Noch zu Beginn dieses Jahrzehnts freute man sich über sinkende Unfallzahlen – das ist vorbei: 2015 war eines der unfallreichsten Jahre seit Langem. Nicht nur die Zahl der Verkehrsunfälle ist in Deutschland um vier Prozent auf rund 2,5 Millionen gestiegen, auch die Folgen dieser Unfälle waren laut der Prognose des Statistischen Bundesamts schlimmer als in den Jahren zuvor. Zum zweiten Mal in Folge stieg die Zahl der Verkehrstoten: 3.450 Menschen kamen im Straßenverkehr ums Leben. Das waren etwa zwei Prozent mehr als 2014. Rund 390.000 Menschen wurden verletzt.

Zu hohe Geschwindigkeit, zu geringer Abstand, Ablenkung und Alkohol, das sind die vier Kernpunkte, die von Polizisten und Politikern immer wieder als Gründe für schwere Verkehrsunfälle genannt werden. Tempolimits, höhere Bußgelder und Blitzer-Marathons sollen die Autofahrer erziehen und für mehr Sicherheit sorgen. Doch die Unfallstatistik widerspricht.

Deshalb meinen Fachleute, es werde höchste Zeit, sich auch mit anderen Aspekten zu beschäftigen, die das Unfallgeschehen negativ beeinflussen. Zum Beispiel mit dem Zustand unserer Landstraßen. Denn die seien "schön, aber auch lebensgefährlich", warnt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat. Zwei Drittel aller Verkehrstoten Deutschlands sind Opfer von Landstraßenunfällen.

Das liegt nicht nur an zu schneller und zu riskanter Fahrweise, auch die Straßen sind ein Problem. Ihr baulicher Zustand, ihre Trassenführung und ihre Sicherheitsausstattung sind nach Ansicht von Verkehrsforschern oft so mangelhaft, dass die Strecken für viele Kollisionen mitverantwortlich sind und die Unfallfolgen zusätzlich verschlimmern.

Darum hat der ADAC in einem mehrjährigen Projekt die Bundesstraßen in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen abgefahren und bewertet. Über 8.400 Kilometer fuhren die Tester. Ziel war es, die Strecken nach einem ähnlichen Schema zu bewerten, wie es die Organisation EuroNCAP in Crashtests für Neuwagen tut: Straßen mit geringem baulichem Sicherheitsrisiko wurden auf einer Landkarte grün markiert und erhielten vier Sterne, für hohes Risiko vergab man nur einen Stern und einen schwarzen Karteneintrag.

Gefährliche Enge

Die grünen – sprich: sicheren – Straßen muss man auf der ADAC-Karte lange suchen. Nur zwölf Prozent aller Strecken erhielten diese Bestnote. Bei den zweispurigen Strecken entsprechen sogar nur vier Prozent den höchsten Sicherheitsstandards. Stattdessen dominieren in der ADAC-Statistik die rotgefärbten Zwei-Sterne-Strecken (62 Prozent), auf denen ein "hohes bis mittleres Unfallrisiko" besteht. 13 Prozent der geprüften Straßen erhielten die schlechteste Bewertung. Sie bergen aufgrund ihres baulichen Zustands ein hohes Unfallrisiko.

"In der Gesamtschau schneidet Baden-Württemberg aufgrund des höheren Anteils vierspuriger Bundesstraßen etwas besser ab als die anderen Bundesländer", erläutert Christoph Hecht, Straßenbauexperte beim ADAC. Insgesamt falle die Bewertung der deutschen Bundesstraßen gegenüber vergleichbaren Landstraßen im Ausland aber schlecht aus, lautet Hechts Fazit.

Die ADAC-Tester kritisieren vor allem die schmalen Fahrbahnen vieler zweispuriger Bundesstraßen, die mit nur 3,25 bis 3,50 Meter im internationalen Vergleich nicht Schritt halten könnten. Deshalb wird es manchmal gefährlich eng, zumal die Karosserien der Fahrzeuge in den letzten Jahren immer breiter geworden sind. Ein Omnibus misst heute in der Breite (inklusive Außenspiegel) bis zu 2,95 Meter, so dass es oft um Haaresbreite geht, wenn sich zwei Busse auf der Landstraße begegnen. Hinzu kommt laut ADAC, dass es an den Bundesstraßen nur selten befestigte Seitenstreifen gibt, die im Notfall als Ausweichzonen genutzt werden können.

Auch falsch berechnete Kurven mit zu kleinen Radien und andere Planungsfehler sind nach Ansicht der Fachleute für viele Unfälle mitverantwortlich. Die Regeln für sicheren Straßenbau seien "seit Jahrzehnten bekannt und in Richtlinien niedergelegt", stellt der ADAC fest und urteilt, dass trotzdem viele Straßen "gravierende Sicherheitsmängel" aufweisen. Bauliche Verbesserungen würden aus Kostengründen nur selten vorgenommen, "obwohl diese langfristig schwere Unfälle verhindern können".