Der Prototyp eines kettenlosen Elektrofahrrads (Archivbild) © Wolfgang Rattay/Reuters

In vier sogenannten "Schaufenstern Elektromobilität" fördert die Bundesregierung seit 2012 die Entwicklung und Erprobung von Gefährten mit elektrischem Antrieb. Mit 180 Millionen Euro staatlicher Mittel sollen zahlreiche Pilotprojekte vorangebracht, gebündelt und "sichtbar gemacht" werden, wie es in der Eigendefinition so schön heißt. In erster Linie fließt das Geld allerdings in Autos – auch wenn stets von Elektrofahrzeugen die Rede ist.

Im gemeinsamen Schaufenster von Sachsen und Bayern ("Elektromobilität verbindet") etwa befasst sich gar kein Projekt mit elektrisch unterstützten Rädern, "da sich der Markt für Pedelecs weitestgehend selbst trägt", wie Cathleen Klötzing von der Sächsischen Energieagentur Effiziente Mobilität erklärt. Einen ähnlichen Blick hat ihr Kollege Wolfgang Fischer: "Das Pedelec braucht keine Förderung mehr. Es hat sich bereits als Fahrzeug etabliert", sagt der Sprecher von e-mobil BW, der Landesagentur für Elektromobilität und Brennstoffzellentechnologie Baden-Württemberg. Sie koordiniert das Schaufenster-Programm im Südwesten.

Gewiss, die technische Entwicklung mag weit fortgeschritten sein. Angemessene Reichweiten und verlässliche Akkutechnologie sind bei Pedelecs schon Usus. Die Marke von einer Million Fahrzeugen auf der Straße haben sie längst überschritten. Doch das Pedelec hat ein anderes Problem: Es wird unterschätzt. Zwar hat die junge Fahrzeuggattung in den zurückliegenden fünf Jahren einen enormen Entwicklungsprozess hingelegt, aber in der repräsentativen Online-Befragung für den Fahrrad-Monitor Deutschland 2013 gaben nur zwölf Prozent an, dass sie überhaupt schon mal auf einem Pedelec gesessen haben.

Gerade für Pendler könnten die Räder mit elektrischer Unterstützung attraktiv sein. Doch sie sind vielen unbekannt. Sie müssten sie testen, um zu erfahren, dass Pedelecfahren Spaß machen kann und Zeit spart. "Zeit ist ein wichtiger Faktor für Pendler", sagt Fischer. "Noch wichtiger als finanzielle Vorteile."

Leih-Pedelecs für Stuttgarter Pendler

Dass das Pedelec seine Nutzer im Alltag schnell überzeugt, zeigt in Baden-Württemberg das Projekt Netz-E-2-R. An zunächst zwei Bahnhöfen wurden E-Bike-Stationen mit jeweils zehn Miet-Pedelecs errichtet. Die sehr robusten Räder wurden eigens für den Ausleihbetrieb entwickelt. Beim Andocken in der Halterung laden sie sich selbstständig auf. Ein besonderer Anreiz war der günstige Nachttarif: Von 18 bis 9 Uhr konnte man ein Pedelec für maximal zwei Euro über Nacht mit nach Hause nehmen.

Das Angebot wird von Pendlern rege genutzt, wie Fischer berichtet. Mittlerweile gibt es sechs weitere Stationen, und noch mal sieben sind für 2016 geplant. Die Stationen befinden sich im äußeren S-Bahn-Bereich von Stuttgart, dort also, wo einst um Ortschaften mit historischen Ortskernen große Industriestandorte entstanden, in denen heute viele Pendler arbeiten. Inzwischen zeigt sich, dass auch Touristen die Räder tagsüber häufig mieten. Erst so werden sie rentabel.

"Das Pedelec ist eine Alternative zum Auto im Pendlerverkehr", sagt Arne Sudhoff, Sprecher des größten deutschen Fahrradherstellers Derby Cycle. Für ihn nehmen Elektrofahrräder im Mobilitätsmix der Zukunft eine relevante Rolle ein. Warum, das zeigt eindrucksvoll das Berliner Schaufenster-Projekt E-Bike-Pendeln. Ein Jahr lang konnten 324 Pendler für acht bis zehn Wochen Pedelecs kostenlos ausleihen. 100 Räder standen ihnen zur Verfügung. Die Projektidee war charmant: Der erlebte Fahrspaß sollte die Berufstätigen zum Umsteigen vom Auto verführen.

Die Idee funktionierte. In der Testphase wurde rund jeder zweite Arbeitsweg mit dem Pedelec zurückgelegt. Eine Teilnehmerin gab an, dass sie die Gesamtstrecke, die sie in acht Wochen mit dem Pedelec zurückgelegt habe, sonst nicht mal in einem Jahr radle. Wie ihr ging es vielen, denn die Mehrzahl der Studienteilnehmer pendelte zuvor mit dem Auto zur Arbeit. Das Pedelec hat ihr Mobilitätsverhalten verändert. Das Berliner Projekt zeigt, was ausgiebige Testfahrten bewirken können.