Seit Montag sind die Stuttgarter aufgefordert, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zu fahren oder Fahrgemeinschaften zu bilden. Bereits seit Sonntagabend sollten die Stuttgarter auch auf ihre sogenannten Komfortkamine verzichten, die nur zusätzliche Wärmequellen sind. Grund sind "drei Tage der Freiwilligkeit", die die Stadtverwaltung wegen der Wetterlage ausgerufen hat. Die führt derzeit dazu, dass Abgase – und damit auch gesundheitsgefährdender Feinstaub – im Talkessel von Stuttgart verharren, statt durch die Luftbewegung abzuziehen.

Täglich kommen etwa 225. 000 Berufspendler nach Stuttgart. Die Stadt empfiehlt ihnen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, Fahrgemeinschaften zu bilden, Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen. Wer doch ein Auto braucht, könne auf ein Elektroauto oder ein E-Taxi umsteigen, hieß es. Bisher gilt der Aufruf bis Mittwoch, sein Ende hängt von der Wetterlage ab und ist derzeit offen.

Doch wie sich am Montagmorgen zeigte, folgen nur wenige dem Aufruf. In den Nahverkehrszügen war nicht mehr los als sonst. Auf den Straßen war kaum weniger Individualverkehr, wie der SWR in Stichproben ermittelte – obwohl die Stadtverwaltung auch auf Leuchttafeln mit dem Text "Feinstaub-Alarm" und durch zuvor aufgehängte Plakate die Autofahrer aufforderte, auf die Verkehrsbetriebe umzusteigen.   

Bus- und Bahnbetreiber, Mietwagen- und Carsharing-Unternehmen werben während der Feinstaubtage mit Sonderangeboten: Erwachsene dürfen zum Kindertarif fahren, für Jahresabos gibt es einen Freimonat gratis. Ein Stadtauto-Netzwerk bietet Elektromobile zum halben Mietpreis – was allerdings nur Menschen nutzt, die bereits in Stuttgart sind.

Erhöhte Feinstaubwerte werden in vielen deutschen Großstädten gemessen. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt aber wird der Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter besonders häufig überschritten, weil die Stadt in einem Talkessel liegt. In den Statistiken des Umweltbundesamtes ist Stuttgart seit Jahren die Hauptstadt der schlechten Luft – 2015 lag die Belastung im Tagesdurchschnitt wieder an 61 Tagen über dem Grenzwert. Erlaubt sind 35 Tage. Die Möglichkeit, den Feinstaub-Alarm auszurufen, hatte die Stadtverwaltung gemeinsam mit dem Regierungspräsidium und der Landesregierung Ende 2015 beschlossen. Er soll helfen, die Tage der Grenzwertüberschreitungen zu reduzieren.

Fahrverbote erst ab 2018

Wer dem Aufruf nicht nachkommt, bleibt derzeit unbehelligt. Sollte der freiwillige Autoverzicht aber die Feinstaubbelastung nicht reduzieren, sind nach Auskunft der Stadtverwaltung von 2018 an Fahrverbote möglich, etwa für Fahrzeuge, in denen nicht eine bestimmte Mindestzahl an Insassen sitzt. Oder Verbote für Fahrzeuge mit geraden oder ungeraden Kennzeichenendziffern. Unabhängig davon drohen seit 2011 europäischen Kommunen Strafen der EU für die Überschreitung der Feinstaubgrenzwerte in einzelnen Ballungsräumen, darunter eben auch Stuttgart. Doch vielen Regionen räumte die EU Übergangsfristen ein und berücksichtigte positiv, wenn die Kommunen bereits etwas gegen Feinstaub tun. Viele Großstädte haben ihre City-Lagen auch zu Umweltzonen erklärt, in die nur Fahrzeuge mit einer grünen Plakette fahren dürfen.

Selbst wenn sich in den Bahnen und auf den Straßen in Stuttgart die Wirkung des Umweltaufrufs noch nicht so richtig zeigen sollte, hoffen die regionalen Verantwortlichen auf die indirekte Wirkung des Alarms. Eine Sprecherin des Verkehrsministerium sagte laut SWR, es werde zum ersten Mal diese Sorte von Sensibilisierung ausprobiert. "Die Sensibilisierung an bestimmten Tage kann anders wirken, weil so die notwendige Präsenz des Themas in Medien und öffentlichem Raum hergestellt werden kann." Mit anderen Worten: Wenn das Thema im Bewusstsein verankert wird, könnte es auch eine Verhaltensänderung bewirken.