Auch die Autos von Renault stoßen auf der Straße viel mehr Abgase aus als im Prüflabor. © Loic Venance/AFP/Getty Images

CGT und Renault – da werden bei Altlinken schnell sentimentale Erinnerungen an den Mai 1968 wach: Generalstreik, Selbstverwaltung der Arbeiter, Revolutionseuphorie. Dafür stand einst die ex-kommunistische CGT-Gewerkschaft unter dem Dach des französischen Autoherstellers Renault. Ihr einmonatiger Streik im Mai 68 ist heute Arbeiterlegende. Doch immer noch führt die CGT bei Renault ihr Eigenleben und schafft es gelegentlich, die Konzernführung an den Rand des Wahnsinns zu bringen.

So geschehen diese Woche: Ein Flugblatt der Gewerkschaft am Mittwoch reichte. Darin erfuhr die Finanzwelt, dass das französische Wirtschaftsministerium bei Renault Durchsuchungen zu den Zulassungsverfahren für Dieselmotoren unternommen hatte. Sofort witterten die Anleger einen weiteren VW-Skandal – und die Renault-Aktie verlor am Donnerstag bis zu 20 Prozent ihres Wertes. Sechs Milliarden Euro in Luft aufgelöst!

Gleich zwei französische Minister mussten öffentlich antreten, um die Börse zu beruhigen. Wirtschaftsminister Emmanuel Macron und Umweltministerin Ségolène Royal schlossen einen weiteren Skandal wie bei Volkswagen aus. Dennoch hatten die vorlauten Gewerkschafter mit ihrem Flugblatt recht, auf die außergewöhnlichen Durchsuchungen hinzuweisen: Denn es gibt auch einen Renault-Skandal, er hat nur nicht die Ausmaße wie bei VW.

Kein Verfahren, aber Imageverlust

Was es bei Renault nicht gibt: die Betrugssoftware, mit der VW die Testläufe seiner Dieselmotoren bewusst manipuliert hatte. Aber was es bei Renault genauso wie bei VW gibt: viele Autos, die auf der Straße mehr Abgase ausstoßen, als die Tests vermuten lassen und die Gesetze vorschreiben. Das nämlich zeigen Tests einer unabhängigen Kommission, die das französische Umweltministerium nach Bekanntwerden des VW-Skandals einsetzte, um die eigene Autoindustrie nach ähnlichen Vergehen wie bei den Wolfsburgern zu durchforsten.

Diese Kommission wurde fündig: Sie testete Renault-Motoren, die die Abgasvorschriften für Stickoxid und Kohlendioxid bei Weitem übertrafen. Auch deshalb schickte das Wirtschaftsministerium seine Fahnder zu Renault.

Nun hat der Konzern zwar keine weiteren juristischen Verfahren zu erwarten, aber doch einen gehörigen Imageverlust zu beklagen. Tatsächlich gab die Renault-Aktie am Freitag erneut bis zu fünf Prozent nach und zog auch den Konkurrenten PSA (Peugeot, Citroën) zum Teil mit in den Keller. Doch PSA ist ein ganz anderer Fall: Das Unternehmen kam bei den Tests nämlich ungeschoren davon, weil es seit Jahren bessere Abgastechnologie einsetzt und auch schon in eigener Regie unabhängige Tester ins Haus lässt, die die Abgaswerte kontrollieren.

Für VW spendet der Fall Renault übrigens wenig Trost. Denn die französische Kommission fand auch heraus, dass von den 22 untersuchten Testfahrzeugen verschiedener Marken nur bei den VW-Modellen die bekannte Betrugssoftware eingesetzt wurde. Das könnte übrigens auch an den als Watchdog besser funktionierenden französischen Gewerkschaften liegen. Die CGT in Billancourt, dem Sitz von Renault bei Paris, war halt immer schon konzernkritischer als die IG Metall in Wolfsburg.