Rückrufaktionen auf, von denen der Automobilclub im letzten Jahr erfahren hat. Das sind fast ein Drittel mehr als 2014.

Mit anderen Worten: Durchschnittlich jeden zweiten Tag mussten die Automarken Probleme an ihren Modellen einräumen und die Autobesitzer zur Reparatur in die Werkstätten bitten. Zu diesen öffentlich bekannt gewordenen Rückrufaktionen kamen allerdings noch unzählige Serviceaktionen, die Hersteller nicht publik machen. So bleibt unklar, wie viele Autofahrer wirklich von Qualitätsmängeln betroffen waren und mit ihren Wagen außerplanmäßige Werkstattstopps einlegen mussten.

In einer Auskunft an den Bundestagsabgeordneten Markus Tressel (Grüne) sprach das Bundesverkehrsministerium von rund 940.000 Fahrzeugen, die allein im ersten Halbjahr 2015 per Rückruf- und Serviceaktion nachgebessert werden mussten. Zum Vergleich: 2013 hatte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) über insgesamt 770.000 Rückrufe berichtet – im ganzen Jahr. Aktuellere Zahlen zu diesem Thema nennt die Flensburger Behörde nicht.

Es hapert hierzulande aber nicht nur an einer genauen Rückrufstatistik. Auch bei Produktüberwachung und Verbraucherinformation gilt Deutschland eher als Entwicklungsland. Während die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA regelmäßig eigene Tests durchführt und die Bevölkerung ebenso ausführlich wie lückenlos über gravierende Automängel unterrichtet, bleibt das KBA solche Informationen schuldig. Fachleute wie der Duisburger Hochschulprofessor Ferdinand Dudenhöffer nennen die Behörde deshalb "einen zahnlosen Tiger". Sie greife nur selten durch und vertraue darauf, dass die Autohersteller ihre Rückrufaktionen freiwillig durchführen.

Doch darauf ist offenbar kein Verlass. Das zeigen die Berichte von US-Behörden. Nicht nur Volkswagen verzögerte die Nachbesserung der mit einer Mogelsoftware ausgestatteten Dieselmodelle immer wieder, auch BMW steht inzwischen in den USA wegen zweifelhafter Rückrufmethoden am Pranger. Der bayerische Hersteller hatte im Herbst 2014 der NHTSA zwar zugesagt, Sicherheitsmängel beim Mini kurzfristig zu beheben, doch die notwendige Rückrufaktion gar nicht gestartet. Dem war die Behörde im Juli 2015 bei einem Crashtest auf die Schliche gekommen.

Die Folge: Zwei Tage vor Weihnachten brummte man BMW eine 40-Millionen-Dollar-Strafe auf und ordnete den unverzüglichen Rückruf der betroffenen Mini-Modelle an. Drei Jahre zuvor hatte BMW in den USA schon einmal wegen ähnlichem Verhalten eine Geldbuße in Höhe drei Millionen Dollar bezahlen müssen. "Zwei Fälle in drei Jahren. BMW muss seine Prozesse verbessern und sein Verhalten überdenken. Sicherheit gehört an die Spitze der Prioritätenliste", sagt NHTSA-Kontrolleur Mark Rosekind.

Vorsicht, Heckklappe!

Für das Jahr 2014 listet der NHTSA-Report mehr als 800 Auto-Rückrufe wegen Sicherheitsmängeln auf. Davon waren sage und schreibe rund 64 Millionen Fahrzeuge betroffen. Noch nie zuvor hatte es laut der US-Behörde so viele Rückrufaktionen gegeben, doch für 2015 rechnet sie sogar mit noch höheren Zahlen.

Allein Fiat Chrysler musste voriges Jahr in den USA mehr als elf Millionen defekte Fahrzeuge nachbessern oder von seinen Kunden zurückkaufen. Und die Pannen beim japanischen Autozulieferer Takata, dessen Airbags nicht zuverlässig funktionieren, betreffen in den USA derzeit nochmals rund 19 Millionen Autos von zwölf verschiedenen Herstellern.

Sicherheitsthemen dominieren auch die ADAC-Datenbank über Pkw-Rückrufaktionen in Deutschland. Dabei ging es 2015 nicht nur um fehlerhafte Airbags, die bei Modellen von Audi, BMW, Nissan, Mazda, Toyota und VW überprüft wurden. Nicht minder gefährlich waren Risse in den Bremsschläuchen (Range- und Land-Rover), mangelhafte Sitzbefestigungen (Mercedes), defekte Handbremsen (Volvo), bruchgefährdete Radlagergehäuse (VW), lose Pedale und Querlenker (Renault), undichte Kraftstoffdrucksensoren (Lexus) oder herabfallende Heckklappen (Opel), die als serienmäßige Mängel erkannt wurden und bei Tausenden Autos repariert werden mussten.