Airbag, Sidebag, Gurtstraffer, aktive Kopfstütze – das sind große Errungenschaften auf dem Gebiet der Automobilsicherheit, denen Tausende Autoinsassen Leben und Gesundheit verdanken. Das betonen die Hersteller immer wieder zu Recht.

Doch es ist nur eine Seite der Medaille. Denn während Fahrer und Beifahrer von immer mehr und immer besseren Schutzsystemen profitieren, bietet man für die Hinterbänkler nach wie vor nur Einfachtechnik an. Sie sitzen buchstäblich auf den billigen Plätzen, wo es außer Gurt und Kopfstütze keine weiteren Schutzsysteme gibt. Der ADAC spricht in diesem Zusammenhang von "Mitfahrern zweiter Klasse".

Das muss sich ändern, fordern Experten wie Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV): "Wir erwarten, dass die Fahrzeughersteller für alle Insassen das gleiche Sicherheitsniveau bereitstellen", sagt er und legt erstmals konkrete Zahlen vor: Obwohl die Rücksitze der Personenwagen nur selten besetzt sind, sterben dort bei Verkehrsunfällen jährlich rund 130 Menschen. Das entspricht immerhin knapp zehn Prozent aller tödlich verunglückten Autoinsassen Deutschlands. Weitere 2.800 Hinterbänkler werden bei Unfällen schwer verletzt.

Nach der Analyse von mehr als 1.700 Verkehrsunfällen ist für Brockmann und seine Kollegen eines völlig klar: "Für Fondinsassen reicht der Drei-Punkt-Automatikgurt bei hoher Unfallschwere nicht aus." Denn auch im Fond wirken bei einem Unfall enorme Kräfte. Der ADAC registrierte Werte von bis zu einer Tonne, denen Heckpassagiere durch die aufprallbedingte Beschleunigung ihrer Oberkörper ausgesetzt sind. Die Folgen dieser Belastungen könnten nur mithilfe moderner Rückhaltesysteme vermindert werden, urteilt der Automobilclub. Er fordert, wie die Unfallforscher der UDV, die gleiche Gurttechnik wie an den vorderen Sitzplätzen, wo neben den Airbags auch Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer schon seit Langem zusätzliche Sicherheit bieten.

Fond mit primitiver Gurttechnik

Crashtests zeigen, dass diese Technik im Fond ebenso sinnvoll ist und die Verletzungsschwere der Mitfahrer deutlich vermindern kann. Der Straffer sorgt dafür, dass der Gurt beim Unfall eng am Körper anliegt und der Autoinsasse in seinem Sitz fixiert wird. Der Kraftbegrenzer tritt hingegen erst nach der kritischen Aufprallphase in Aktion, reduziert die Rückhaltekraft und verhindert so die Einwirkung des Gurtbandes auf den Oberkörper. Durch dieses Zusammenspiel können Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer die unfallbedingten Belastungswerte der Fondpassagiere um bis zu 40 Prozent verringern, stellte die Unfallforschung der Versicherer fest.

Zugleich kritisieren die Hamburger Fachleute aber auch das Verhalten vieler Rücksitzpassagiere, die sich während der Fahrt oft zur Seite oder nach vorne beugen, um sich besser mit Fahrer oder Beifahrer unterhalten zu können. Das Problem: In solchen Sitzpositionen kann der Gurt sie beim Unfall nicht optimal schützen. Kopf und Oberkörper werden weit nach vorne katapultiert und prallen gegen die Rückenlehne des Vordersitzes. Außerdem besteht bei falscher Sitzhaltung die Gefahr des sogenannten Submarinings: Fondinsassen rutschen beim Aufprall unter dem Beckengurt durch, was schwere Bauchverletzungen zur Folge hat.

Noch gefährlicher leben allerdings jene Fondinsassen, die den Sicherheitsgurt gar nicht benutzen. Laut UDV sind hierzulande immerhin rund 27 Prozent der schwer verletzten Rücksitzinsassen nicht angeschnallt. Das liegt nach Meinung der Fachleute aber nicht nur an Bequemlichkeit, Vergesslichkeit oder einem trügerischen Sicherheitsgefühl, das viele Mitfahrer glauben lässt, auf den Rücksitzen wäre der Gurt nicht notwendig.

Ebenso mitverantwortlich sei die zum Teil primitive Gurttechnik im Fond, so die UDV. Denn zum einen ist das Anschnallen oft ziemlich unbequem, weil die Gurtschlösser erst umständlich aus der Rücksitzbank herausgezogen werden müssen. Zum anderen verzichten die Autohersteller auf den Einbau von Höheneinstellungen, sodass der Gurt vielen Menschen am Hals scheuert. Beides hat zur Folge, dass viele Hinterbänkler aufs Anschnallen verzichten – und damit nicht nur sich selbst, sondern auch Fahrer und Beifahrer gefährden: Bei einem Unfall werden nicht angeschnallte Fondinsassen mit so großer Wucht nach vorne katapultiert, dass sie die Insassen auf den Vordersitzen regelrecht zerquetschen können.